Unglaublich! – Impulse zur Jahreslosung 2020Unglaublich! – Impulse zur Jahreslosung 2020

Einheit: Unglaublich! – Impulse zur Jahreslosung 2020

Verband: CVJM-Westbund
Zeitbedarf: 30-60 Min. (Vorbereitung: 15-20 Min.)
Materialarten: Andacht, Bibelarbeit
Zielgruppen: Jugendliche, Mitarbeitende, Teens (12-16 Jahre)
Einsatzgebiete: Freizeiten, Gruppenstunde, Predigtvorbereitung
Heft: KON
Bibelstelle: Markus 9,17-27
  • DAS EVANGELIUM NACH MARKUS (Mk 9,17-27)

17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.

18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.

19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.

22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

25 Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!

26 Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, sodass die Menge sagte: Er ist tot.

27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Ein spannender Bibelvers begleitet uns durch das Jahr 2020 – im ganz wörtlichen Sinn: Die Spannung zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Vertrauen und Verzweifeln steckt in diesem einen kurzen Satz, diesen fünf Wörtern.

Diese Spannung klingt zunächst wie ein Widerspruch in sich: zwei gegenteilige Aussagen, die scheinbar nicht zusammenpassen. Es ist ein sehr persönlicher Satz eines einzelnen Menschen, der seine eigene innere Widersprüchlichkeit zum Ausdruck bringt – und der uns damit eine Brücke baut, auch unsere eigenen »Ungereimtheiten« zur Sprache zu bringen, wenn es um den Glauben geht. 

Eine lange Vorgeschichte und der richtige Moment (V.17–18 und 21–22)

Ein Vater bringt seinen kranken Sohn zu Jesus – und mit ihm all seinen Mut, seine Verzweiflung, seine vielen Enttäuschungen und seinen Rest Hoffnung, den er sich für diesen Moment aufbewahrt hat. Wir wissen nicht, wie alt der Junge ist – vielleicht ein Jugendlicher in eurem Alter, auf jeden Fall ist er schon von klein auf schwer krank gewesen: taub und stumm und immer wieder von schlimmen Krampfanfällen gequält, vielleicht einer Art Epilepsie. Wer weiß, bei wie vielen Ärzten sie waren, wer weiß, wie viele Gebete für den Jungen gesprochen worden waren – bis jetzt hatte nichts geholfen.

Aber jetzt, heute, in diesem Moment, sieht der Vater eine letzte Chance: So vielen Menschen hat Jesus schon geholfen, so vielen hoffnungslosen Fällen ein neues Leben ermöglicht – vielleicht kann er ja auch seinen Sohn von dieser schlimmen Krankheit befreien, die wie ein böser Geist sein Leben beherrscht. »Kairos« heißen solche Momente in der Bibel: Momente, auf die es ankommt, an denen Außergewöhnliches passieren kann. Momente, in denen Gott eingreift und sich dadurch alles ändert. Der Mann ahnt: Dies könnte genau der Moment sein für ihn selbst und seinen Sohn. Jetzt oder nie!

Eine emotionale Angelegenheit (V.14–18 und 22b–23)

Die Anspannung des Vaters kann ich mir gut vorstellen. All die Erwartung und Hoffnung und die Angst vor einer erneuten Enttäuschung, dazu noch ein großes Publikum – die ganze Dorfprominenz ist da – und zunächst landet er an der falschen Adresse: Er bittet Jesu Jünger um Hilfe, aber die sind überfordert, können dem Jungen nicht helfen. Die Stimmung ist aufgeheizt, es wird diskutiert und spekuliert.

Und dann – endlich – kommt Jesus dazu. Aber der reagiert unerwartet schroff und ungeduldig: zuerst bekommt die versammelte Menge einen Seitenhieb ab, inklusive der Jünger, weil Jesus von ihrem Unglauben, ihrem mangelnden Vertrauen enttäuscht ist. Und auch der Vater des Jungen bekommt eine ziemliche schnippische Antwort, als er Jesus bittet zu helfen, wenn er kann: »Was heißt denn hier: Wenn du kannst?«. Das klingt fast, als fühle Jesus sich in seiner Ehre angegriffen, aber der nächste Satz erklärt es. Wer glaubt, dem sind alle Dinge möglich! Es geht ihm also nicht um seine Ehre, sondern um das Vertrauen der Menschen. Ich kann mir vorstellen, dass in seiner Reaktion eine Menge Enttäuschung mitschwingt. »Leute, ich hab euch doch inzwischen so viel von Gott erzählt, und ihr habt so viele Wunder live miterlebt – warum fällt es euch denn immer noch so schwer, Gott alles zuzutrauen? Warum ist euer Glaube so winzig?«

