Du bist ein Gott, der mich siehtDu bist ein Gott, der mich sieht

Einheit: Du bist ein Gott, der mich sieht

Verband: Deutscher EC-Verband
Zeitbedarf: 45-75 Min. (Vorbereitung: 15-25 Min.)
Materialart: Bibelarbeit
Zielgruppen: Jugendliche (15-19 Jahre), Junge Erwachsene (18+), Studenten
Einsatzgebiete: Freizeiten, Gruppenstunde
Redaktion: echt.
Bibelstelle: 1. Mose 16,1-16
1. Mose 16,1-16,16

16

Hagar und Ismael

(vgl. Kap 21,9-21)

1Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine Ă€gyptische Magd, die hieß Hagar. 2Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der Herr hat mich verschlossen, dass ich nicht gebĂ€ren kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais. 3Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre Ă€gyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem Abram zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte.

4Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering. 5Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme ĂŒber dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der Herr sei Richter zwischen mir und dir. 6Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir’s gefĂ€llt. Da demĂŒtigte Sarai sie, sodass sie vor ihr floh.

7Aber der Engel des Herrn fand sie bei einer Wasserquelle in der WĂŒste, nĂ€mlich bei der Quelle am Wege nach Schur. 8Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. 9Und der Engel des Herrn sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demĂŒtige dich unter ihre Hand.

10Und der Engel des Herrn sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezĂ€hlt werden können. 11Weiter sprach der Engel des Herrn zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebĂ€ren, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der Herr hat dein Elend erhört. 12Er wird ein Mann wie ein Wildesel sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird sich all seinen BrĂŒdern vor die Nase setzen.

13Und sie nannte den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat. 14Darum nannte man den Brunnen: Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. Er liegt zwischen Kadesch und Bered.

15Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael. 16Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar.

Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

1. ErklÀrungen zum Text

V.1-2: „Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind.“ In diesem einen kurzen Satz ist die Tragödie eines ganzen Lebens zusammengefasst. In Kapitel 15 wird Abraham und Sarai von Gott ein Sohn versprochen, doch Sarai bleibt kinderlos. Kinder waren wichtige ArbeitskrĂ€fte und gleichzeitig eine Art „Altersvorsorge“. Das Leben einer Frau war nur dadurch „vollstĂ€ndig“ und „ganz“, wenn sie als Teil der Familie ihrem Mann ein Kind schenken konnte. Es geht fĂŒr Sarai also ganz existentiell um den Sinn und die ErfĂŒllung der Bestimmung ihres Lebens als Frau. Kinder werden im Alten Testament immer als „Segensgabe“ Gottes gesehen. Der Umkehrschluss ist unabwendbar: Kinderlosigkeit bleibt ein „UnglĂŒck“, das als Entzug des göttlichen Segens gewertet wird. Besonders groß war die Bedeutung des mĂ€nnlichen Nachkommens, der fĂŒr den Fortbestand der Sippe notwendig war. Wenn ein mĂ€nnlicher Stammhalter ausblieb, konnte die Sklavin der Frau „stellvertretend“ mit dem Sippenoberhaupt ein Kind zeugen. Das war eine legitime Möglichkeit, einen Nachkommen zu bekommen und ist nicht zwingend als Misstrauen gegen Gott zu deuten.

V.3-6: Der Konflikt der beiden Frauen ist ein zentrales Thema der ersten Verse des Textes. Er wird nicht moralisch gewertet, sondern zunĂ€chst einfach beschrieben. Die Forderung von Sarai „Der Herr sei Richter zwischen mir und dir“ entspricht einer aus der Rechtsprechung bekannten Formulierung.

V.7-14: Der zweite Teil des Textes beschreibt eine Begegnung an einem Brunnen. Die Anrede mit der eingeschlossenen Frage nach dem Ziel der Reise schließt sich an gĂ€ngige BegrĂŒĂŸungsformen jener Zeit an. Hagar erschrickt nicht vor der Person, die hier als Engel beschrieben wird. FĂŒr sie war es auf den ersten Blick wohl eine ganz normale Begegnung mit einem ganz normalen Menschen. Doch nach und nach wird klar: Hier hat Hagar es nicht mit einem ganz normalen Menschen zu tun, sondern mit einem Boten Gottes. Eine Begegnung, von der Hagar im Nachhinein sagen kann: „Ich bin Gott begegnet, der mich sieht“. Eine Begegnung, die ihr neue Hoffnung gibt.

2. Bedeutung fĂŒr den heutigen Hörer

Die Geschichte spricht viele tiefe Lebenserfahrungen an, die Menschen bis heute machen, auch wenn unsere gesellschaftlichen Rahmenbedingungen andere sind.

2.1 EnttÀuschte Hoffnungen und IdentitÀtskrise (V. 1-2)

Heute gibt es viele unterschiedliche Lebenskonzepte – mit oder ohne Partner und Kindern, ohne Partner, aber mit Kindern. Und nach wie vor hĂ€ngt fĂŒr viele der Wunsch nach Partnerschaft und Kindern mit der eigenen IdentitĂ€t zusammen. Doch auch andere LebensumstĂ€nde können ein Lebenskonzept auf einmal ins Wanken bringen. Die Ablehnung im Beruf, eine Krankheitsdiagnose, die mit EinschrĂ€nkungen fĂŒr das weitere Leben verbunden ist, oder das Erkennen eigener Grenzen kann fĂŒr Junge Erwachsene das Leben in Frage stellen – und damit auch den Glauben. Auch wir teilen die Erfahrung, dass manche Verheißungen Gottes offen bleiben, dass sein Segen eben nicht immer erlebbar ist. Es ist gut, wenn ich in den Vorbereitungen auf dieses Thema in Kontakt mit meinen eigenen Erfahrungen komme.

  • Wo steht Gottes Verheißung in Spannung zu meiner RealitĂ€t?
  • Wie gehe ich selbst mit dieser Spannung um?

2.2 RivalitÀt und Verletzungen in Beziehungen (V. 3-6)

Wo im Leben anderer scheinbar unsere TrĂ€ume verwirklicht werden, kann unser GegenĂŒber zur ProjektionsflĂ€che fĂŒr unsere eigenen, schmerzlichen Erfahrungen und unerfĂŒllten WĂŒnsche werden. Vielleicht habe ich Ă€hnliche Situationen schon erlebt. Wo ein anderer Mensch fröhlich auslebt, was mir verwehrt bleibt, bin ich schnell innerlich verletzt und neige dazu, Menschen „in die WĂŒste“ zu schicken. Vielleicht spielt es auch fĂŒr manche eine Rolle, dass die „Erfolge des Lebens“ heute immer mehr öffentlich ĂŒber soziale Netzwerke geteilt werden, vom gelungenen Kuchen ĂŒber den „Abend mit den Besten“ bis hin zu Bildern von der großen Liebe. Das GlĂŒck der Anderen steht uns so immer vor Augen.

2.3 Angesehen und geachtet (V. 7-16)

Wie verhĂ€lt es sich mit meinem Glauben in solchen Momenten? Was trĂ€gt mich in Situationen, in denen meine tiefsten SehnsĂŒchte enttĂ€uscht werden, in denen ich von anderen verletzt werde? FĂŒr Hagar ist es eine ganz einfache, aber tiefe Erkenntnis: „Du bist ein Gott, der mich sieht“. Dieser Satz ist kein Versprechen, dass alles „gut wird“, sondern die Zusage, dass ich Gott nicht gleichgĂŒltig bin. Gott nimmt mich wahr mit meinen enttĂ€uschten Hoffnungen, meinem ins Wackeln geratenen Selbstbild und mit allen naiven Unterstellungen und Feindseligkeiten. Ich kann vor ihm sein, wie ich bin. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ dieser Satz kann auch fĂŒr uns zum Trost und zur Kraftquelle werden, zu einem „inneren Brunnen“, an den ich immer wieder zurĂŒckkehren kann.

