Ohne Veränderung und loslassen geht es nichtOhne Veränderung und loslassen geht es nicht

Ohne Veränderung und loslassen geht es nicht

Hintergrund/ Grundsatz

Verband: CVJM Deutschland
Zeitbedarf: 5-10 Min. (Vorbereitung: 5-10 Min.)
Materialart: Hintergrund/ Grundsatz
Zielgruppe: Mitarbeitende
Einsatzgebiet: Schulung
Redaktion: CVJM Deutschland

1955 – 2010: Offene Arbeit im CVJM Hagen

Nachkriegszeit! In einer Bombennacht am 02.12.1944 war der Traum vom eigenen CVJM-Haus ausgeträumt. Der CVJM Hagen musste neu anfangen.

1955 – 1969 Ein CVJM macht sich auf einen neuen Weg

In einer Baracke, die der CVJM-Weltbund zur Verfügung gestellt hatte, konnte in dieser bewegten Zeit engagierte christliche Jugendarbeit durchgeführt werden. Veränderte Zeiten, deshalb veränderte Programme, z.B. Filme vorführen, Weihnachtsfeiern für Alleinstehende „erfinden“, Vorträge anbieten.

1. Tapetenwechsel!

Auf einmal konnten neue Pläne geschmiedet werden. Der amerikanische YMCA stellte unvorstellbare finanzielle Mittel in Aussicht. Ein neues, großes, für die damalige Zeit ganz modernes Haus sollte gebaut werden. Die „Väter“ der Bauphase beschäftigten sich sofort mit dem Gedanken, auch eine „Offene Tür“, besser „Ganz Offene Tür“ (GOT), beim Bau mit zu berücksichtigen. Denn das Land NRW wollte solche Häuser der Offenen Tür. Es war der Wunsch der amerikanischen Besatzungsmacht, dass in solchen Bildungseinrichtungen die deutsche Jugend neue Ideale, neue politische Einstellungen und  neue gesellschaftliche Motivationen bekamen. Am 20.02.1955 wurde die GOT, dieses Kürzel begleitete uns lange, eingeweiht.

Die Frage und die Unsicherheit, die den CVJM in den ersten Jahren begleiteten, waren: Kann CVJM-Arbeit als Verbandsarbeit und offene Arbeit nebeneinander existieren? Kurioses gab es. So wurde vom Ministerium in NRW ein gemeinsamer Eingang von CVJM-Heim und GOT-Heim nicht erwünscht. Zitat: „… darf das GOT-Heim nicht als Fanggrube für den CVJM benutzt werden.“ So begann die Offene Arbeit im CVJM Hagen. Ein „Arbeits- und Bildungsplan für das Haus der Offenen Tür“ wurde erstellt, erste Hauptamtliche für diesen Arbeitszweig eingestellt.

1970 – 1980 Cliquen, Rocker, Halbstarke, Hippies fordern uns heraus

Indem diskutiert wurde über die Berechtigung der Offenen Arbeit, hatten Jugendliche der verschiedenen Couleur sich schon längst der Einrichtung bemächtigt. In den Jugendzentren trafen sich Jugendliche von der Straße, jede Einrichtung hatte ihre „Gruppe“, die Offenen Einrichtungen waren zum Treffpunkt geworden. Diesen Wechsel erlebten wir auch im CVJM Hagen. Das war der nächste große Tapetenwechsel.

Auch Zahlen verdeutlichen, dass sich die „Welt“ der Offenen Arbeit total veränderte. Die Öffnungszeiten im Jahr 1970 betrugen z.B. 41 Stunden pro Woche, an 266 Tagen im Jahr war die OT geöffnet. 13.100 Durchgänge von Personen wurden statistisch festgehalten. Was das an Mitarbeitereinsatz, Ausdauer, Festigkeit und pädagogischer Kleinarbeit bedeutete, das können nur Fachfrauen/Fachmänner beurteilen. Am Ende dieser Dekade wird ein langer Prozess der Veränderung einen neuen Abschnitt einleiten. Nach 25 Jahren ist das Haus nicht mehr modern genug. Ein großer Umbau soll das Haus zukunftsfähig machen. Tapetenwechsel!

1981 – 2000 Modernes Jugendzentrum – neue Herausforderungen

Ein Wechsel ist geplant worden und das ist das Bemerkenswerte daran. Wir können mit 25-jähriger Erfahrung neue Räume für die Offene Arbeit gestalten, wir können organisatorische Abläufe maximieren, wir können, weil wir schon alles einmal erlebt haben. Und trotzdem hatten wir eine Erfahrung so intensiv noch nicht erlebt. Nach dem Umbau 1980 wird die OT „überschwemmt“ von ausländischen Kindern und Jugendlichen.

Von wegen – Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, das gab es noch nicht, das mussten wir noch lernen. Wir scheuten uns zuerst, den Begriff „Ausländerarbeit“ für unsere Offene Arbeit zu verwenden. Aber die Erfahrungen von Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit in den Jahren Mitte der 80er machten uns mutig und solidarisch. Die Bibel gab uns den Maßstab und zeigte uns den Weg zum Fremden und zur Gastfreundschaft. Viele Aktivitäten und Gruppen in der OT wurden von ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern entweder selbst organisiert oder sie nahmen an Programmen teil. Zu dem großen „Blumenstrauß Ausländerarbeit“ gehörten damals: eine iranische Gruppe, eine armenische Gruppe aus Christen, die türkische Folklore-Gruppe, ein Gesprächskreis türkischer Frauen, die Fußballmannschaft CVJM-Türkiyemspor.

Vom Besucherdurchschnitt und von den vielfältigen Aktivitäten her konnte die Offene Arbeit seit dem Umbau 1980/81 nur mit zwei Fachkräften bewältigt werden. Aber erst 1986 wurde eine zweite Fachkraft eingestellt. 1992 wiederum wurde erstmals eine Frau als 2. Fachkraft eingestellt. In diesen Jahren beteiligten wir uns ganz engagiert daran, dass die Offene Arbeit im CVJM in Deutschland vernetzt wurde, dass Fortbildungsangebote für ehren- und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt wurden. Es entstanden OT-Werkstatttage und eine OT-Initiative. Nach 20 Jahren intensiver OT-Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund wollten wir die einseitige Festlegung auf ein Besucherpotential verändern; wiederum wurde ein Umbau der OT geplant. Tapetenwechsel!

2000/2001 – 2009

The changes go on … Immer mehr mussten wir uns auch mit unserer Offenen Kinder- und Jugendarbeit den Richtlinien der neuen Kinder- und Jugendhilfe stellen. Wir mussten viel mehr als vorher die Zusammenarbeit mit dem städtischen Jugendamt pflegen. Neue Begrifflichkeiten wie Qualifizierung der Offenen Arbeit, Jugendförderplan, Sozialmanagement, Wirksamkeitsdialog gehörten fortan in den Bereich unserer Offenen Arbeit.

So veränderten wir im Jahr 2000/2001 den „Mittelpunkt“ unseres Jugendzentrums. Die „Theke“, die bisher Dreh- und Angelpunkt in unseren Räumen war, wurde großzügig modernisiert. Espresso-Maschine, Koch- und Backgelegenheit, Angebote von Snacks, mehr Raum für Materialien – das wurde jetzt verwirklicht.

Langsam änderte sich das Besucherbild, es kamen mehr Schüler, bedingt auch dadurch, dass wir uns an der Ganztagsschulform mit engagierten. Einen Schwerpunkt legten wir auch auf die Gruppe der 9 – 14-Jährigen. Wir wollten die Kinder für die Offene Arbeit schon möglichst früh prägen, denn dann sind viele Konflikte im Jugendalter viel eher kommunikativ zu lösen.

2010 – Noch einmal setzen wir neue räumliche Schwerpunkte

Wir renovieren einen ausgedienten „Club-Raum“ zum OT Wohnzimmer mit Teppichboden, neuen (!) Sofas, Fernseher, Wii und Sitzsäcken – unsere Jugendlichen bezeichnen unsere Einrichtung als Zuhause, deshalb sollen sie eben auch „eine gute Stube“ haben. Die Jugendlichen nehmen sehr wohl wahr, was sie uns wert sind und schätzen diesen Raum auch so. Wir haben unsere Öffnungszeiten den Bedürfnissen unserer Besucherinnen und Besuchern angepasst, der Schwerpunkt liegt in der Woche im Spätnachmittagsbereich bis 21.00 Uhr und am Wochenende von Mittags bis 24.00 Uhr. Wechsel!

Fazit:

Offene Arbeit orientiert sich an den jugendkulturellen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, deshalb ist Veränderung eines ihrer Prinzipien. Dafür muss man auch bewusst Abschied nehmen und loslassen können, damit für Neues Platz gewonnen werden kann. Gott schenkt Anfänge und auch Abschlüsse, für Beides sollten wir die Augen auf haben!

  • Autor / Autorin: Kurt Ulbrich
  • Autor / Autorin: Hagen und Andrea Bolte
  • © CVJM Deutschland