Gottesdienste erprobenGottesdienste erproben

Gottesdienste erproben

Theologischer Artikel

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Zeitbedarf: 5-15 Min.
Materialart: Theologischer Artikel
Zielgruppen: Jugendliche, Junge Erwachsene
Einsatzgebiete: (Jugend-)Gottesdienst, Corona Spezial
Themenstellung: Vertiefungen
Redaktion: jugonet

jugonet im Interview

Samuel Coppes, Du bist Pastor von „dorf. kirche düsseldorf“, einem Erprobungsraum von Kirche. Was ist das genau – und was begeistert dich an dieser Art von Arbeit? Die Erprobungsräume sind ein Experiment, das es so oder mit anderem Namen in einigen Landeskirchen gibt. Auch in unserer Landeskirche, der EKiR, wird seit letztem Jahr ausprobiert, nämlich wie neue Formen von Kirche aussehen können. Das machen wir auch hier vor Ort in Düsseldorf. Uns treibt die Sehnsucht an, dass Menschen in der Kirche ein Zuhause finden können, die das bisher nicht haben. Das begeistert mich als Pionierpastor, weil es eine leidenschaftliche Suche ist: Danach, wie Gott wirkt und wie Menschen in der heutigen Zeit damit in Verbindung kommen können. Dafür haben wir uns auf den Weg gemacht und uns mit Kompliz:innen verbündet, die die gleiche Leidenschaft haben.

Wie gestaltet ihr eure Gottesdienste? Was ist da das Spezielle an einem Erprobungsraum? Das Spezielle an unserem Erprobungsraum ist, dass wir erstmal gar keine Gottesdienste feiern. Oder vielleicht auch sehr ähnliche Dinge tun, es aber nicht so nennen. Denn wir merken immer wieder: das Bild davon wie Gottesdienst oder auch Kirche aussieht, ist sehr stark geprägt. Wir stellen uns also eher die Frage: was passiert eigentlich im klassischen Gottesdienst, was gut ist, um gemeinsam Glauben zu leben? Die Predigt hat z.B. verschiedene Aspekte in sich, etwas zu lernen über theologische Inhalte oder für den eigenen Glauben ermutigt zu werden. Wir fragen uns also, wie könnte das in einem neuen Format vorkommen. In Düsseldorf gibt es beispielsweise monatliche Events, in der Redner:innen eine Stunde über ein Thema referieren und drumherum ist nur ein soziales Happening. Wie wäre es, einmal im Monat auch so eine Veranstaltung mit einem ausführlichen Themenschwerpunkt stattfinden zu lassen, während andere Dinge, die üblicherweise in einem Gottesdienst stattfinden in kleinen Zellgruppen zu etablieren?

Was bedeutet das theologisch? Einerseits greifen wir ein urreformatorisches Anliegen auf: Die Welt um uns herum in ihren Fragen wahrzunehmen und uns zu fragen: Wie kann Kirche die Botschaft des Evangeliums in diese Zeit hinein übersetzen? Und wie verändert sich die Form von Kirche, wenn sie sich diese Frage stellt? Andererseits die Missio dei: Gottes Wesen ist es, in die Welt der Menschen zu kommen und der Auftrag von Kirche und uns Menschen darin ist, dieser Bewegung nachzugehen. Das heißt konkret beim Thema Gottesdienst, es ist nicht die Aufgabe der Menschen, in unsere Gottesdienste reinzufinden und sich daran anzupassen, sondern die Form der Gottesdienste muss davon bestimmt sein, das sich Menschen, die keinen Bezug zu kirchlichen Formen haben, daran Teil haben können.

Unser Thema sind ja Gottesdienste mit Herz und Hand, Haut und Haar.. Welche Erfahrungen habt ihr damit prinzipiell – und gerade auch in Zeiten von Corona gemacht? Damit verbinde ich vor allem, Gottesdienst partizipativ zu gestalten. Für mich macht es einen Riesenunterschied auf der Ebene von Erfahrungen, ob ich selbst aktiv teilnehme oder für mich etwas gestaltet wird. Denn dann kommen meine Sinne in eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem Thema. Das kann ein Abendmahl sein, das eben nicht von Vorne ausgeteilt wird, sondern mit einem gemeinsamen Essen verknüpft ist, eine Liturgie mit verteilten Sprechrollen, die auch über Videokonferenz die Möglichkeit bietet, eine Verbindung zu schaffen. Während der Coronazeit liegt in einem solchen Ansatz auch eine Riesenchance, weil Nähe durch Teilhabe viel eher entsteht, auch wenn sie physisch auf Entfernung stattfindet. In der Adventszeit haben wir Erfahrungsräume mit Stationen gestaltet, quasi als Dauer-Gottesdienst mit versetzter Teilnahme. Hier konnte trotzdem interagiert werden durch aufgeschriebene Gedanken o.Ä. Auch wenn ich diesen Ansatz sehr schätze, kann er sehr herausfordern, weil man eben nicht nur mal passiv rein schnuppern kann, sondern eine persönliche Auseinandersetzung fordert, selbst wenn sie darin besteht, nicht teil zu nehmen.

Was hilft Menschen Gottesdienst mit Herz und Hand zu feiern? Hast Du da ein paar gute Tipps und Ideen für Jugendgottesdienste? Wir denken in Prototypen, in Formaten, die wir ausprobieren. Am Anfang steht der Prozess, hinzuhören, wo könnten Menschen Anknüpfungspunkte finden? Dafür haben wir uns Zeit genommen. Darin entstehen immer wieder Ideen, die wir in einem Format ausprobieren. Das kann zum Beispiel eine Wanderung sein, die mit spirituellen Übungen verbunden ist. Wir probieren aus, schauen, welche Dynamik ein Format hat und lassen es dementsprechend bleiben, verändern es oder machen genauso weiter. Damit können wir uns immer wieder an verändernde Umstände anpassen. Auch hier hilft das weiße Blatt und die Idee, was eigentlich passieren soll. Wie kann ein Jugendgottesdienst eigentlich aussehen, wenn nicht etwas bestimmtes passieren muss, aber eine größere Idee damit verfolgt wird? Am Ende des Tages muss aber nicht alles aus Prinzip neu erfunden werden, im Gegenteil. Für unsere Wanderung haben wir auf einen großen Schatz von spirituellen Übungen zurück gegriffen, der uns eben nur sehr passend erschien für das, was Menschen heute suchen. Die haben wir in einen passenden Rahmen eingefügt und geschaut, was passiert.

  • Autor / Autorin: Samuel Coppes
  • Autor / Autorin: Dr. Kathinka Hertlein.
  • © EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg

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