Vom Pilgern auf dem Jakobsweg und richtig gutem KaffeeVom Pilgern auf dem Jakobsweg und richtig gutem Kaffee

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Vom Pilgern auf dem Jakobsweg und richtig gutem Kaffee

Hintergrund/ Grundsatz

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in WĂĽrttemberg
Zeitbedarf: 10-19 Min. (Vorbereitung: 11-20 Min.)
Materialart: Hintergrund/ Grundsatz
Zielgruppen: Jugendliche, Junge Erwachsene, Mitarbeit
Einsatzgebiete: (Jugend-)Gottesdienst, Corona Spezial
Themenstellung: Vertiefungen
Redaktion: jugonet

jugonet im Interview mit Fynn Campbell

Unsere Gottesdienste sind oft von ähnlichen Elementen geprägt: vom Zuschauen und Zuhören, Mitdenken und Mitsprechen. Im Alltag gibt es aber ganz unterschiedliche Zugänge, Gott zu begegnen und mit ihm unterwegs zu sein. Wir haben mit Fynn Campbell, geborener Jansen, gesprochen. Er ist 25 Jahre jung und lebt und arbeitet im Moment in Gomaringen bei Tübingen.

Hei Fynn, mit was bist du tagsüber im Normalfall beschäftigt?

Unter der Woche röste ich Kaffee und bringe ihn an den Mann oder die Frau. Und am Wochenende bewirte ich teilweise Hochzeiten. Ich mag es sehr, für andere Menschen ein Umfeld zu schaffen, in dem sie ankommen, sich wohl fühlen und genießen können. Deshalb habe ich auch lange als Barista gearbeitet und in einem viereinhalb-Sterne-Hotel Hotelfachmann gelernt.

Wofür schlägt sonst noch dein Herz?

Für richtig guten Kaffee! Darüber hinaus auch fürs Theater. Es war lange meine Überzeugung, dass ich mal Schauspieler werde. Und mein Herz schlägt natürlich sehr für meine Frau Sophie!

2016 bist von deinem Zuhause in Öschingen bei Stuttgart losgelaufen und bist mehrere Monate auf dem Jakobsweg bis Santiago de Compostella in Spanien gepilgert. Das ist ja keine typische Beschäftigung für einen jungen Typen nach dem Abi. Wie kam’s dazu?

In der 8. Klasse habe ich -im Garten meiner Oma – das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling gelesen. Das ist unglaublich unterhaltsam, man lacht Tränen – und gleichzeitig ist es sehr tief geschrieben und beschäftigt sich viel mit Spiritualität und Gott. Was mich besonders gereizt hat war das Abenteuer. Ich dachte damals: „Das will ich auch machen, einfach so unterwegs sein!“

Nach dem Abitur habe ich dann sechs Monate bei der Deutschen Post gejobbt. In dieser Zeit ging es mir ging es mir emotional nicht so gut. Und ich habe gemerkt: in solchen Momenten befasse ich mich eigentlich ungern mit mir selbst, sondern lenke mich eher ab. Es war daher eine bewusste Entscheidung zu sagen: ich verbringe jetzt vier Monate nur mit mir und Gott. Wer bin ich, woher komme ich, wo will ich hin? Das wollte ich für mich klären. Und ich wollte mich auf den Weg begeben, um Gott neu zu begegnen.

Was hast du unterwegs erlebt?

Richtig viel, darüber könnte ich ein Buch schreiben! Auf jeden Fall habe ich mich selbst auf eine neue Art und Weise erlebt und kennengelernt, meine Grenzen und meine Ängste.

Außerdem habe ich meine Mitmenschen neu erlebt. Auf dem Jakobsweg begegnest du, zumindest in Spanien, vielen Menschen. Alle sind in Wanderklamotten unterwegs und sind fertig vom Laufen – das nimmt jede Fassade weg und da funktioniert das Schubladen-Denken nicht mehr. Ich habe unglaublich viel Gastfreundschaft erlebt, auch schon hier in Deutschland. Und ich habe Freundschaften geknüpft, die bis heute Bestand haben.

Kannst du eine konkrete Erfahrung rausgreifen?

