„Alles hat ein Ende?“ – Eine Predigt, wie man barmherzig bleiben kann, auch wenn die Anderen unbequem sind„Alles hat ein Ende?“ – Eine Predigt, wie man barmherzig bleiben kann, auch wenn die Anderen unbequem sind

"Alles hat ein Ende?" - Eine Predigt, wie man barmherzig bleiben kann, auch wenn die Anderen unbequem sind

Andacht

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Zeitbedarf: 25-30 Min. (Vorbereitung: 10-20 Min.)
Materialart: Andacht
Zielgruppen: Jugendliche, Junge Erwachsene, Mitarbeitende
Einsatzgebiete: (Jugend-)Gottesdienst, Predigtvorbereitung
Themenstellung: Vertiefungen
Redaktion: jugonet
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Jesu Wort „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36) ist schnell zitiert. Doch wie kann es sich in Konfliktsituationen bewähren? Diese systemisch orientierte Predigt samt kurzer praktischer Übungen gibt Aufschluss darüber.

Barmherzigkeit trifft Minenfeld

Gerne sind WIR ALLE barmherzig mit Anderen – selbstverständlich! Wir sind ja keine Unmenschen. Nur gibt es halt verminte Kampfgebiete, die es meiner Barmherzigkeit alltäglich immer wieder schwer macht: die Nachbarn z.B. – die sind ja nicht immer nur bloß nett, sondern es gibt wirklich auch „bad neighbours“, die mir das Leben und die Barmherzigkeit echt verleiden; oder schon die nächste Autofahrt, bei der ich mich mit hochrotem Kopf frage, ob dieser Verkehrsteilnehmer neben mir denn den Führerschein im Lotto gewonnen hat!?
Kampfgebiete auch unter den ArbeitskollegInnen oder KlasssenkameradInnen. Und unter den Flüchtlingen: Wo kämen wir hin, wenn wir gegenüber deren Kriminalität selbst nur barmherzige Lämmlein wären…? Und natürlich ist die Kirchengemeinde immer auch ein Kampfgebiet: Was glauben Menschen doch für absurde Dinge?! Und wie steht es um die Barmherzigkeit in meiner eigenen Familie, wenn ich mich immer fragen muss: „Warum kommen die Kinder eigentlich so sehr nach meiner Frau und haben nicht mehr von mir!?“

Kurzum: Wenn die alltäglichen Nachbarn und Zeitgenossen meines Lebens grundsätzlich immer irgendwie komisch, schräg, ja nervig etc. sind, geht mir natürlich leicht das Messer in der Tasche auf. Oder mein Mund – und versprüht Giftstoffe, gegenüber denen Corona-Aerosole Segensdüfte sind. Dann hat es die Barmherzigkeit nicht so leicht, denn ich frage mich: Warum kennen eigentlich die Anderen immer so selten die Jahreslosung?!

  • Und solche dunklen Gedanken können mich ganz leicht ergreifen. Machen wir dazu gleich noch einen praktischen Test: Schau‘ deinen Nachbarn doch mal genauer an – die obere Häfte von Becken bis Scheitel müsste reichen – und ich prophezeie dir, dass du SEHR schnell „etwas Komisches“ an ihm findest. Teste es – jetzt… (Zeit lassen)

Na, etwas entdeckt? Muttermal, Nasenknick, schielendes Auge, Pickel, Haarfrisur…? – Und aus diesem Komischem kann ganz schnell mehr werden: Ärger – dein Hut geht dir hoch und du gehst ebenso in die Luft, der Kragen platzt dir oder das Messer in der Tasche geht dir auf. Ganz schnell sind die „anderen Anderen“ eben „Idioten“! Immer die Anderen! Mit einer langen Tradition – seit Adam… So oder so bleibt die Barmherzigkeit auf der Strecke.

Die „schrägen Anderen“

Schauen wir uns doch diese „komischen Anderen“ mal näher an: Überraschenderweise sind es Menschen! Allerdings Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen, Motivationen und Bedürfnissen. Also, ganz unterschiedliche Menschen: Auf unterschiedlichste Persönlichkeitstypen stoßen wir. Da gibt es Harmonie- und Streittypen, dominante, zurückhaltende, ganz lockere und gewissenhafte Typen. Und als wären das nicht schon genug Minenfelder, haben diese noch unterschiedliche Lebenswerte und -Stile, sind in verschiedenen Milieus zuhause. Und diese Muster haben sie nicht erst seit gestern wie ein Kleid übergestreift: Seit dem Kleinkindalter wurden sie so geprägt, so anders geprägt. Schon ihre Muttermilch würde uns nicht schmecken.

