„Barmherzigkeit heißt, mit seinem Herzen bei den Armen zu sein“ – Andachten zur Jahreslosung 2021„Barmherzigkeit heißt, mit seinem Herzen bei den Armen zu sein“ – Andachten zur Jahreslosung 2021

"Barmherzigkeit heißt, mit seinem Herzen bei den Armen zu sein" - Andachten zur Jahreslosung 2021

Andacht

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Zeitbedarf: 3-7 Min.
Materialart: Andacht
Zielgruppen: Jugendliche, Junge Erwachsene, Mitarbeitende
Einsatzgebiete: (Jugend-)Gottesdienst, Freizeiten, Gruppenstunde
Themenstellungen: Abendabschluss, Vertiefungen
Redaktion: jugonet

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36), so lautet die biblische Jahreslosung für das Jahr 2021. Ein Andachtsbüchlein des EJW nähert sich diesen Worten aus verschiedensten Richtungen. Exemplarisch findest du hier eine Andacht von Dieter Braun, dem Fachlichen Lieiter des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg.

Schnell gelesen, aber nur langsam umgesetzt

Manchmal muss man einen langen Weg gehen, bevor man zu verstehen beginnt. Mein Weg hat bis nach Israel geführt – bis hinein in die engen Gassen der Altstadt von Jerusalem. Dort, im Gewirr der kleinen Sträßchen, habe ich zum ersten Mal erahnt, was es bedeutet, barmherzig zu sein. 

Ich hatte diese Begegnung nicht geplant. Im Vorbeigehen sah ich an einer schmalen Holztür das Zeichen der „Kleinen Schwestern Jesu“, eines katholischen Ordens. Die Tür stand offen, ich ging hinein und traf zu meiner Überraschung auf eine junge, deutsche Ordensfrau in einem schlichten Gewand. Sie lachte mich an und wir kamen ins Gespräch. 

An diesem Morgen begann ich die schmalen Straßen der Jerusalemer Altstadt mit anderen Augen zu sehen. Überall hier wohnten Menschen. Versteckt hinter kleinen Türen. Christen, Juden, Muslime. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Religionen, Überzeugungen und Weltanschauungen. Fast jede dieser Familien hatte in den großen Konflikten des Landes Angehörige verloren und Grund genug, irgendjemanden anderen in der Straße zu hassen. 

Aufbrechen und Grenzen überwinden…

Hier lebte sie als „Kleine Schwester Jesu“ – keine 30 Jahre alt – und erzählte mir, wie sie eines Tages zu einer alten Muslima gerufen wurde. Die Frauen kannten sich vom Sehen – gerade genug, um zu wissen: Die jeweils andere glaubt anders, lebt anders und scheint einer völlig anderen Welt zu entstammen. Und doch bat die alte Muslima sie, nun zu kommen. 

Die „Kleine Schwester“ macht sich auf den Weg. Ihr klopft das Herz, als sie vor der grün gestrichenen Holztür steht, deren Farbe abblättert – ein Zeichen, dass niemand im Haus sich mehr kümmert. Kurz kommt ihr der Gedanke: „Das könnte ein Hinterhalt sein.“ Dann fasst sie Mut und öffnet vorsichtig die Tür. Der Geruch von Schweiß und Urin schlägt ihr entgegen. Nimmt ihr für einen Augenblick den Atem. Dann sieht sie die alte Frau auf ihrer fleckigen Matratze liegen.

…mit Barmherzigkeit

Barmherzigkeit – sagt Martin Luther – heißt, mit seinem Herzen bei den Armen zu sein. So sperrig das Wort im Deutschen ist, so tiefgründig ist seine Bedeutung. Es taugt nicht für Oberflächliches. Barmherzig-Sein beschreibt eine Liebe, die so tief geht, dass sie es nicht mehr schafft, beim bloßem Mitgefühl über das Elend anderer stehen zu bleiben. Barmherzig-Sein kann nicht anders als handeln. 

Barmherzigkeit kann man nicht beschreiben und nicht in Vorlesungen lehren. Barmherzig-Sein kann man nur leben. In tausend Varianten. Weil es Elend und Armut in unzähligen Facetten gibt. Hier bei uns. In unserer Stadt und unserem Dorf. In unserer Nachbarschaft. Vielleicht in unserer eigenen Familie, unserem engsten Freundeskreis. Versteckt hinter strahlenden Fassaden, unbemerkt hinter verschämtem Schweigen und eintrainiertem Lächeln sitzt das Elend neben uns – und wir sehen es nicht. Die muffigen Räume verletzter Herzen und Seelen wird nur finden, wer mit den Augen Gottes zu sehen beginnt und wer – von seiner Liebe angesteckt – den Mut gewinnt, kleine Türen sanft zu öffnen. Damit frische Luft den Muff der Verletzung vertreibt. 

Das kann man nicht einfach so. Das muss man lernen. Und wir werden zeitlebens Anfänger darin bleiben – weil es in Sachen Barmherzig-Sein nur einen Meister gibt. Und das ist der, den Jesus den „Vater im Himmel“ nennt.

Von ihm war sie berührt, die „Kleine Schwester Jesu“ in der Altstadt von Jerusalem. Sie trat an die ranzige Schlafmatte der alten Muslima und setzte sich zu ihr auf den Boden. Da lag die Frau – in einem er-bärmlichen Zustand. Niemand war mehr da, der sich um sie kümmerte. Ihre Stunden waren gezählt. Die „Kleine Schwester“ sagte nichts, nahm nur die Hand der Frau. Sie hielt sie. Stundenlang. Bevor sie starb, schon abgewandt von dieser Welt, flüsterte die alte Muslima ihr zu: „Was heute zwischen dir und mir war – das versteht nur Gott.“

So ist das mit dem Barmherzig-Sein. Wie das geht, das versteht nur Gott. Wer etwas darüber lernen will, kann bei ihm in die Schule gehen. Er ist ein großartiger Lehrer. Er hat keine großen Worte über das Barmherzig-Sein verloren, sondern uns in Jesus ein lebendiges Beispiel gegeben. So wie Jesus mit Menschen umgeht – so lebt sich Barmherzig-Sein in dieser Welt. 

-> Hinweis: Das Büchlein ist über „buch+musik“ für 3,50 € hier zu bestellen.

  • Autor / Autorin: Dieter Braun, fachlicher Leiter EJW
  • © EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg