„Du musst nur kommen …“?„Du musst nur kommen …“?

„Du musst nur kommen …“?

Hintergrund/ Grundsatz

Verband: Deutscher EC-Verband
Zeitbedarf: 30-60 Min. (Vorbereitung: 15-45 Min.)
Materialart: Hintergrund/ Grundsatz
Zielgruppen: Junge Erwachsene, Junge Erwachsene (18+), Mitarbeit, Mitarbeitende, Studenten
Einsatzgebiete: Predigtvorbereitung, Schulung
Redaktion: echt.

Bekehrung als Ziel und als Weg

Wir schreiben das Jahr 1654. Eine Studierstube bei Nacht, da sitzt ein Mann, nur erhellt vom Kerzenschein, und ist aufgewühlt. Blaise Pascal ist ein berühmter Philosoph und Mathematiker. Und er hat sich gerade bekehrt. Was er mit Gott erlebt hat, schreibt er auf einen Zettel. Um es ja nicht zu vergessen, näht er den Zettel in seinen Mantel ein, den er sein ganzes Leben trägt. Nach seinem Tod findet man den Zettel. Für das, was Pascal erlebt hat, scheinen Worte nicht zu reichen:

„Jahr der Gnade 1654. Montag, den 23. November … Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht.

Feuer

Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.
Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Der Gott Jesu Christi …

Freude, Freude, Freude, Freudentränen …

Jesus Christus!
Ich habe mich von ihm getrennt, ich habe mich ihm entzogen, habe ihn geleugnet und gekreuzigt.
M
öge ich niemals von ihm getrennt sein …“

Was für ein Bekehrungserlebnis! Es hat sein Leben auf den Kopf gestellt. Pascal wurde danach zu einem der wichtigsten Denker der Christenheit.

Manche Christen erleben ähnliches. Ich vermute aber stark: Nicht viele erleben es so wie Pascal, ich selbst zum Beispiel nicht. Heißt das, dass wir anderen „nicht richtig“ bekehrt sind? Und was ist das überhaupt: Bekehrung?

Bekehrung 1: Neues Testament

Wenn jemand zum ersten Mal öffentlich predigt, nennt man das seine Antrittspredigt. Da hört man besonders genau hin, umso mehr, wenn derjenige Jesus Christus heißt. Was hat er als erstes gesagt?

„Die Zeit ist gekommen, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft!“ (Markus 1,15 / NGÜ)

„Kehrt um!“ – Das Wort im griechischen Urtext kann man auch mit „denkt um“ übersetzen: „Ändert euren Sinn!“ Gemeint ist aber nicht nur etwas, das sich im Kopf abspielt, sondern die Richtung des ganzen Lebens soll sich ändern. Wer an Jesus und seine gute Botschaft glaubt, denkt und lebt anders als vorher.

Bekehrung heißt also gerade nicht: Ich strenge mich kräftig an, besser zu leben als vorher, frömmer, heiliger, geistlich fitter zu sein … Sondern Bekehrung heißt zuerst: Ich verlasse mich ganz auf Jesus, nicht auf andere, auch nicht auf mich selbst. Und dieses Umdenken, dieses Vertrauen ändert alles.

Das geht nur, wenn ich Jesus vorher kennengelernt habe. Deswegen fängt auch Jesus selbst seine Predigt gar nicht mit dem Ruf zur Umkehr an, sondern sagt noch davor:

„Das Reich Gottes ist nahe.“

Er meint damit: in mir. Wenn ich da bin, dann ist Reich Gottes da, ist Gott selbst da. Da könnt ihr sicher sein. Und jetzt vertraut mir, und ihr werdet euch wundern, was mit eurem Leben passiert.

Zu diesem Jesus laden seine Leute ein – die Jünger, Paulus, die ersten Gemeindegründer. Sie reisen durch die ganze bekannte Welt, erzählen von Jesus, seinem Tod und seiner Auferstehung. Und sie rufen zum Glauben: Denkt um! Lasst alles hinter euch, was Jesus Konkurrenz machen will. Jesus allein zählt. Kommt zu ihm, verlasst euch ganz auf ihn.

Von einigen Menschen im Neuen Testament werden besondere Bekehrungserfahrungen berichtet, z. B. Paulus auf dem Weg nach Damaskus (Apg 9). Von vielen anderen wird nur gesagt: Sie kommen dazu. Sie fangen auch an zu glauben. Entscheidend ist also nicht das Wie der Bekehrung, sondern dass sie zum Glauben gekommen sind.

Bekehrung 2: Geschichte

Ein Bekannter von mir, ein Pastor aus England, hatte sich als Jugendlicher bekehrt. Das erzählte er seiner Mutter: „Ich bin Christ geworden.“ Seine Mutter antwortete: „Was soll das heißen, du bist Christ geworden? Du bist immer Christ gewesen, du bist Engländer!“

Aber Christsein lässt sich eben nicht vererben, sondern es ist immer die eigene persönliche Entscheidung. Genau dieses Missverständnis entstand aber früh im Römischen Reich. Als das Christentum Staatsreligion geworden war, hatte man den Eindruck: Jetzt sind ja alle Christen, von Geburt an, also braucht es auch keine Bekehrung mehr. Das lateinische Wort für Bekehrung, conversio, benutzte man später nur noch für Mönche und Nonnen: conversio wurde zum Entschluss, ins Kloster zu gehen.

Aber Bekehrung ist eben nicht auf einzelne „besonders christliche“ Christen beschränkt, sondern gehört immer zum Christsein dazu. Das entdeckte man in der frühen Neuzeit wieder. Bekehrung spielte im Pietismus eine große Rolle, im 17. und 18. Jahrhundert, und in der Erweckunsbewegung seitdem.

Denn man spürte: Es reicht nicht, nur das Richtige zu glauben und offiziell dazu zu gehören. Es braucht auch die persönliche Entscheidung. Und es muss klar sein: Wenn ich mich für Jesus entscheide, entscheide ich mich auch gegen alles, was ihm Konkurrenz machen will. Nichts darf mir wichtiger sein als er. Das ist keine leichte Entscheidung. Aber je deutlicher ist, was Jesus für uns getan hat, wie vertrauenswürdig er ist, desto leichter fällt es auch, ihm zu vertrauen.

Bekehrung 3: Aktuelle Forschung

Wie sieht das eigentlich aus, wenn Menschen heute und in unseren Breitengraden Christen werden? Das wurde vor Jahren wissenschaftlich untersucht, vom „Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung“ der Uni Greifswald. Weit über 400 Menschen, die als Erwachsene zum Glauben gefunden hatten, wurden umfassend befragt: Wie war das, was hat ihnen geholfen, was hat den Ausschlag gegeben? Die Ergebnisse füllen ein ganzes Buch (Zimmermann/Schröder: „Wie finden Erwachsene zum Glauben?“ Neukirchener 2011). Daher hier nur ein paar erste Highlights:

  • Zum-Glauben-Kommen sieht unterschiedlich aus. Für manche ist es ein klarer Einschnitt. Wenn sie vorher gar keinen Bezug zu Christen und Gemeinde hatten, ändert sich nun auch äußerlich viel. Sie werden Mitglied, lassen sich taufen, haben neue Kontakte. Für andere ist es mehr eine Wiederentdeckung: Glaube war für sie früher mal wichtig, dann haben sie ihn „vergessen“ und durch den Kontakt mit Christen jetzt wiedergefunden. Für wieder andere ändert sich von außen gesehen wenig: Sie waren auch vorher schon engagiert in einer Gemeinde, vielleicht sogar sehr aktiv. Aber sie sagen von sich selbst z. B.: So richtig verstanden habe ich das erst später – das mit Jesus, mit der Gnade Gottes. Äußerlich ändert sich wenig, aber innerlich viel.
  • Zum-Glauben-Kommen dauert: Ein mittlerer Wert besagt, dass für viele Menschen der Weg zum Glauben über 6 Jahre lang dauern kann; vom ersten Interesse bis zu dem Punkt, an dem man sich sicher ist: Jetzt gehöre ich wirklich dazu. Lange Anläufe sind also normal – entscheidend ist das Ergebnis. Gott hat einen langen Atem, hat viel Geduld, also dürfen wir sie auch haben, mit anderen Menschen und mit uns selbst.
  • Zum-Glauben-Kommen ist ein Weg – mit entscheidenden Stationen: Auf diesem Weg macht man sich irgendwann auf die Suche, begegnet Christen, diskutiert und macht Erfahrungen. Zentral ist dann das Commitment oder Festmachen im Glauben. Dazu gehört die persönliche Entscheidung, oft mit sogenannten Entscheidungs-Ritualen. Denn Menschen spüren: Was ich gerade anfange zu glauben, das will ich für mich selbst greifbar machen. Also suchen sie nach Formen, ihren neuen Glauben auszudrücken: Sie fangen an zu beten, erzählen anderen von ihrem Glauben, gehen zum ersten Mal (wieder) zum Abendmahl u.v.m. Die Pointe: Wenn man diese Menschen bei einer Veranstaltung aufruft, nach vorne zu kommen, tut man ihnen oft gerade einen Gefallen. Wenn man sie z. B. einlädt, mit anderen ein Gebet zu sprechen, oder eine Kerze anzuzünden, oder ein Bändchen ans Kreuz zu knüpfen – dann kann das für sie eine große Hilfe sein. Die Einladung sollte nur ohne Druck geschehen. Es ist ein Angebot, aber Zum-Glauben-Kommen kann sich auch anders ausdrücken.

Gottes Entscheidung und unsere

„Du musst nur kommen …“ heißt es manchmal bei der Einladung zum Glauben. Das kann so verstanden werden, als müssten wir auf Gottes Gnade noch etwas draufpacken. Gott hätte dann fast alles getan, um uns zu retten – aber etwas fehlte doch noch, wir müssten auch etwas tun. Denn Gott drängt sich ja nicht auf, sondern wir müssen zu ihm kommen.

Müssen wir auch. Glaube passiert nicht automatisch, sondern Glaube ist die eigene Entscheidung jedes Menschen. Ohne Umkehr kein Christsein. Alles richtig.

Aber(!), und jetzt wird es zentral: Diese Entscheidung ist selbst etwas, das Gottes Geist in uns bewirkt. Gott wirkt in uns, deshalb können wir uns überhaupt entscheiden. Aus eigener Kraft, weit weg von Gott, könnten wir das nämlich nicht. Gott muss uns erst dazu befähigen.

Nur deshalb macht es ja auch Sinn, dafür zu beten, dass Menschen zum Glauben finden. Und deshalb steht im Neuen Testament auch beides direkt nebeneinander: Menschen werden zum Glauben gerufen (Apg 2,38). Und Gott selbst bringt Menschen zum Glauben (Apg 2,47). Beides ist für die Bibel also kein Widerspruch.

Deswegen braucht es nach wie vor Bekehrung und den Ruf zum Glauben. Es muss nur klar sein: Wir rufen, wir laden andere ein, weil Gott am Wirken ist. Wir vertrauen darauf, dass er unseren Ruf, unsere Einladung nimmt und ins Herz von Menschen spricht.

Das zeigt sich schon auch in der Art und Weise, wie wir einladen. Wir können Bekehrung in anderen ja nicht „machen“, wir können nur darum bitten. Deswegen verzichten wir auf Tricks. Wir setzen nicht unter Druck, sondern wir werben um Vertrauen. Vertrauen kann man nicht „anordnen“, sondern nur erwerben. Die beste „Methode“ ist, davon zu schwärmen, wie großartig – und wie vertrauenswürdig Jesus selbst ist.

Und wenn man dann miterleben darf, wie ein Mensch zum Glauben findet und anfängt, ganze Sache mit Jesus zu machen – dann möchte man das immer wieder erleben …

  • Autor / Autorin: Matthias Clausen
  • © Deutscher EC-Verband

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