Bringen wir das mal anschaulich ins Bild: Die Anderen sind für uns einem Roboter ähnlich – einem Staubsaugerroboter mit viel Müll in sich – der jeden Sonntag um 8 Uhr morgens loslegt, also genau dann, wenn ich meine Ruhe haben will. Und dieser Robotman ist so programmiert – der kann nicht anders! Und wir: Wir sind ebenfalls mit unseren Reaktionsmustern vorprogrammiert! – Merkst du was? – Bei soviel Programmierungen ist auch der Ärger zwischen uns vorprogrammiert: Der Andere hat nicht nur ne Schraube locker, sondern es kommt zu einem Aufeinanderprall, zu einem Kulturen-Crash! Wieviel besser wäre es, wenn wir gleich tickten, denn Gleiches gesellt sich gern mit Gleichem. Dann wird das Leben herzlich kuschelig statt mühsam. Ideal wäre dann: ich und ich, ich mit mir – oder zumindest mit meinem Klon. Ja, wenn alle so wie ich wären… wäre die Welt ein Paradies. Meine Welt ein Paradies. Und mein Messer könnte locker in der Tasche stecken bleiben, dann kann ich barmherzig wie der Vater sein.

Was tun?

Nun aber ist der Andere eben anders. Der Clou dabei ist: Ich kann ihn nicht umprogrammieren. Na ja, ich könnte ja mal eine deutliche Ansage machen – ob das dann aber wirklich etwas klärt? Und die Bibel pfeift mich da ja eh zurück: Mit Barmherzigkeit hätte das nicht mehr viel zu tun (oder mit dem Hohelied der Liebe in 1. Korinther 13).
Auch „Verzauberung“ klingt erstmal verlockend: einmal schnippen und alles ist harmonisch und barmherzig. Natürlich kann man den Stecker ziehen, das Problem dabei: Sobald der Andere wieder ans Netz kommt, läuft sein angestammtes Programm: Der Andere bleibt anders.

Ich merke, ich habe eigentlich keine Macht diesen Anderen zu verändern. Aber: Ich habe Macht, mit ihm umzugehen. Ist diese Einsicht nicht schon ein erster Schritt der göttlichen Barmherzigkeit, die mich erreicht hat? Klar, dieser weitere Weg der Barmherzigkeit ist mühsam: Mich auf Menschen einzustellen, bedeutet Arbeit.

Drei lohnenswerte Mühen der Barmherzigkeit

Ich erinnere mich an den Autor der Jahreslosung 2021: Jesus Christus. Er war von der Barmherzigkeit Gottes durchströmt. Wie sich der barmherzige Umgang mit dem anderen Anderen gestalten kann, will ich von ihm hören – und mit ihm lernen.

Ich lausche und höre:
„Wer Ohren hat zu hören, der höre! Und er sprach zu ihnen: Seht zu, was ihr hört!“ (Markus 4,23)

1. Es tönt in mir ein Chor…

Aha, es geht also ums Hören, ums Hinhören lernen. Das meint zunächst: mir selber zuhören lernen. Denn mein ICH ist nicht eindimensional: Mein ICH zeigt sich mal als heitere, lässige, großzügige, traurige, zornige, geschmerzte, enttäuschte, hysterische Persönlichkeit (und das ist bei weitem noch nicht alles!). Also als ein Chor aus vielen Stimmen mit unterschiedlichster Klangfärbung, von denen immer mal eine besonders laut, dominant sein kann. (In der mönchischen Spiritualität gibt es eine Gebetsübung, das „Tönen“, das diese Einsicht äußerst eindrücklich spürbar macht…).

Und so angeregt, frage ich mich: Wer provoziert wo welche Stimme bei mir in den Vordergrund? Welcher Sound(track) erklingt in welchen Situationen und Begegnungen in mir? Da kann es zu einem richtigen Dialog der Stimmen in mir kommen!
Und womöglich kann ich zum Dirigenten dieses meines Chores werden: Denn verschiedenste Stimmen in mir bewusst wahrzunehmen, schafft ja auch immer neue Möglichkeiten des noch anderen Umgangs mit bzw. Reagierens, Resonantseins auf Menschen und Situationen! Ich kann dann entscheiden, welcher Stimme ich jetzt mehr Volumen gebe, welche ich in den Vordergrund rücke und welche ich besser in anderer Weise einbette (nicht verdränge!). Welche Stimme lasse ich zum Echo werden? Welchen Akkord lasse ICH auf den erfahrenen Schall folgen?

