Hat die Kirche Zukunft?Hat die Kirche Zukunft?

Hat die Kirche Zukunft?

Theologischer Artikel

Verband: CVJM Westbund
Zeitbedarf: 5-10 Min. (Vorbereitung: 1-1 Min.)
Materialart: Theologischer Artikel
Zielgruppen: Junge Erwachsene (18+), Mitarbeitende
Einsatzgebiet: Schulung
Redaktion: KON

Gedanken zu einem Vortrag von Michael Herbst in Hinsicht auf eine Zeit »nach Corona«

Mittlerweile sind rund sieben Jahre vergangen, seit ich bei einem WillowCreek-Kongress ein Referat von Prof. Dr. Michael Herbst gehört habe, das mich seitdem immer wieder beschäftigt hat. In der heutigen Zeit, nach rund eineinhalb Jahren Gemeindearbeit unter Pandemie-Bedingungen, hat es, aus meiner Sicht, nichts von seiner Aktualität verloren.

Es ging dabei um die Frage, ob die Kirche (überhaupt noch eine) Zukunft hat. Diese Frage ist es doch auch, die uns heute bewegt! Sie verbirgt sich hinter der Frage, ob und wie man Menschen wieder zu (Jugend-)Gottesdiensten einladen kann, wie man in Zukunft Gruppenstunden denken kann, wie es gelingen wird, die guten Erfahrungen aus der digitalen Arbeit in die bisherigen Strukturen und Traditionen einfließen zu lassen … Letztlich geht es darum, wie es uns möglich sein wird, weiterhin die gute Nachricht von Gottes großer Liebe in einer Welt zu verbreiten, die so schnelllebig, oft auch beliebig und unverbindlich daherkommt und die immer wieder das eigene Wohl statt gelebte Solidarität in den Mittelpunkt stellt.

In seinem Referat bot Dr. Herbst damals fünf Optionen als Antwort an – je nachdem, aus welchem Blickwinkel man die Frage betrachten würde:

JA

In seinen Augen hat eine Kirche Zukunft, die offen ist für alle Menschen, sich an deren Bedürfnissen orientiert und dabei, im Gebet, dem Wort Gottes folgt.

NEIN

Eine Kirche, die mit alten Traditionen, Privilegien und viel Geld wuchert, aber dabei die Basis aus den Augen verliert, hat hingegen keine Zukunft.

VIELLEICHT

Dr. Herbst bot eine »tröstende Theologie« an, die »Kirche« als solche noch einmal differenziert betrachtet (als »Kirche Jesu« und als »irdische Kirche«) und deutlich macht:

Die »Kirche Jesu« als Salz der Erde und Licht der Welt wird Zukunft haben und selbst das Böse dieser Welt wird sie nicht überwinden. Die »irdische Gestalt« der Kirche aber kann »ihre Zeit gehabt haben« und in ihrer Form »vergehen« bzw. »abgelöst werden«. Wenn sie zum Beispiel den Weg Jesu verlässt und ihren Auftrag leugnet – dann wird Jesus eine neue Form für seine irdische Kirche finden und formen. Den Seinen wird er immer treu zur Seite stehen.

In Anlehnung an einen James-Bond-Film sprach Dr. Herbst von einem »Quantum Gnade« und forderte auf, über drei Fragen nachzudenken:

  1. Welches Klima braucht eine von Gott geschaffene Gemeinde?
    • Wer sich über die (finanziellen) Rahmenbedingungen den Kopf zerbricht, hat ja nicht unrecht, aber: Das ist nicht alles! Denn Gott denkt an kreatives Geschehen, wenn er Gemeinde denkt!
  2. Wie sehen wir unsere Kirche, bezogen auf das Gleichnis des verlorenen Sohnes?
    • Gemeinde ist dort, wo der Vater mit seinen verlorenen Kindern im Festsaal feiert!
      Können wir dann mitfeiern oder stehen wir als »ältere Söhne« eifersüchtig in der Ecke und sind neidisch auf das, was den verlorenen Söhnen geboten wird? Können wir erkennen, dass es echte Gemeinschaft mit Gott nur dann geben kann, wenn wir gemeinsam mit denen, die verloren waren, vor ihm stehen?
  3. Leben wir selbst eigentlich aus der Gnade Gottes oder möchten wir immer noch gerne stolz aus dem Schatz unserer guten Werke leben?

HOFFENTLICH

Hier formulierte Dr. Herbst drei Zonen des Glaubens:

  1. Gemeinde und Glauben so zu leben, wie ich es bereits kenne und liebe
  2. Aufzubrechen aus meiner Komfortzone, wenn Gott mich dazu beruft
    (z. B. wie Mose, Abraham, Maria, …)
  3. Nicht zu versuchen, eine »Kirche der Vergangenheit« zu retten, sondern sich aufzumachen in eine ungewisse und von Gott abhängige Zukunft

Er machte deutlich, dass in der dritten Zone die Aufgabe und Herausforderung einer Kirche mit Zukunft liegt.

GEWISS

Wenn Kirche sich aufmacht, neue Wege zu finden und sich nicht davor ängstigt, wenn es mal schwer und herausfordernd wird, wird sie erleben, wie Gott Zukunft schenkt – weil er versprochen hat: »Sei mutig und stark, denn Jesus ist mit dir und lässt dich nicht im Stich!«

Was lässt sich nun mit diesen Gedanken anfangen, mit der Erfahrung aus den letzten 18 Monaten mit Kontaktbeschränkungen, Zoom-Meetings und anderen digitalen Versuchen, die Kontakte nicht einschlafen zu lassen, sondern Mädchengruppe/Teenkreis/Gemeinde weiterhin lebendig zu gestalten?

Ich meine, diese Gedanken zeigen eine Richtung und geben wichtige Impulse, um die eigene, bisherige Arbeit noch einmal genau zu hinterfragen. Dann kann man sich, neu gegründet, aufmachen, um Kirche zu sein an dem Ort, an den Gott mich hingestellt oder an den er mich berufen hat und mit den Mitteln die ich dort finde. Ich darf fest darauf vertrauen, dass seine Verheißungen tragfähig sind und ich mich an ihnen festmachen darf, wenn mich meine Sorgen und Zweifel schütteln und zu Fall bringen wollen.

Kirche kann und sollte nicht länger (nur) als statische Institution gedacht werden, sondern als ein lebendiger Prozess eines lebendigen Gottes. Dieser Gott zeigt selbst mit so großer schöpferischer Kreativität in dieser Welt Präsenz, dass es ihm einfach nicht gerecht werden kann, wenn wir ihn in feste Mauern, Traditionen und Rituale sperren.

Eine Kirche der Zukunft kann nicht länger darauf warten, dass die Menschen schon zu ihr kommen werden – sie muss sich aufmachen zu den Menschen und ihnen in ihren Nöten und Bedürfnissen begegnen, muss ihnen zuhören und sie ernst nehmen.

Kirche braucht Antworten auf die Fragen dieser Generation und darf sich nicht scheuen, dabei die eigenen Traditionen zu hinterfragen. Sie muss überlegen, ob Jesus heute die Dinge genauso beurteilen würde, wie es uns unsere althergebrachten Überzeugungen vormachen. Das Wort Gottes ist ein lebendiges Schwert und kein starres Festhalten an alten Glaubenssätzen und manchmal, so scheint es mir, vergessen wir genau das.

  • Autor / Autorin: Sandra Thies
  • Autor / Autorin:
  • © Prof. Dr. Michael Herbst
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