„Wir haben den Auftrag, 100% Christ zu sein“ – Interview mit einem jungen Kommunalpolitiker„Wir haben den Auftrag, 100% Christ zu sein“ – Interview mit einem jungen Kommunalpolitiker

"Wir haben den Auftrag, 100% Christ zu sein" - Interview mit einem jungen Kommunalpolitiker

Theologischer Artikel

Verband: EJW - evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Materialart: Theologischer Artikel
Zielgruppen: Junge Erwachsene, Mitarbeitende
Einsatzgebiete: Predigtvorbereitung, Schule + Jugendarbeit, Schulung
Redaktion: jugonet
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Stell‘ dich doch erst mal kurz vor: Wer bist du und was machst du?

Ich bin Benjamin Auch, 35 Jahre alt, Vorstand im CVJM Bonlanden und Vorsitzender der SPD Filderstadt. Beruflich bin ich als chemisch-technischer Assistent tätig.

Wie bist du „zur Politik“ gekommen?

Über Interesse an Geschichte und dann auch über mein Verständnis, als Christ in der Welt verantwortlich zu leben.

Inwiefern passen Glaube und Politik für dich zusammen?

Als Gestaltung der Gesellschaft, wie Jesus es uns gezeigt hat, für die, die benachteiligt werden, die Hilfe benötigen, die „nicht dazugehören“ zur bestimmenden Mehrheit. Als Unterstützung für alle, die unter den herrschenden Verhältnissen leiden.

Manche sagen: „Was bringt der politische Einsatz, wenn die Welt eh den Bach runtergeht?“ Was entgegnest du?
  1. Normalerweise beantworte ich so „Scheißfragen“ im echten Leben nicht, aber das hier ist ja ein Interview. Es ist irgendwie, als würde man fragen: „Warum duschen, man wird ja eh wieder dreckig?“ Wenn ich ehrlich bin, beantworte ich solche Fragen auch nicht gerne, weil ich dazu wahrscheinlich relativ lange bräuchte, um sie so zu beantworten, dass ich zufrieden damit bin. Ich versuche es in aller Kürze:
    Ich verstehe, die Lehren und Anweisungen Jesu nicht als theoretisches Gebilde oder als reine Gedankenspiele für Gläubige, sondern als klare Handlungsanweisung, so wie Jesus zu leben – so wie er Kranke geheilt und sich um sündige Menschen gekümmert hat. Wir sind das Licht, von dem Jesus sagt, dass es vor den Menschen leuchten soll. Das muss natürlich nicht im parteipolitischen Zusammenhang entstehen, aber ein gesellschaftliches Engagement lässt sich daraus auf jeden Fall ableiten.
  2. Es gibt es auch in den Briefen des Neuen Testaments viele Erklärungen dazu, warum Christen sich nicht auf sich selbst und ihre Komfort-Zone konzentrieren oder nur nach innen wirken sollen. Als Beispiel hier mal nur einer:

Einer von euch könnte nun zu ihnen sagen: »Friede sei mit euch, ihr sollt es warm haben und satt sein!« Was nützt das, wenn ihr ihnen nicht gleichzeitig gebt, was sie zum Leben brauchen? So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er allein bleibt und nicht in die Tat umgesetzt wird, ist er tot. … Ohne den Geist ist der Körper tot. Genauso ist auch der Glaube tot, wenn er nicht in die Tat umgesetzt wird.“ (Jakobus 2,16-17.26)

  1. Die Diskrepanz zwischen der gefallenen Welt und Gott ist der Zwiespalt, in dem wir Christ*innen leben müssen. Eine für mich wichtige Theologie zu verantwortlichem gesellschaftlichem Handeln hat der Antifaschist Dietrich Bonhoeffer entwickelt, der später von den Nazis ermordet: „Etsi deus non daretur“- „Als ob es Gott nicht gäbe“. Oder, wie er anders gesagt hat: „Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen.“ In einem Brief Bonhoeffers vom 03.08.1944 heißt es: „Unser Verhältnis zu Gott ist kein »religiöses« zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im »Dasein-für-andere«, in der Teilnahme am Sein Jesu. Nicht die unendlichen, unerreichbaren Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt! […] »der Mensch für andere«, darum der Gekreuzigte.“
  2. Im Kontrast dazu gibt es auch eine säkulare Idee von Albert Camus, die mich inspiriert. Denn ich weiß zwar, dass es nicht möglich sein wird, ein Paradies auf Erden zu schaffen, aber das hält mich nicht davon ab, es zu versuchen. Auch weil ich weiß, dass jede noch so kleine Verbesserung notwendig ist. Für Camus besteht das Absurde im Erkennen der Tatsache, dass das menschliche Streben nach Sinn in einer sinnleeren Welt notwendigerweise vergeblich, aber nicht ohne Hoffnung bleiben muss. Das ist für uns als Christ*innen natürlich etwas anders, aber eben nicht im Verhältnis zu Welt. Um als Agnostiker bzw. Atheist nicht zu verzweifeln oder in Passivität zu verfallen, propagiert Camus im Sinne des Existentialismus und in Anlehnung an Friedrich Nietzsche den aktiven auf sich allein gestellten Menschen, der unabhängig von einem Gott und dessen Gnade selbstbestimmt ein Bewusstsein neuer Möglichkeiten der Schicksalsüberwindung, der Auflehnung, des Widerspruchs und der inneren Revolte entwickelt. Auch da können wir als Christ*innen einen anderen Blick haben, aber eben nicht im Verhältnis zur gefallenen Welt. Auch da müssen wir uns, glaube ich, den Humor des Absurden bewahren und die Sicht auf Sisyphus teilen, den wir uns laut Camus „als glücklichen Menschen vorstellen müssen“ – gerade dann, wenn wir als Christ*innen eben noch das Versprechen auf das Leben nach dem Tod bei Gott haben.
Welchen Impuls bringt die Barmherzigkeit Gottes für dein eigenes Leben?