Durch das hörende Hören kommt es zu einem neuen Tuning in mir: Weitere neue Töne werden entdeckt und weiten meine Reaktionskultur. Ich werde freier, friedlicher, barmherziger…

Ich lausche neugierig weiter und höre:
„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!“ (Lukas 6,41ff)

2. Augen auf bei der Brillenwahl

Aha, jetzt geht es ums Sehen, ums Hinsehen lernen. Plausibel, denn Dinge bzw. Personen sind nicht an sich problematisch, sondern erst dann, wenn ich sie so sehe! Äußerst weit verbreitet ist die Meinung „Wir glauben, was wir sehen“, aber eigentlich ist es genau umgekehrt: Wir sehen in der Regel nur das, was wir (vorneweg schon) glauben.

Genau darauf macht Jesus aufmerksam: Das bekannte „Splitter-Wort“ können wir nämlich auch so verstehen:  „An dem, was du schon in dir trägst (nämlich Holz) und zwangsläufig im Blick hast (immer noch das Holz), kommst du nicht vorbei. In diesem Licht siehst du alles vom Anderen!“ Jesus weiß um die Filterfunktion unserer Vorannahmen und grundlegenden Einstellungen: „Wenn du ein Balken im Auge hast, dann kannst du beim Anderen nur Holz sehen.“ Und so wird – ganz unbarmherzig – der Andere zum Holzkopf, weil mein ganzer Kopf ein Holzblock ist. Der Musikgeschmack des Anderen wird für mich schräg, weil ich nur ganz bestimmte Tonreihen im Kopf habe. Man sieht das, was man glaubt und selbst schon in sich trägt…

  • Diese Geschichte kommt mir in den Sinn: Kinder toben in der U-Bahn, springen auf den Sitzen herum und sind einfach zu laut. Ihr Papa sitzt daneben, teilnahmslos, als hätte er damit nichts zu tun. Die Barmherzigkeit der Mitreisenden findet schnell ein Ende, Ärger über solch einen „freien Erziehungsstil“ bricht sich Bahn: „Können sich Ihre Kinder nicht normal benehmen?!“ – Herausgerissen aus seinen Gedanken blickt der Vater überraschend auf: „Oh, Entschuldigung, es ist mir nicht aufgefallen. Denn… wir kommen gerade vom Krankenhaus, wo man mir mitgeteilt hat, dasss meine Frau sterben wird.“

Eine neue Information kommt in den Kopf – dies verändert alles! Es ergibt sich daraus ein völlig neues Bild, eine völlig neue Beurteilung der Lage bzw. der Person. Es erwächst eine Verständniskultur, die nichts anderes ist als eine Kultur der Barmherzigkeit: Ich merke und verstehe, es gibt gute Gründe für dieses oder jenes Verhalten. Es ist nie nur schlecht und nie nur gut. Es gibt ein „Einerseits und dann auch ein Andererseits“. Diese Schaukel fördert den Wind der Barmherzigkeit.

Jedes Geldstück hat mindestens 2 Seiten, und ich kann es „drehen und wenden“. Will ich also lernen, mit meinen oft einlinigen Sichtweisen und meinen verengenden Filtern wacher umzugehen? Will ich mich in Konfliktsituationen bewusster entscheiden, welche Brille ich aufsetze – um noch Unbekanntes zu entdecken oder andere Aspekte zu ergänzen? Es geht um die „sanfte Kunst des Umdeutens“ (Paul Watzlawick). Christen ist es immer möglich, z.B. den anderen Anderen, der mich nervt, spontan auch als einen von Gott geliebten Menschen zu entdecken. So werde ich freier, friedlicher, barmherziger…

  • Mach‘ doch dazu jetzt mal diesen Test: Blicke nochmals auf dieses „Komische“ an deinem Nachbarn, was du vorher so schnell entdeckt hast… Könntest du es jetzt nicht auch als „süß“, „originell“, „interessant“, „einmalig“, „faszinierend“ entdecken? Ist dir das möglich? (Zeit lassen)
Noch einmal lausche ich dem Meister der Barmherzigkeit und höre…
„So schaue darauf, dass nicht das Licht (Autor: was Gott entzündet hat) in dir Finsternis sei: Wenn (nun) dein Leib ganz licht ist und kein Teil an ihm finster ist, dann wird er (Autor: es) ganz licht sein, wie wenn dich Licht erleuchtet mit hellem Schein.“ (Lukas 11,35f)