Ein Glaubensbekenntnis und ein Unglaubensbekenntnis (V.24)

Diese Frage von Jesus ist es, die den Vater des Jungen herausfordert und dazu bewegt, diesen – scheinbar – widersprüchlichen Satz auszurufen: »Ich glaube; hilf meinem Unglauben!« 

Das »Ich glaube!« klingt für mich wie eine Mischung aus Trotz und verzweifeltem Mut: Natürlich glaube ich! Was meinst du denn, warum ich hier bin und dich um Hilfe bitte? Was glaubst du denn, warum ich nach all den Jahren voller Enttäuschungen und Hoffnungslosigkeit zu dir komme und in aller Öffentlichkeit um Hilfe bitte für einen hoffnungslosen Fall? Würde ich das tun, wenn ich dir nicht zutrauen würde, dass du helfen kannst? – Ein mutiges, öffentliches Glaubensbekenntnis eines Menschen, der seinen Glauben als letzten und tiefsten Halt für alle sichtbar macht.

Und fast im gleichen Atemzug (nur durch ein Semikolon getrennt) ruft er Jesus entgegen: »Hilf meinem Unglauben!« Er weiß: Nach so vielen enttäuschten Hoffnungen und unerfüllten Bitt-Gebeten fällt es mir schwer, bedingungslos zu glauben. Mein Vertrauen ist angeknackst. Was, wenn es auch diesmal nicht funktioniert? Ist es nicht sicherer, mich von vorneherein darauf einzustellen, dass da nichts zu machen ist? Dann tut der Aufprall nicht so weh, wenn mich die Realität trifft … Nein, ich bin kein großer Glaubensheld. Ich finde dieses »Unglaubensbekenntnis« vor der versammelten Menschenmenge sehr mutig, und auch vor Jesus, von dem der Vater sich ja Hilfe erhofft.

Eine befreiende Erfahrung (V.25–27)

Bei näherem Hinsehen ist es aber vielleicht gar kein »Unglaubensbekenntnis«. Ganz im Gegenteil: Vielleicht ist es sogar ein Beweis ganz besonderen Vertrauens, dass der Mann sich traut, Jesus seine Zweifel ganz offen zu sagen; dass er zugibt, dass sein Glaube und sein Vertrauen nicht ausreicht; dass er nichts vorgibt, was gar nicht da ist; dass er nicht die frommen Sätze sagt, die alle hören wollen. Ganz schön mutig, finde ich!

Und könnte es nicht sein, dass Jesus genau darauf gewartet hat: dass in dieser Runde von superfrommen Schriftgelehrten (V.14) und manchmal sich selbst überschätzenden Jesus-Jüngern ein Mensch ganz ehrlich seinen angeknacksten Glaubensrest und seine tiefsten Zweifel offen bekennt und sich mit beidem an Jesus wendet, sich ihm ganz anvertraut? Auf jeden Fall scheint das der Punkt zu sein, an dem der Knoten platzt und Jesus eingreift. Glaube und Vertrauen in Gott heißt hier: sich mit allem ganz ihm anvertrauen.

Ein paar praktische Anregungen fürs Gespräch:

  • Was meint ihr, warum Jesus so ungeduldig reagiert?
  • Was ist der Unterschied zwischen »glauben an« und »jemandem glauben«?
  • Wann fällt es dir persönlich leicht, Jesus zu glauben, und was macht es dir manchmal schwer?
  • Gibt es Menschen/Orte, wo ihr euch traut, eure Zweifel zu äußern?
  • Was würde es bedeuten, wenn Zweifel nicht unbedingt das Gegenteil von Glauben sind, sondern – im gleichen Atemzug – dazugehören?
  • Autor: Tanya Worth, Bundessekretärin für Mädchenarbeit
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