War Martin Luther eigentlich Tolerant?War Martin Luther eigentlich Tolerant?

War Martin Luther eigentlich Tolerant?

Hintergrund/ Grundsatz

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Materialart: Hintergrund/ Grundsatz
Zielgruppen: Jugendliche (15-19 Jahre), Konfis, Teens (12-16 Jahre)
Einsatzgebiete: Schule + Jugendarbeit, Schulung
Redaktion: ChurchNight

Wenn wir heute von Toleranz sprechen, meinen wir das Gelten lassen und Gewähren lassen von uns fremden Überzeugungen oder Handlungen. Es geht um das „Ertragen“ oder „Erdulden“ (von lat. tolerare) anderer Auffassungen, auch in Fragen des Glaubens oder der Religiosität.
Dieser moderne Toleranzbegriff hat sich als eine späte Folge der reformatorischen Umwälzungen herausgebildet. Für die Reformatoren war diese Form der Toleranz noch nicht vorstellbar. Man ging davon aus, „nur ein einheitlicher Glaube halte die Gesellschaft zusammen“ (Axel Gotthardt, S.59). Martin Luther setzte sich dennoch damit auseinander wie mit Menschen umzugehen ist, die andere Glaubensüberzeugungen haben.
Ulrich Erhardt hat sich für uns auf Spurensuche begeben…

Kein äußerer Zwang in Glaubensfragen

Martin Luthers reformatorische Erkenntnis der Rechtfertigung vor Gott allein durch den Glauben führte ihn zunächst in eine theologische Auseinandersetzung innerhalb der damaligen katholischen Kirche. Doch sehr rasch geriet er damit in das Visier der politisch Mächtigen und wurde vom Kaiser 1521 mit der Reichsacht ( =  durch den früheren Adel, Kaiser oder König entzogene Rechtsfähigkeit) belegt. Für ihn war daher klar, dass aus Glaubensgründen niemand von weltlicher Macht verfolgt werden darf. Dies legte er in seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“ 1523 dar. Deshalb beriefen sich die frühen Verfechter einer Toleranz auf diese Schrift.

Luther und die Täufer 1524 bis 1529

Luthers Position wurde gewissermaßen einem „Praxistest“ unterzogen, als seit 1524 Bewegungen aufkamen, die die Kindertaufe ablehnten. Theologisch war für Luther die Kindertaufe wichtig, weil dadurch deutlich wird, dass Gottes Gnade jeder Glaubensentscheidung des Menschen vorangeht. Die Gesinnung der „Täufer“ sollte jedoch nicht juristisch verfolgt werden, sondern dem Gericht Gottes überlassen bleiben. Sozialer Aufruhr hingegen ist zu ahnden, wenn auch nicht mit der Todesstrafe. Damit stellte er sich gegen das kaiserliche Recht, das die Todesstrafe für die Täufer forderte, und auch seinen Mitreformator Philipp Melanchthon, der zumindest die Hinrichtung der Anführer befürwortete. „Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass Luther eine ausgesprochene Empathie mit den armen Täuferkreaturen erkennen lässt. Er erklärt die Hinrichtungen für Unrecht und spricht sich sehr deutlich für religiöse Toleranz aus.“ (Jörg Trelenberg, S.26)

Verhärtungen 1529 bis 1534

Dies scheint sich nach dem Reichstag von Speyer 1529 zu ändern. Dort wird noch einmal – mit Zustimmung evangelischer Reichsstände – das staatliche Vorgehen gegen die Täufer bekräftigt. Luther will zwar in seiner Auslegung von Psalm 82 im März 1530 nach wie vor keine juristische Verfolgung persönlicher Glaubensüberzeugungen, sobald sie jedoch öffentlich werden, sollen sie mit aller Härte bestraft werden. In einer Tischrede aus dieser Zeit befürwortet er sogar das Köpfen der „Wiedertäufer“. Ausdrücklich stimmt er 1531 einem Gutachten Melanchthons zu, das den sächsischen Kurfürsten ermutigt, eine in Eisenach inhaftierte Täufergruppe hinzurichten. Im Hintergrund steht für Luther die damals fast von allen vertretene „politische Binsenweisheit: nur ein einheitlicher Glaube halte die Gesellschaft zusammen“ (Axel Gotthardt, S.59).
Deutlich zurückhaltender, was die Bestrafung der Täufer anbetrifft, war unter Luthers Anhängern der Schwäbisch Haller Prediger Johannes Brenz. Der Nürnberger Kanzleischreiber Georg Fröhlich plädierte sogar ab 1528 dafür, unterschiedliche Glaubensrichtungen in einem Gemeinwesen zuzulassen und lediglich Verstöße gegen die öffentliche Ordnung zu ahnden. Obwohl er sich auf Luther berief, lehnten sowohl Luther als auch Brenz in Gutachten für den Nürnberger Rat diese Position ab. Der Rat folgte dann der Empfehlung dieser Gutachten.

Gegen den Teufel hilft keine Gewalt – der alte Luther

Luther selber wendet sich nach 1534 wieder von der Befürwortung der Todesstrafe ab. Er sieht – wohl unter dem Eindruck der Vorgänge im „Täuferreich zu Münster“ – hinter den Täufern den Satan am Werk, dem nur mit geistlichen, nicht aber mit politischen Mitteln beizukommen ist.

Toleranz und Intoleranz nach Luther

Ein Tief- und zugleich Wendepunkt reformatorischer Intoleranz nach dem Tod Luthers war die vom Genfer Reformator Johannes Calvin befürwortete und von Melanchthon begrüßte Hinrichtung des spanischen Arztes Michael Servet in Genf 1553, weil er die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes geleugnet hatte. Der Humanist Sebastian Castellio kritisierte das 1554 scharf. Er berief sich dabei auf Luthers Obrigkeitsschrift und auf Johannes Brenz. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 und nach dem Dreißigjährigen Krieg der Westfälische Friede 1648 erlaubten zumindest Andersgläubigen die Auswanderung. Tatsächlich aber führte der Eindruck der Religionskriege in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und England zu verstärkten Forderungen nach religiöser Toleranz, die sich aber erst seit dem Zeitalter der Aufklärung allmählich durchsetzte.

Von Luther Toleranz lernen?

Luther und die anderen Reformatoren am Toleranzbegriff der Aufklärung oder gar der Moderne zu messen, wäre verfehlt. Sie waren Kinder ihrer Zeit, die sich ein Gemeinwesen nicht vorstellen konnten, das im Glauben nicht einig wäre. Festzuhalten ist, dass Luther fast durchweg äußeren Zwang in Glaubensfragen ablehnte. Das kann von ihm gelernt werden: Toleranz heißt nicht Gleichgültigkeit gegenüber der fremden und der eigenen Glaubensüberzeugung. Geistlich und theologisch hat man sich damit auseinanderzusetzen. Dazu gehört, zunächst die Position des anderen zu verstehen und ernst zu nehmen. Das Ernstnehmen bedeutet dann aber auch, inhaltliche Differenzen zu benennen. Nur so ist ein respektvoller Umgang miteinander möglich. Durchaus in Übereinstimmung mit Luthers Grundüberzeugung, dass politisch kein Druck in Glaubensfragen ausgeübt werden darf, aber über ihn hinausgehend, ist nach einem friedlichen Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher religiöser oder weltanschaulicher Orientierungen zu suchen – auf der Ebene eines Staates, aber ebenso im Zusammenhang einer Welt, die zum „globalen Dorf“ zusammengewachsen ist.

  • Autor / Autorin: Ulrich Erhardt
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