„Der Schlüssel ist die Beteiligung“ – Gottesdienste mit Menschen mit Behinderung„Der Schlüssel ist die Beteiligung“ – Gottesdienste mit Menschen mit Behinderung

„Der Schlüssel ist die Beteiligung“ - Gottesdienste mit Menschen mit Behinderung

Hintergrund/ Grundsatz

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Zeitbedarf: 5-15 Min. (Vorbereitung: 5-15 Min.)
Materialart: Hintergrund/ Grundsatz
Zielgruppen: Junge Erwachsene, Mitarbeitende
Einsatzgebiet: (Jugend-)Gottesdienst
Redaktion: jugonet

jugonet hat sich mit Johannes Ehrismann unterhalten, der als Referent für Theologie und Ethik bei den Zieglerschen arbeitet. Die Zieglerschen sind eine große Diakonische Einrichtung mit Hauptsitz in Wilhelmsdorf bei Ravensburg. Neben der Alten-, Jugend- und Suchthilfe gibt es den großen Bereich der Behindertenhilfe und das Hör-Sprach-Zentrum für Kinder und Jugendliche.

Johannes, du bist seit Oktober 2020 bei den Zieglerschen. Was machst du dort genau?

Kurz gesagt bin ich dafür zuständig, die christlich-diakonische Identität des Unternehmen zu stärken und zu profilieren – sowohl nach außen als auch nach innen. Konkret heißt das ich erarbeite Stellungnahmen und Arbeitshilfen, mache Vorträge und Schulungen, begleite Gottesdienst-Teams und vieles mehr.

In unserem Gespräch soll es vor allem um Gottesdienste gehen. Was ist denn deine früheste Gottesdienst-Erinnerung?

Gute Frage! In meiner frühesten Erinnerung bin ich noch ganz klein und sitze mit meinen Eltern in der Bankreihe. Meine Mama drückt mir was zum Malen in die Hand und ermahnt mich, jetzt leise zu sein. Später dann, als ich zählen konnte, habe ich angefangen, im Gottesdienst alles Mögliche zu zählen: Die Deckenleuchten, die Fenster…

Nimm uns doch mal kurz gedanklich mit durch einen kurzen Streifzug durch den Ort Wilhelmsdorf: wo entdecken wir da überall die Spuren der „Zieglerschen“?

Im ganzen Ort! Wilhelmsdorf ist eine Siedlung, die auf dem Reißbrett entstanden ist. Der damalige König Wilhelm hatte einigen Pietisten ein Stück unfruchtbares Moorland überlassen, damit sie nicht, wie so viele andere zu dieser Zeit, auswandern. In einer Zeit, in der es vielen Leuten schlecht ging, beschlossen die Wilhelmsdorfer: „Wir bleiben. Und wir kümmern uns um Menschen, die noch hilfsbedürftiger sind als wir.“ Und so war Wihelmsdorf schon von Beginn an durch diakonische Einrichtungen geprägt. Heute sind die Zieglerschen groß geworden. Aber der Ort Wilhelmsdorf ist noch immer ganz eng vor allem mit der Behindertenhilfe verknüpft. Viele unserer Wohngruppen sind hier angesiedelt. Die Werkstatt für Menschen mit Behinderung ist mitten im Ort. Um 16 Uhr, wenn Feierabend ist, sieht man große Gruppen von Menschen mit Behinderung durch den Ort laufen.

Das Leitbild der Zieglerschen beginnt mit dem Satz „Gott liebt jeden Menschen vorbehaltlos. Diese Gewissheit leitet uns in unserer täglichen Arbeit.“ Wie kann man sich das ganz konkret vorstellen?

Ich glaube, dass Gott, unser Schöpfer, uns Menschen vorbehaltlos liebt. Das gibt jedem Menschen eine eigene Würde. Unser Anspruch ist, dass das in unserem Umgang miteinander sichtbar wird. Wir haben ganz viele Mitarbeitende, die „die eine Meile extra gehen“ – die sich engagieren und Zusatz-Angebote machen, obwohl sie es nicht müssten. Ich denke zum Beispiel an eine Mitarbeiterin, die mit schwerbehinderten Menschen arbeitet. Das sind Menschen, die in der Öffentlichkeit nicht auftauchen, man hat mit ihnen keine Berührungspunkte. Die Mitarbeiterin möchte diesen Menschen ein Gesicht geben. Dazu töpfert sie mit ihnen Schalen, brennt diese und verkauft sie in ihrer Freizeit auf Märkten. Den Erlös lässt sie dann wieder der Arbeit mit den Menschen zukommen.

In der Behindertenhilfe werden regelmäßig gemeinsam Gottesdienste gefeiert. Wie sieht das aus?