Zu Beginn meiner Reise war ich nicht der große Outdoor-Man, sondern im Gegenteil eher ein ziemlicher Stubenhocker. Ich bin dementsprechend ziemlich naiv losgelaufen – untrainiert, mit einem 18-Kilo-Rucksack völlig überladen. Am fünften Tag, es war ein Freitag, ging es mir richtig schlecht, ich hatte unglaubliche Hüpfschmerzen. Ich wollte abbrechen und meine Eltern anrufen, damit sie mich abholen. Dann bin ich einem Mann begegnet, der mich zu sich und seiner Frau übers Wochenende eingeladen hat. Wir haben uns super verstanden, das Paar hat sich toll um mich gekümmert, ich konnte in einem weichen Bett schlafen. Und am Montag konnte ich dann wieder weiterlaufen.

Ich habe gemerkt: diese Ruhezeit, die hatte ich gebraucht. Da habe beschlossen: das mit dem Schabbat, also dem arbeitsfreien Tag, das will ich für mich auch in Zukunft durchziehen und auch meinem Körper die Ruhe gönnen. Danach hatte ich nie wieder solche Probleme mit der Hüfte.

Du beschreibst dich auf Instagram und Facebook immer noch als „pilgrim“ (Pilger), obwohl du im Moment ja nicht in der Welt unterwegs bis. Was steckt für dich hinter dieser Selbstbezeichnung?

Für mich hat das viel damit zu tun, auf dem Weg zu sein. Das Leben ist ein Prozess, wo du auf verschiedenen Wegabschnitten und in unterschiedlichen Landschaften unterwegs bist. Manchmal tun dir die Füße weh, manchmal stehst du auf einem Berg, genießt die wunderschöne Aussicht und denkst: Dafür ist es das alles wert!

Auch wenn ich manchmal denke, ich kann nicht mehr, der Rucksack, die Last ist zu schwer, mir geht die Kraft aus, weiß ich: am nächsten Tag geht es wieder weiter. So habe ich das auf dem Jakobsweg öfter erlebt: Abends bin war ich platt und konnte nicht einschlafen, weil mir die Gelenke so weh getan haben… Und dann wachst du am nächsten Morgen auf, setzt deinen Rucksack auf und merkst: es geht doch, ich kann weiterlaufen und sogar schöne Momente genießen.

Hat das Pilgern deine Beziehung zu Gott verändert?

Ja, auf jeden Fall. Ich durfte ganz neu das Thema Gebet entdecken -betend, singend und beatboxend! (Das geht super im Wald!) Ich habe viel FĂĽrbitte gehalten fĂĽr Freunde, Familie und Bekannte, einfach weil ich die Zeit dafĂĽr hatte. Diese neue Gebetsroutine habe ich mitgenommen.

Ich bin eigentlich ein sehr geselliger Mensch. Die ersten zwei bis zweieinhalb Monate auf dem Jakobsweg war ich aber viel allein unterwegs, das war fĂĽr mich sehr herausfordernd. Aber dabei bin ich mir viel mehr der Gegenwart Gottes bewusst geworden. Und das wirkt auch heute noch nach, wenn ich unterwegs bin. Ich weiĂź: Gott ist jetzt hier. Er ist mit mir unterwegs, egal wohin ich gehe.

Braucht es diese monatelange Auszeit? Oder kann man Pilger-Erfahrungen auch schon im Kleinen machen?

Zum Pilgern muss es nicht immer die große Weltreise sein; vor allem wenn es darum geht, Gott in der Natur zu erfahren. Ich war neulich zum Beispiel einfach zwei Tage auf einem Wanderweg in der Nähe unterwegs mit einem Zelt und habe entdeckt, wie schön es hier bei uns ist. Das kann jede*r bei sich machen, und dann würde ich mir einfach gezielt ein paar Sachen vornehmen, für die ich in dieser Zeit im Gebet eintreten will.

Auch auf dem Jakobsweg selbst kann man mal einen Wochenend-Trip machen oder 3-4 Tage unterwegs sein und so ein bisschen das Pilger-Gefühl bekommen. Jakobswege gibt es überall – das ist wie ein Netz, das durch ganz Europa verläuft, immer mit dem Ziel „Santiago de Compostella“.

Außer deiner Leidenschaft fürs Pilgern zeichnet dich auch aus, dass du großer Kaffee-Genießer bist. Du hast dich vor kurzem mit einem Freund als Kaffeeröster selbständig gemacht. Wie seid ihr darauf gekommen?

Im letzten Frühjahr hat Corona einige meiner Pläne durcheinandergewirbelt. Stattdessen hat sich ergeben, dass ich einem guten Kumpel, der als Eventcaterer arbeitet, unter die Arme greifen konnte. Wir haben gemerkt, dass wir super zusammenarbeiten. Und weil wir beide schon lange eine große Leidenschaft für guten Kaffee haben kam die Idee auf: Hei, lass uns doch unseren eigenen Kaffee machen!

Was ist euch wichtig in eurer Arbeit?

Bei COFY ist uns wichtig, dass wir einen sehr direkten Kontakt zu den Bauern haben. Corny, mein Geschäftspartner, war schon in Peru und Brasilien und hat unsere Kaffeebauern kennengelernt. Wir stellen sicher, dass alle fair bezahlt werden, indem wir teilweise das 2-4 fache vom Weltmarktpreis zahlen.

AuĂźerdem ist uns wichtig, aufs Klima zu achten, indem wir z.B. CO2-neutrale Verpackungen nutzen.

Und: pro verkauftem Kilo spenden wir 2 Euro an ein Kinderhilfswerk und ermöglichen Kindern in Äthiopien den Schulbesuch. Nächstenliebe ist ein wichtiger Wert in unserer Unternehmens-Vision.

Schließlich ist uns natürlich wichtig, dass der Kaffee einfach extrem gut schmeckt! Es gibt da krasse Unterschiede in der Qualität, sowohl bei den noch grünen Bohnen als auch beim gerösteten Kaffee. Kaffee hat bis zu 1000 festgestellte Aromen, das sind doppelt so viel wie beim Wein – da gibt es jede Menge spannende Geschmacksnoten, von fruchtig, frisch, pflaumig, über Jasmin- oder Schwarztee-Noten bis hin zu Zartbitter- oder Kakaoaromen…

Da merkt man echt deine Begeisterung für die schönen Dinge des Lebens! Glaube ist ja für viele Christ*innen eher eine ziemlich kopflastige Sache, zu der zum Beispiel vor allem Bibellesen und theologische Diskussionen gehören. Wie ist das bei dir: spielen für dich Genuss und Bewegung im Glauben eine Rolle? Oder sind das total getrennte Bereiche?

In meiner Vorstellung ist Gott unglaublich groß und vielseitig. Oft begrenzen wir ihn, indem wir ihm menschliche Eigenschaften zuschreiben. Aber ich glaube, er ist so viel vielfältiger, als wir uns vorstellen können! Und genauso vielfältig, wie er ist, sind die Zugänge, die wir als Gläubige zu ihm haben können. Deshalb würde ich nicht sagen, dass diese „verkopften“ Sachen schlecht sind. Wenn das für dich der richtige Zugang ist, dann ist das richtig schön! Dann genieß das und leb das.

Gerade die Gottesdienste in unseren evangelischen Kirchen zeigen aber manchmal wenig von dieser Vielfalt, die du ansprichst, weil sie sehr wort-fokussiert sind. Was wĂĽrdest du dir da wĂĽnschen?

Da wünsche ich mir, auch im institutionellen Bereich, mehr Freiheit. Lasst uns schauen: wie können wir kreative Wege zu Gott entdecken und nutzen? Für mich sind diese Zugänge Bewegung, Genuss, Musisches und Gemeinschaft. Und da gibt es noch 10 000 mehr! Wir sind vielfältig und unterschiedlich gemacht und dürfen das auch so ausleben in unserer Beziehung zum himmlischen Vater.

Ein ganz konkreter Traum von mir wäre, ein Abendmahl zu feiern als richtige Mahlzeit, bei der wir in der Kirche an einer groĂźen Tafel zusammenkommen. Jede*r darf kommen, wie er oder sie ist. Der eine bringt Salat mit, die andere Baguette, es gibt guten Wein und wir genieĂźen einfach die Gaben, die Gott uns schenkt. In dieser guten Gemeinschaft darf gelacht werden und geweint werden, wir haben eine gute Zeit zusammen und feiern Jesus. 

Das hört sich wirklich nach einem verlockenden Gottesdienst an! Da wäre ich gerne dabei. Danke, dass du deine Erlebnisse mit uns geteilt hast!

Bewegung, Genuss, Natur, Gemeinschaft… als Zugänge zu Gott? Vielleicht inspirieren die Gedanken aus diesem Interview euch, auch im Blick auf eure Gottesdienste mal neue, vielfältige Wege auszuprobieren!

Mehr von Fynn erfahrt ihr unter www.instagram.com/fynnstakram und  www.cofy.de

  • Autor / Autorin: Stefanie Weinmann
  • Autor / Autorin: Fynn Campbell
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