Barmherzige Politik? – Ein Bundespolitiker zur Jahreslosung 2021Barmherzige Politik? – Ein Bundespolitiker zur Jahreslosung 2021

Barmherzige Politik? - Ein Bundespolitiker zur Jahreslosung 2021

Hintergrund/ Grundsatz

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Zeitbedarf: 5-10 Min. (Vorbereitung: 3-5 Min.)
Materialart: Hintergrund/ Grundsatz
Zielgruppen: Jugendliche, Junge Erwachsene, Mitarbeitende
Einsatzgebiete: (Jugend-)Gottesdienst, Gruppenstunde, Predigtvorbereitung
Themenstellung: Abendabschluss
Redaktion: jugonet
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Die Jahreslosung 2021 drückt in einer kurzen und prägnanten Forderung ein wichtiges Instrument zum friedlichen Miteinander aus: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig, ist.“ (Lukas 6,36) Da gibt es doch kaum noch etwas hinzuzufügen und schon gar nichts daran auszusetzen. Alle – auch Politiker – sind dazu aufgefordert, barmherzig zu handeln, weil unser Vater barmherzig ist.

Es gibt dennoch kritische Stimmen, die behaupten, Politiker könnten gar nicht barmherzig sein. Die Not, die uns umgibt, sei doch „denen da oben“ egal. Das stimmt natürlich nicht.  Doch gleichwohl die Aufforderung zur Barmherzigkeit von Jesus so kurz und einfach ist, so schwer kann durchaus deren Umsetzung im politischen Alltag sein.

Denn aus dieser Aufforderung entstehen Fragen wie:

  • Muss ich als Politiker immer barmherzig sein, auch wenn beispielsweise ein Abgeordneter aus der Opposition eine komplett andere Meinung vertritt?
  • Muss ich aus Barmherzigkeit allen Menschen in Not helfen?
  • Darf ich mich als Politiker nur von meinem Herz leiten lassen?

Es ist richtig, Barmherzigkeit ist unentbehrlich – auch für uns als Politiker. Aber diese Tugend stellt uns vor die enorme Herausforderung, sie in jeder Facette des politischen Alltagslebens umzusetzen. Für Politiker spielen zudem viele andere Fähigkeiten eine wichtige Rolle. Daher ist meine Antwort auf die Aufforderung aus dem Lukas-Evangelium: Barmherzigkeit und der gesunde Menschenverstand reichen sich einander die Hand.

Aufgrund dessen gefällt mir komplementär zu Lukas 6,36 die Geschichte des barmherzigen Samariters so gut. Er rettet einen fast Toten am Wegesrand. Aber er gibt nicht sein komplettes Leben dafür auf oder lässt seinen Arbeitsalltag im Stich. Er integriert einen Wirtsmann in die Genesung und zieht seines Weges weiter, natürlich nicht ohne nach ein paar Wochen den Gesundheitsstand des Geretteten zu überprüfen.

So ähnlich sehe auch ich meine Aufgabe als Politiker. Ich muss selbstverständlich in meinem Amt barmherzig sein, die Nöte der Menschen in Deutschland und meinem Wahlkreis erkennen, aber ich muss gleichzeitig auch abwägen, welche Aufgaben andere besser bewältigen können. Kein Politiker kann, und wenn er noch so barmherzig wäre, Deutschland oder die ganze Welt retten.

Gott sei Dank leben wir hier in Deutschland in einer Demokratie. Demokratisch handeln bedeutet auf komplexe Probleme einvernehmliche Kompromisse zu finden. Eine Debatte in der Fraktion oder im Parlament kann und darf dann schon einmal ziemlich hitzig werden, doch bin ich überzeugt, wer barmherzig und klug streitet, kann eine umso nachhaltigere Lösung erringen.

Mir gefällt nicht nur als Politiker, sondern auch als Familienvater die Jahreslosung sehr gut. Denn auch wenn ich privat als Vater oder öffentlich als Politiker Barmherzigkeit ausübe, werde ich dem hohen Anspruch bestimmt nicht immer gerecht. Ich bin ja weder als Privatmann noch als Politiker perfekt. Wie schön, dass es wenigstens einen gibt, der Barmherzigkeit in absoluter Perfektion beherrscht: Unser Vater im Himmel. Von ihm dürfen wir lernen.
Ich freue mich daher, dass die Jahreslosung 2021 uns zur Barmherzigkeit aufruft und uns jeden Tag daran erinnert, dass wir barmherzig unseren Nächsten begegnen sollen, weil Gott an uns auch immer barmherzig handelt.

  • Autor / Autorin: Steffen Bilger, MdB, Ludwigsburg / Berlin
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