Lieber blind als verblendet!Lieber blind als verblendet!

Einheit: Lieber blind als verblendet!

Verband: Deutscher EC-Verband
Zeitbedarf: 60-90 Min. (Vorbereitung: 10-20 Min.)
Materialart: Bibelarbeit
Zielgruppen: Jugendliche (15-19 Jahre), Junge Erwachsene (18+), Studenten
Einsatzgebiete: Events + Projekte, Freizeiten, Gruppenstunde, Predigtvorbereitung
Redaktion: echt.
Bibelstelle: Johannes 9,35-41
Johannes 9,35-9,41

35Jesus hörte, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn? 36Er antwortete und sprach: Herr, wer ist’s, auf dass ich an ihn glaube? 37Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn ja gesehen, und der mit dir redet, der ist’s. 38Er aber sprach: Herr, ich glaube. Und er betete ihn an.

39Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden. 40Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und sprachen zu ihm: Sind wir denn auch blind? 41Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.

Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

1. Erklärung zum Text

Was bisher geschah…

Jesus begegnet einem Menschen, der von Geburt an blind ist. Seine Jünger nehmen diese Begegnung zum Anlass, nach der Sünde zu fragen (Krankheit war ein Zeichen, dass jemand Schuld auf sich geladen hat). „Wer hat gesündigt, der Blinde selbst oder seine Eltern?“ Jesus verneint beide Möglichkeiten. Die Blindheit ist nicht die Folge der Sünde, sondern Gottes Wirken wird sich an der Blindheit dieses Menschen zeigen. Jesus spuckt auf den Boden, macht einen Brei aus seiner Spucke (Speichel schrieb man im Altertum heilende Kraft zu) und beschmiert damit die Augen des Blinden. Nun soll dieser sich in einem nahen Wasserkanal waschen. Der Mann wäscht sich den Brei von den Augen und kann plötzlich sehen. Ein Wunder! Und eigentlich sollten sich die Menschen um ihn herum freuen und über die Macht Jesu staunen. Aber es kommt anders. Die Menschen glauben dem Mann nicht, dass er vorher blind war (bis sie seine Eltern holen, die es bestätigen). Die Pharisäer machen Jesus Vorwürfe, dass er am Sabbat dieses Wunder tat (es war verboten, einen Teig am Sabbat zu kneten und das Anrühren des „Breis“ wurde so ausgelegt). Schlussendlich gibt es einen großen Streit, wer dieser Jesus ist. Kann es sein, dass Jesus mit der Macht Gottes ausgestattet ist oder mit einer bösen Macht (denn er bricht das Gesetz)? Es entstehen hitzige Diskussionen und unterschiedliche Ansichten, wer dieser Jesus ist. Es führt soweit, dass der ehemals Blinde und nun Sehende aus der Gemeinschaft und Synagoge der Juden ausgestoßen wird, weil er weiterhin an Jesus glaubt. Jesus bekommt das mit und begegnet diesem Menschen noch einmal (V.35-41).

Erklärung der einzelnen Verse

V.35: Der Geheilte wird aus der Gemeinschaft der Juden ausgestoßen. Das war nicht nur ein Spruch nach dem Motto: „Du kannst jetzt nicht mehr mit uns spielen“, sondern das hatte gravierende Folgen auf das gesellschaftliche Leben des Betroffenen. Man war außen vor, Kontakte wurden gekappt, die Beziehung zu Gott und dem Ort, an dem die Juden Gott angebetet haben, war nicht mehr möglich. Jesus hört davon und macht sich auf die Suche nach dem Geheilten. Und er findet ihn. Jesus bringt das, was er an diesem Menschen begonnen hat, zu Ende. Er nimmt ihn in seine Gemeinschaft auf. Der Heimatlose und Ausgestoßene findet bei Jesus eine neue Heimat. Jesus spricht den Mann mit einer direkten Frage an, die ein Bekenntnis nach sich zieht. Besonders die persönliche Anrede des DU sticht hier hervor. Jesus verwendet hier einen Begriff (Menschensohn) aus Daniel 7. Für die Juden war der Begriff des Menschensohn als Messias gängig.

V.36: Der Geheilte stellt eine Gegenfrage. Er ahnt, dass Jesus der Menschensohn / der Messias ist, der, auf den die Juden warten und der im Alten Testament angekündigt wurde. Aber es schwingt auch eine letzte Unsicherheit mit. Es sind noch ein paar Prozent Ungewissheit vorhanden und von daher stellt er die Frage, in der Hoffnung, dass Jesus sie beantwortet.

V.37: Und Jesus tut es. Er gibt sich zu erkennen. Ihm, einem einfachen Mann. Jesu Selbstoffenbarung öffnet aber diesem Mann nicht nur seine blinden Augen, sondern auch die inneren Augen.

V.38: Die Folge ist einfach und schlüssig. Der letzte Zweifelsschleier fällt und der Mann spricht ein schlichtes Glaubens- und Christusbekenntnis und unterstreicht sein Bekenntnis mit seinem Körper: Er fällt auf den Boden und betet Jesus an.

V.39: Die Heilungsgeschichte ist abgeschlossen. Was nun folgt, ist der Übergang zu einem Streitgespräch. Jesus stellt klar, dass es Menschen gibt, die sich einbilden, geistig zu sehen, aber in Wahrheit sind sie blind. Sie sind blind für das, was Jesus zu verschenken hat. Und auf der anderen Seite wird das Sehen einem Mann geschenkt, der blindgeboren und von den Menschen auch für geistig blind gehalten wurde. Für Jesus kommt es darauf an, wie man zu ihm steht. Glaubt man ihm oder nicht!?

V.40: Es stehen einige Pharisäer in Jesu Gegenwart und bekommen alles mit. Sie sind betroffen und merken sehr wohl, worauf Jesus hinauswill. Aus diesem Grund fragen sie Jesus, ob sie auch blind sind. Doch nachdem sie nach dem Gesetz leben und die Offenbarung Gottes und das Erkennen seines Willens für sich beanspruchen, muss die Antwort doch „Nein“ lauten …

V.41: Das „Nein“ gibt Jesus ihnen aber nicht. Er stellt klar: Es kommt auf deine Haltung und Einstellung an. Die Pharisäer glauben im Recht zu sein, und damit sind sie blind für Jesus. Es kommt nicht nur darauf an, unsere sehenden Augen zu öffnen, sondern auch das innere Auge für Jesus zu öffnen. Und wenn das geschieht, dann merken wir automatisch, dass wir Sünder sind und Jesus als den Menschensohn in unserem Leben brauchen.

2. Bedeutung für heute

Spannend und zutiefst aktuell. So empfinde ich den Bibeltext. Für mich stechen drei mögliche Schwerpunkte hervor, die eine Bedeutung für heute haben:

Da ist zuerst die Frage aller Fragen. Gibt es einen Gott? Selbst ein Mensch, der Jesus persönlich getroffen hat und Gottes Wunder an seinem Leben erfahren hat, hat einen Restposten an Zweifel in sich. Erst die Selbstoffenbarung Jesu wischt alle Zweifel beiseite und führt dazu, dass Menschen vor Jesus auf die Knie gehen und ihn anbeten.

Wir sehnen uns nach Wundern in unserem Leben, nach einer 100%igen Sicherheit, dass wir in Jesus den Messias haben. Und die Bibel bezeugt dies. Wir feiern den „Retter“ an Weihnachten und Ostern. Menschen aller Geschichtsepochen haben seitdem diese Erfahrung gemacht. Und trotzdem ist und bleibt es ein persönlicher Glaubensschritt, den jeder Mensch für sich entscheiden und gehen darf. Wir können die Zeichen deuten, von den persönlichen Erfahrungen der Menschen berichten, nachlesen und nachhören. Es läuft aber auf eine persönliche Begegnung mit diesem Jesus hinaus. Ohne das persönliche Bekenntnis (ich glaub´s) bleibt Jesus eine historische Person in unserem Leben.