3. Methodischer Teil

3.1 Einstieg: I see You

Das Lied „I see You“ von Leona Lewis vorspielen und evtl. Text auf Deutsch dazu austeilen. Dieser Song ist die Titelmusik vom Blockbuster „Avatar“ – viele haben ihn bestimmt gesehen. In dem Film hat dieser Satz eine wichtige Bedeutung.

Mögliche GesprÀchsimpulse:

  • Dieser Satz scheint fĂŒr ein sehr tiefes menschliches BedĂŒrfnis zu stehen – angesehen, beachtet, wahrgenommen zu werden…
  • Es gibt Momente, in denen wir das BedĂŒrfnis haben, wirklich „gesehen zu werden“…
    (Dazu als GesprÀchsanregung Bilder mit unterschiedlichen Situationen auslegen.)

3.2 EnttÀuschung und Verletzungen: Verse 1-6

Um solche Momente geht es auch in unserem Bibeltext. Wir lesen die Verse 1-6 gemeinsam und kommen darĂŒber ins GesprĂ€ch. Hier können Gedanken aus der Vorarbeit mit einfließen.

Mögliche GesprÀchsimpulse:

  • Die tiefe EnttĂ€uschung von Sarai wirkt sich auf ihre Beziehung zu ihren Mitmenschen aus
  • Manchmal werden andere zur ProjektionsflĂ€che unserer eigenen enttĂ€uschten Hoffnungen
  • Menschen gehen ganz unterschiedlich damit um, wenn sie vom Leben und von Gott enttĂ€uscht werden

3.3 Ich sehe dich: Verse 7-16

Die Situation scheint ausweglos, der Konflikt nicht zu lösen, die persönlichen Verletzungen zu tief. Aber in dieser Situation kommt es zu einer Begegnung, die alles verĂ€ndert. Wir lesen gemeinsam die Verse 7-16 und kommen ins GesprĂ€ch darĂŒber.

Mögliche GesprÀchsimpulse:

  • „I See You“ / Ich sehe dich: Ein ganz schlichter Zuspruch Gottes, der bei Hagar eine große Wirkung hinterlĂ€sst. Irgendetwas hat sich bei ihr verĂ€ndert
  • Aus dieser individuellen Glaubenserfahrung erwĂ€chst eine Erkenntnis ĂŒber Gott, die uns heute zur VerfĂŒgung gestellt wird. Vielleicht kann auch das, was ich mit Gott erlebt habe, andere ermutigen
  • Orte oder Erlebnisse, die wir mit Gottesbegegnungen und Glaubenserfahrungen in Verbindung bringen, können uns helfen, uns an die Zusage Gottes zu erinnern, auch wenn wir sie gerade nicht erleben

3.4 Kreative Umsetzung: „Brunnenerfahrung“

Wo stehst du gerade in der Geschichte?

  • Vielleicht bist du gerade Sarai in ihrer Verzweiflung nahe: von Gott enttĂ€uscht.
  • Oder du fĂŒhlst eher mit Hagar in der WĂŒste: von Menschen verletzt.
  • Oder du findest dich am Brunnen wieder: Trotzdem von Gott liebevoll angesehen.

Wer möchte, ist eingeladen, eine Postkarte (z.B. mit einem Brunnen-Motiv) an sich selber zu schreiben oder einen „schriftlichen Energiedrink“ mit Edding zu gestalten:

  • Wo bin ich von Gott und dem Leben enttĂ€uscht und sehne mich nach einer „Brunnenerfahrung“?
  • Wo habe ich vielleicht schon einmal erlebt, wie gut es tut, wenn ich mich so wahrgenommen fĂŒhle, wie ich wirklich bin?

(Evtl. nebenher noch einmal das Lied „I see You“ laufen lassen.)

3.5 Ideen zum Abschluss

  • Gemeinsames Psalmgebet: Psalm 139
  • Gemeinsames Lied: Herr du durchschaust und kennst mich (FJ 2)
  • Autor / Autorin: Peter Kögler
  • © Deutscher EC-Verband