Die Behindertenhilfe hat ganz viele Teilbereiche: Schulen, Werkstätten, Förderbereiche, den Seniorenbereich… sie deckt alles ab, was es im Leben eines Menschen so gibt. Und in jedem dieser Teilbereiche werden bei uns gemeinsam Gottesdienste gefeiert. Alle diese Gottesdienste haben denselben Ablauf, dieselbe Liturgie. Diese zuverlässige Wiederholung ist für unsere Bewohner*innen ganz wichtig, besonders für diejenigen mit Autismus. Der Gottesdienst beginnt immer damit, dass eine Person die Glocke läuten darf. Dann entzünden alle, die mögen, eine Kerze. Nach einem Willkommenslied werden die Geburtstagskinder geehrt, es gibt eine Predigt, gemeinsames Gebet, Brotbrechen, Vaterunser und Segen. Dazwischen werden Lieder gesungen. Alles wird in vereinfachter Gebärdensprache begleitet. Wichtig ist die Beteiligung: alle die möchten, können sich persönlich segnen lassen, in jedem Gottesdienst. Und beim Gebet darf man nach vorne kommen und beten, wenn man will.

Wie muss man sich denn die Predigt vorstellen?

Die Predigt erfolgt meistens in Form einer Geschichte, ähnlich wie man das vom Kindergottesdienst kennt. Das ist meistens sehr basal, das heißt da werden auch andere Sinne mit einbezogen, es gibt Gegenstände zum Anfassen, manchmal was zum Riechen oder Schmecken… Inhaltlich gibt es eine Perikopenreihe, die sich jährlich wiederholt. Die Aussagen sind z.B.: „Jesus hat mich lieb“, „Ich bin wertvoll“, „Gott sucht mich“, „Ich bin nicht alleine“. Wir wollen den Menschen mit Behinderung vermitteln: „Ich bin ein geliebtes Kind Gottes.“

Welchen Stellenwert haben die Gottesdienste für die Menschen mit Behinderung?

Für sie ist das eine große Quelle der Wertschätzung. Dort bekommen sie die Hände aufgelegt und werden gesegnet, dürfen selbst etwas sagen und erleben den feierlichen Charakter.

In Wilhelmsdorf gibt es auch die ganz „normalen“ Sonntags-Gottesdienste der Brüdergemeinde. Inwiefern sind die durch die Menschen mit Behinderung beeinflusst?

Beim Sonntag-Morgen-Gottesdienst sind immer auch viele Menschen mit Behinderung dabei. Darum wird dort das Vaterunser immer mit Gebärdensprache begleitet. (Anmerkung: Gemeint ist die Lautsprachbegleitende Gebärdensprache kurz LBG. Sie unterscheidet sich von der Deutschen Gebärdenspräche, DGS, die eine ganz eigene Grammatik hat und eine eigene Sprache darstellt). Außerdem gibt es zwei Predigten: nach der gesprochenen wird der Inhalt noch mal zusammengefasst und vereinfacht in einer gebärdeten. Und alle Menschen mit Behinderung dürfen, wenn sie möchten, zu Beginn des Gottesdienstes ihre Kerze anzünden.

Auch in den regelmäßigen Jugendgottesdiensten sind Menschen mit Behinderung dabei; einer auch als Mitarbeiter im Theater-Team.

Wenn Mitarbeitende aus JuGo-Teams dieses Interview lesen und denken: „Hei, unser JuGo könnte doch auch inklusiver werden…“ – was würdest du denen empfehlen? Wie kann man so was starten?

Der Schlüssel liegt in der Beteiligung. Bevor ihr überlegt „Was können wir für die anderen machen?“ ist das Wichtigste, Kontakt zu ihnen aufzubauen. Lernt die Leute kennen und baut Beziehungen auf. Dann wird eigentlich von alleine klar, in welche Richtung es gehen muss. Menschen, die in Wohngruppen für Menschen mit Behinderung leben und in Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten, genießen es meistens sehr, einfach auch mal mit anderen zusammen zu sein.

Hast du selbst Wünsche an die Ortsgemeinden, was das Thema Inklusion angeht?

Ja! Dass sie Kontakt aufnehmen zu Familien mit Menschen mit Behinderung. Und dass sie mit ihnen gemeinsam schauen: wie können sie teilhaben?

Es tut Gemeinden gut, wenn sie Menschen mit Behinderung Raum geben. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie sie sich, zugeschnitten auf ihre Fähigkeiten, engagieren können: sie können ein Zeugnis geben oder die Rassel schlagen, die Opfer-Dose herumgeben oder im Theater-Team eine Rolle übernehmen… vieles ist möglich! Ich persönlich nehme aus einem Gottesdienst in der Behindertenhilfe emotional mehr mit als aus einem „normalen“ Gottesdienste. Denn in diesen Gottesdiensten wird gelacht und geweint, da wird gefeiert – da ist Raum für Emotionen. Gemeinden geht das verloren, wenn sie Menschen mit Behinderung nicht dabei haben. Sie brauchen diese Menschen, um diesen Zugang zu Gott und zum Glauben wieder zu lernen.

Johannes, vielen Dank dir für das Gespräch!

Zum Abschluss noch ein ganz praktischer Tipp: Menschen, die sich, aus unterschiedlichen Gründen, mit der gesprochenen deutschen Sprache schwer tun, kann es helfen, wenn ihr die so genannte einfache Sprache verwendet. Gute Beispiele, wie das ganz praktisch im Gottesdienst aussehen kann, findet ihr auf der Seite der Nordkirche. Bibeltexte, die bereits in einfache Sprache übertragen wurden und Bibeltexte in DGS-Gebärdensprache gibt es zum Beispiel hier.

  • Autor / Autorin: Johannes Ehrismann
  • Autor / Autorin: Stefanie Weinmann
  • © EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg

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