Der zweite Gedanke, der mir auffällt, ist die Erfahrung, dass der Glaube einen auch mal ins Abseits der Gesellschaft führen kann. Klingt erstmal komisch, denn genau nach dem Gegenteil sehnen wir uns. Wir wollen dazugehören, wollen mittendrin, statt nur dabei sein. Aber wir stellen fest, dass der Glaube sich nicht am Mainstream der Gesellschaft orientiert. Petrus antwortet in Apostelgeschichte 5,29: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Glaube ist eckig, fordert heraus und stößt durchaus an. Wenn wir Jesus nachfolgen, dann müssen wir damit rechnen, dass wir es nicht jedem recht machen können, dass wir kritisch und mutig sein und auch mal gegen den Strom schwimmen müssen.

Der dritte Gedanke wirft ein Licht auf den blinden Fleck. Jeder hat ihn. Einen Punkt in meinem Leben (im Denken, Handeln), den ich nicht sehe oder nicht wahrhaben will. So wie die Pharisäer, die hier in der Geschichte involviert sind. Sie gehen davon aus, dass die Anderen blind sind (körperlich, aber auch geistig), nicht sie. Jesus stellt dies aber in Frage und hält ihnen einen inneren Spiegel vor. Was ist in unserem Leben der blinde Fleck? Etwas, was die anderen erkennen, ich aber nicht – sowohl von meiner Persönlichkeit als auch von meiner Glaubensüberzeugung her gedacht. Und es ist ein Segen, Freunde zu haben, die einem in Liebe die ungeschminkte Wahrheit sagen können. Und wenn wir dies dann auch erkennen und annehmen, dann ist unser Lebensweg mit guten Erfahrungen und Veränderungen gepflastert.

3. Methodik für die Gruppe

Für diese Geschichte bietet sich alles rund um das Thema Blindheit an. Unsere Gesellschaft wurde die letzten Jahre für das Blindsein sensibilisiert: Blindenschrift in Aufzügen, an der Ampel oder Bordsteinrillen am Bahnsteig. Und es gibt erlebnisorientierte Cafés, wo blinde Menschen bedienen und wo man selbst im Dunkeln sitzt & speist. Das Thema dient jedoch nur als Einstieg. Der Text bietet des Weiteren das Thema „Woran glaube ich – Bekenntnis“ und das Thema „Sünde/Schuld“ an.

Kommunikativ …

Verschiedene Austauschrunden rund um das Sehen und „Nichtsehen“.

  • Was ist dir an diesem Zimmer, Haus usw. aufgefallen (z. B. Deko verändern)?
  • Wie schätzt du dich in der Wahrnehmung (im Sehen) ein? Bist du jemand, dem Sachen auffallen?
  • Was würdest du besonders vermissen, wenn du plötzlich nicht mehr sehen könntest?
  • Stell dir vor, du wärst blind und könntest plötzlich sehen. Wovon wärst du ziemlich begeistert? Was hättest du dir anderes vorgestellt?
  • Schreibe dein eigenes Bekenntnis auf. Woran glaubst du und warum? So ein Bekenntnis kann sehr persönlich sein. Dazu muss der Rahmen auch passen.
  • Wenn man bei Google „Blinder Fleck Test“ eingibt, dann spuckt der Computer ein paar Seiten aus, die dieses Thema behandeln. Wofür bin ich in meinem Leben / Glauben, in meiner Persönlichkeit, meinem Charakter blind? Auch für dieses Thema muss ein vertrauensvoller und geschützter Rahmen vorliegen. Es geht nicht darum, jemanden niederzumachen, sondern ihm die „Augen“ zu öffnen für gute Veränderungen.

Spielerisch …

  • Vor dem Treffen auf einem großen Plakat einen Satz in Blindenschrift gestalten (die Punkte mit kleinen Klebepunkten auf das Papier kleben). Die Teilnehmenden müssen mit geschlossenen Augen ertasten / erfühlen, was der Satz heißt.
  • Blinde Kuh-Spiel

Erlebnispädagogisch …

  • Blinddate Café-Besuch (www.cafe-blind-date.de)
  • Sinnestäuschungen (Bilder mit mehreren Bedeutungen)
  • Besuch einer Blindenschule

Impuls bzw. Gespräch …

Entweder Impuls gestalten zu einem der drei Punkte unter „Bedeutung für heute“ oder aus dem dort Geschriebenen Fragen für ein Gespräch formulieren.

  • Autor / Autorin: Daniel Klein
  • © Deutscher EC-Verband