»Der liebe Gott sieht alles!?« – Wie Gott mich sieht»Der liebe Gott sieht alles!?« – Wie Gott mich sieht

»Der liebe Gott sieht alles!?« – Wie Gott mich sieht

Theologischer Artikel

Verband: CVJM-Westbund
Zeitbedarf: 10-15 Min.
Materialart: Theologischer Artikel
Zielgruppen: Jugendliche, Mitarbeitende, Mädchen
Einsatzgebiete: Gruppenstunde, Predigtvorbereitung, Schulung
Redaktion: KON

Im Umgang mit unseren Daten erleben wir eine Form »verordneter Schizophrenie«. Auf der einen Seite müssen wir im Rahmen der Datenschutz-Verordnungen alle möglichen Dokumente zur Absicherung unterschreiben, wer wann warum unsere Daten nutzen und verwenden darf. Auf der anderen Seite machen wir uns durch unser Nutzerverhalten im Internet für viele zu »gläsernen« Menschen, die freiwillig zum Teil doch sehr tiefe Einblicke in ihr Leben geben und sich um den Schutz ihrer Daten keinerlei oder kaum Gedanken machen.

Und dann gibt es sogar in unserem Glaubensleben immer noch Redewendungen, die geeignet sind, dass wir uns vollständiger beobachtet fühlen, als es irgendein Geheimdienst dieser Welt je schaffen könnte. 

Solche Redewendungen wie »Der liebe Gott sieht alles!« oder »Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.« haben schon das Potential, dass sich Menschen schlecht und klein vor Gott fühlen. Zu Zeiten unserer Großeltern war es nicht selten ein Druckmittel in der Erziehung, das aber leider ein völlig falsches Bild von Gott und seinen Gedanken zu uns entstehen ließ.

Das Bild der totalen Überwachung und Kontrolle macht den Menschen Angst – und zwar zu Recht, wie ich meine. Wenn andere jeden meiner Schritte kennen, es keinerlei Geheimnisse mehr gibt und alles von mir offen liegt – dann fühle ich mich verletzlich und wehrlos.

Ich habe dann keine Möglichkeit mehr, mich zu entwickeln, sondern stecke fest und bin dem ausgeliefert, was andere mit ihrem Wissen über mich wohl anfangen werden.

Unwillkürlich, basierend auf unseren Erfahrungen mit den Menschen, gehen wir davon aus, dass es zwingend negativ und für uns zum Nachteil ist, wenn man alles über uns weiß. Denn wir haben festgestellt, dass der Mensch an sich dazu neigt, erst einmal an sich selbst zu denken und das eigene Wohl voranzustellen – und da ist alles Wissen über die Schwachstellen der anderen ein geeignetes Hilfsmittel, seine Ziele und Träume auch zu erreichen. Dies geschieht notfalls auch auf dem Rücken der anderen und zu deren Lasten.

Kein Wunder also, dass es schnell passieren kann, dass wir uns auch zutiefst unwohl fühlen bei dem Gedanken, dass Gott alles über uns weiß und alles sieht, was wir so in unserem Leben anstellen.

Wenn keine noch so kleine (Not-)Lüge ungesehen bleibt, jeder Spicker in der Klassenarbeit bekannt ist, jeder blöde Lästerspruch von Gott gehört wird, das ist durchaus nicht angenehm – das gebe ich gerne zu.

Darum ist es in meinen Augen ganz wichtig, dass wir uns zwei Dinge vor Augen führen:

1. Gott ist nicht allein der strafende Gott, den wir aus dem Alten Testament kennen.

Darum wird er uns auch nicht so behandeln, wie wir es aufgrund unserer Taten verdienen, sondern wird uns stets mit dem Blick der Liebe betrachten, den wir im Neuen Testament in Jesus kennengelernt haben. Und dann können wir darauf vertrauen, dass es nichts gibt, was uns aus seiner liebenden Hand reißen könnte – nicht einmal unser eigenes Fehlverhalten.

Paulus hat in Römer 8,38–39 schöne Worte dafür gefunden, lies sie doch einfach mal nach!

2. Auch wenn Gott nicht zu allem »Ja und Amen« sagen würde, was wir so machen, so sagt er es doch vorbehaltlos zu uns. 

Das kannst du in Römer 5,8 wunderbar nachlesen.

Wenn er uns also unser Fehler vor Augen führt, dann nicht, um uns irgendwie klein zu machen, uns zu übervorteilen oder auszunutzen, sondern alleine, um uns zu helfen, in diesen Bereichen unseres Lebens besser zu werden. Indem er uns in Jesus ein Vorbild gegeben hat, haben wir eine genaue Vorstellung davon, wie wir uns im Alltag idealerweise benehmen sollten. Doch auch hier keine Angst: Es geht niemals darum, genau so werden zu müssen wie Jesus – das ist einfach nicht möglich –, sondern es immer wieder zu versuchen. Und sogar dabei möchte Gott uns helfen.

Wenn ich also in der Bibel Texte lese, die zum Beispiel davon handeln, dass Gott alle meine Gedanken, Worte und Taten kennt und überall in meinem Leben zu finden ist (siehe Psalm 139), will ich mich nicht verfolgt und überwacht fühlen, sondern daran denken, dass Gott mich so sehr liebt, dass ihn wirklich alles von mir interessiert. Das sind nicht nur all die guten Dinge und Momente in meinem Leben, die ich auch gerne mit anderen Menschen teile, sondern auch (und gerade) die, in denen ich mich schwach, schlecht oder klein fühle – und die er an meiner Seite mit mir erlebt und durch die er mir hindurchhelfen möchte. Dann ist es doch gut, dass er genau weiß, wo er mich finden kann und wie es mir genau geht, selbst wenn ich dafür noch keine Worte finde!

  • Autor / Autorin: Sandra Thies
  • © CVJM-Westbund

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