Da wir als Menschen nichts vollbringen können, das uns Gott näher bringt, weil alles von Gott kommt und alles durch ihn ist muss Gott zu uns kommen. Das hat er aus Barmherzigkeit getan und Jesus hat diesen Plan erfüllt. Es ist also der Impuls der mich überhaupt „aktiviert“.

Kann und darf man die Jahreslosung überhaupt politisch Verstehen?

Ja, alles ist politisch, auch wenn das nicht im Trend liegt, dies zu sagen. Alles hat Auswirkungen auf mich, auf meine Umgebung, auf die Umwelt. Politik bedeutet ja nicht immer Parlament! Politisch ist alles, weil wir durch unser Handeln und unsere Beteiligung in der Gesellschaft diese prägen und ändern können. Es hat z.B. Auswirkungen, was ich wie konsumiere. Als Christ*innen haben wir den klaren Auftrag, „zu 100% Christ*innen zu sein“, also unser gesamtes Handeln unter Gottes Auftrag zu stellen. Das hat natürlich Auswirkungen auf uns und unsere Umgebung.
Was Christ*innen tun, ist ja etwas anderes, als wenn Kirchen politischen Einfluss auf Parteien oder Parlamente nehmen.

Gibt es gelungene Beispiele politischer Barmherzigkeit?

Schwierige Frage. Barmherzigkeit wird in der Welt (der Politik) eher als Schwäche ausgelegt. Einzelne Beispiele sind schwierig, weil oft andere Motivationen als die eigentliche Barmherzigkeit dahinter stehen. Ich denke, das, was einer Barmherzigkeit um der Barmherzigkeit willen am nächsten kommt, sind die Menschenrechte und das Recht auf Asyl. Aber wir sehen ja, welchen Wert diese Ideen zu Zeit haben. Vor allem bei Menschen, die vorgeben, für christliche Inhalte oder christliche Traditionen zu stehen.

Sind Christen unbarmherzig, die solche Barmherzigkeit nur bis zur eigene Haus- oder Gemeindetür leben?

Ja. Es ist vor allem ignorant und widerspricht meiner Meinung nach dem Beispiel Jesu. Seinem ganzen Wirken, Leben und überhaupt seiner Existenz. Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob das bewusste Entschlüsse sind oder ob man nicht aus Gemütlichkeit, den Blick nicht ins Unangenehme richten möchte.

Wie verstehst du als Politiker die Jahreslosung?

Genauso wie als „Nicht-Politiker“. Als Christ ist mein Anspruch, überall Christ zu sein. Es gibt also kein „Politiker-Ich“ und ein „Sonntags-Ich“, zumindest versuche ich das.

Und was bedeutet sie in politischer Perspektive?

Das Messen an Gottes Barmherzigkeit ist natürlich ein sehr hoher Anspruch. Aber durch die Erkenntnis, dass mir diese Barmherzigkeit ja zuteil wird, macht es mich demütig und motiviert mich, auch barmherzig zu sein. Oft dann eben im Widerspruch politischer oder menschlicher Logik.
Ansonsten braucht es Barmherzigkeit und damit Vergebung auch in der großen Politik immer aufs Neue, weil Menschen nun mal Fehler machen. Ein Versteifen auf (falsche) Wiedergutmachung oder Stolz und Ego, das der Vergebung im Weg steht, gilt es zu verhindern.

Den größten Einfluss sollte die Jahreslosung für uns Christ*innen haben in Bezug auf die Menschen, die leiden und Hilfe brauchen. Die auf (Urlaubs-)Inseln zu Zehntausenden in Lagern leben müssen, die für 3000 ausgelegt sind – oder die Produzenten unserer Billigkleidung oder des Billigfleisches sind. Das alles sind die, um die sich Jesus heute kümmern würde, wenn er noch auf der Welt herumlaufen würde. Wir sind dazu angehalten, es an seiner Stelle zu tun. Dazu müssen wir höchstwahrscheinlich nicht mal ans Kreuz, sondern einfach unseren Lebensstil und unser Verhalten reflektieren. Das ist mühsam, aber genau das bedeutet für mich Barmherzigkeit.

Danke für deine spannenden Antworten!

Das Gespräch führte jugonet-Redakteurin Stefanie Weinmann.

  • Autor / Autorin: Benjamin Auch
  • Autor / Autorin: Stefanie Weinmann
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