3. Der Lichtschalter in mir

Aha, nachdem es eben ums Sehen ging, geht es jetzt natürlich noch ums Licht. Das leuchtet ein. Jesus fragt an: Ist es licht in mir? Es geht ans Eingemachte, ums Herz der Barmherzigkeit: ob ich seiner Liebe glaube, egal, in welcher Situation ich feststecke. Es ist für mein barmherziges Handeln entscheidend. Denn ich kann selber ja nur lieben (und Andere barmherzig aushalten), wenn ich mich selbst geliebt weiß, mich selbst als geliebt erfahre und spüre. „Sei barmherzig, wie dein Vater (zu dir) barmherzig ist!“ Ist es licht in mir?

In Bezug auf Liebe und Barmherzigkeit sitzen Christen nie nur am Gebertisch. Natürlich achten Liebe und Barmherzigkeit, auch die Gottes (!), stets auf die Bedürfnisse des Anderen. Aber das gilt eben auch für dich selbst: Gott will keine Barmherzigkeit, die gegenüber sich selbst blind ist und die eigene Persönlichkeit entstellt. Hörst du sein Flüstern: „Tu‘ dir selber nicht weh!?“ Deine Bedürfnisse sind nicht zu unterdrücken, und deinen Ärger musst du nie nur still schlucken. Ich möchte barmherzig auch deine Bedürfnisse beachten und stillen. In meinen Augen verdienen sie es. Achte auf das Licht in dir: Zunächst einmal geht es darum, dass ich dich umarme und du dies spürst.

Barmherziges Handeln speist sich aus dieser Perspektive der Fülle: Der Andere kann nerven, ärgern, Schlaf rauben, viel Schatten in mein Leben tragen, er kann mir aber nicht diese Umarmung Gottes rauben. Eine Umarmung, die mich aufrichtet und Energie in mein Leben spült. Was ein Anderer mir auch antut – ich stehe immer noch auf der hellen Seite der Macht! Ich gehöre Gott – und nicht meinem Ärger, der durch den Anderen mich gefangen nimmt. Darauf kommt es an! Das ist meine Grundidentität als Christ/in. Das heißt aber eben dann auch – gerade in Konfliktfällen – dass ich nicht, ja nie nur „Opfer“ bin und meine Bedürfnisse mit Füßen getreten werden: Seine Liebe und sein Licht sind mir immer zugänglich. So bin ich gewürdigt und gelichtet, meine Bedürfnisse mit ihm wahrzunehmen und bei ihm zu stillen und mit ihm zu ordnen. Jesu Wort lässt mich darauf achten: vor lauter „Ärger-Bäumen“ den „Segens-Wald“ Gottes nicht mehr sehen und erfahren, in dem ich aufatmen und Kraft schöpfen kann.

Wieder merke ich: Ich werde freier, friedlicher, barmherziger… Und kann mal einen Bogen um die unbequeme Person machen und sie meiden; mal eine Ich-Botschaft deutlich äußern, wie ich die Dinge erlebe; mal den unbequemen Anderen vor Gott still segnen.

  • Könnten wir auch noch gleich üben: Denk‘ doch an eine aktuell stressende Person… – ist es dir möglich, in Gedanken ihr deine Hand aufzulegen und sie mit der Barmherzigkeit Gottes zu segnen? (Zeit lassen)

Hören, sehen und glauben lernen – und dadurch der Barmherzigkeit Gottes Raum geben. Öffnest du deine Türen?
Amen.

-> Diese Predigt stammt aus dem Büchlein „Ganz der Papa!“ – Jugendgottesdienstmaterial zur Jahreslosung 2021.

Das Heft bietet:

  • eine Exegese zur Jahreslosung
  • Jugendgottesdienstentwürfe und liturgische Bausteine
  • Lieder, Bilder und Meditationen zur Jahreslosung
  • thematische Einheiten für die Arbeit mit Gruppen
  • Essays zu unterschiedlichen Themen
  • Materialien zum Themenkreis (Filmempfehlungen, Gebete, Geschichten, …)

Das Heft gibt’s für 6,90 € beim Landesjugendpfarramt in Württemberg.

  • Autor / Autorin: Steffen Kaupp, Winterbach
  • © EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg