Stabilisierung – Ukrainische Lieder singen

Die Therapie des Traumas fängt nicht mit einem Gespräch über das Trauma an. Sie fängt mit Versuchen an, traumatisierte Personen zu stabilisieren. Das ist auch logisch: Bevor man sich mit schweren Gefühlen und Gedanken auseinandersetzt, muss man zuerst viel Kraft tanken, Energie sammeln, Stress abbauen und zu eigenen Ressourcen wiederfinden, um Arbeit an den traumatischen Erlebnissen zu verkraften.

Das Erste, was ukrainische Geflüchtete jetzt brauchen, ist keine direkte Traumatherapie, sondern Stabilisierung.

Aber an diesem Punkt begegnete mir eine große Herausforderung. Viele Ukrainer interessieren sich für ihre Stabilisierung nicht oder schaffen es auch nicht, danach zu suchen.

Was könnten die Gründe dafür sein?

  1. Die Kultur des bewussten Stressabbau und der Emotionsregulation ist für viele Ukrainer fremd. Viele denken auch, dass Atem- oder Achtsamkeitsübungen nur psychisch kranke Menschen brauchen.
  2. Man erlebt den Stress in der Ukraine nicht. Man lebt in einem Dauerstress, so dass man mit der Zeit ihn nicht mehr wahrnimmt. Nimmt man den Stress nicht wahr, sieht man keinen Bedarf, ihn abzubauen.
  3. Die Lektion, die viele Ukrainer gelernt haben, lautet: „Das Leben ist hart. Du musst stark sein.“ Starke Menschen bauen Stress nicht ab. Starke Menschen halten ihn aus und überwinden Schwierigkeiten.
  4. Man arbeitet in der Ukraine viel. Wenn du spät am Abend nach Hause kommst, bist du so müde, dass etwas in ein Dankbarkeitstagebuch zu schreiben oder Yoga vor dem Einschlafen zu machen, das Letzte ist, was du tun möchtest.
  5. Der emotionale Zustand von einigen Geflüchteten ist so, dass sie keine Lust/ Kraft empfinden, etwas fürs eigene Wohlbefinden zu tun.
  6. Dazu kommen noch Schuldgefühle. „Es darf mir nicht gut gehen, wenn es meinen Heimatmenschen in der Ukraine schlecht geht.“

Daraus entsteht die Frage: Wie können wir solchen ukrainischen Geflüchteten helfen, sich selbst zu helfen, emotional stabiler zu werden, ohne dass sie merken, dass sie sich helfen?

Eine Idee dazu: Gemeinschaftsräume mit unterschwelligen Elementen von Stressregulation zu schaffen, wo diejenigen Ukrainer, die nicht gewohnt sind, sich um den eigenen emotionalen
Zustand zu kümmern, selbst die positive Wirkung von einigen Entspannungstechniken erleben können.

EIn paar Vorschläge dazu:

❖ „Ukrainische Lieder singen“

❖ Spiel „23 komische Aufgaben in der Natur“ (siehe Anhang)

❖ Solidaritätschor
❖ Deutsche und Ukrainer singen zusammen unter dem Motto: „Wie wollen Frieden in der Ukraine!“

❖ Sportpatenschaft für einen Monat
❖ Man organisiert so was wie Sponsorenlauf
❖ Man darf eine Sportart für sich aussuchen: Sponsorenlauf, Sponsorenyoga, Sponsoren-„nordic walking“.
❖ Am Anfang – Aufwärmung und Atemübungen (5-10 Min)
❖ Teilnehmer müssen Sport zwei Mal pro Woche machen
❖ Das gewonnene Geld könnte für die Ukraine gespendet werden.

❖ Angebot für ukrainische Kinder: „Wie wir im Sturm zur Ruhe finden“ oder so
❖ Eltern helfen Kinder zu lernen, mit Ängsten und Panik umzugehen. Dabei lernen Erwachsene auch selbst, wie man sich in der akuten Stressphase beruhigt und wieder zur Mitte findet.

❖ Gemeinschaftsspiele (z.B. Volleyball)
❖ Am Anfang Aufwärmung und Atemübungen (5-10 Min)
❖ Im Anschluss Kaffee trinken

Ukrainische Lieder singen:

Zwei besonders beliebte Methoden der ukrainischen Selbsttherapie aller Zeiten sind Humor und Volkslieder. Dadurch haben Menschen sowohl Verluste, Trauer, und Traumata als auch Erfahrungen sozialer Ungerechtigkeit verarbeitet. Ukrainer haben sich beieinander zu Hause oder bei Volksversammlungen getroffen und Lieder über ihr Leben gesungen.

Das Singen wird in der Therapie als Gesundheitserreger gesehen. Einige erahnen nicht, was in ihnen vorgeht. Andere finden keine Worte dafür, was sie fühlen. Durch Lieder finden Menschen Zugang zu eigenen verdrängten Gefühlen und sich selbst.

Das therapeutische Singen hat unterschiedliche Ziele:

  • emotionale Stabilisierung
  • Stärkung und Wiedererweckung des Identitätsgefühls
  • Förderung emotionaler Ausdrucksqualitäten
  • Anregung von Ressourcen und Lebensfreude
  • Aktivierung
  • Schmerzreduktion
  • Erweiterung der Wahrnehmung für sich und andere.

Wie könnte man ukrainische Geflüchtete dazu motivieren? Ein paar Vorschläge

  • „Das heutige Territorium der Ukraine gehörte im Laufe der Geschichte zumindestens 14 verschiedenen Staaten, darunter das Königreich Polen-Litauen, das Russische Reich, die Habsburgermonarchie und die Sowjetunion.“ Das ukrainische Volk hat fast die ganze Zeit in Kämpfen verbracht, entweder mit den Eroberern oder mit Armut
    und Schicksalsschlägen.
  • Wie sind Ukrainer mit diesen Schwierigkeiten umgegangen? Sie haben sich getroffen und gesungen. Nichts konnte den ukrainischen Willen brechen. Ihre Lieder haben sie auch in Gefängnissen hören lassen.
  • Viele Schwierigkeiten haben Ukrainer auch durch Humor bekämpft. Die berühmte Lesja Ukrajinka hat geschrieben: „Ich habe gelacht, um nicht zu weinen.“
  • Franz von Assisi meinte: »Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen.«

Umgang mit Zeit und Terminen

  • Eine der DE-Tendenzen: Terminkalender; Bescheid sagen, selbst wenn man für 2-5 Min zu spät kommt
  • Eine der UA-Tendenzen:
    • Es gibt in der ukrainischen Sprache kein Äquivalent für das deutsche Wort „Termin“. Die Bedeutung des Wortes „Termin“ muss man den Ukrainern erklären.
    • Viele Ukrainer sind flexibel und spontan. Das Leben in der Ukraine ist so, dass sich die ganze Zeit etwas verändert. Oft entscheiden Menschen heute Abend, was sie morgen oder am Wochenende machen werden.
    • Man sagt einander nicht immer Bescheid, wenn man sich verspätet. Das kann jedem passieren. Ukrainer warten aufeinander.

Pünktlichkeit

  • Eine der DE-Tendenzen: Pünktlichkeit
  • Eine der UA-Tendenzen:
    • Viele Ukrainer sind pünktlich.
    • Gleichzeitig sind mehrere auch locker im Blick auf Termine.
    • Verspätung zwischen 5 und 15 Min ist für viele ok/ gewöhnlich. Man kommt langsam an. Während man aufeinander wartet, redet man und tauscht sich gerne aus.

Tipp: Wenn meine deutsche Freunde sich mit mir treffen, rechnen sie damit, dass ich manchmal bis zu 15 Minuten später kommen könnte. Die Erfahrensten von ihnen nehmen sich ein Buch oder auch Laptop mit, um vor unserem Treffen noch ein Stück zu arbeiten. ☺
Tipp: Möchte ich um 15 Uhr mit einer Gruppe der Ukrainer ausgehen? Dann sage ich: „Wir treffen uns um 14:40“. Selbst komme ich um 14:50. Wir warten auf alle bis 15:05. Um 15:06 machen wir uns als Gruppe auf den Weg

Ein Gedanke: Vielleicht ist das, was Deutsche als „Zeit für Begegnung und Austausch“ bezeichnen, das Gleiche, was Ukrainer als „Wir warten auf einander“ nennen?
Vielleicht steht dieser Punkt bei einem deutschen Programm am Ende und bei einem ukrainischen Ablauf – sowohl am Anfang, als auch am Ende.


Wie wäre es dann, wenn pünktliche deutsche Mitarbeiter die Zeit am Anfang, während die Ukrainer und Ukrainerinnen langsam zusammenkommen, nicht als eine vergeudete Zeit sehen würden, sondern als Chance, den Teil „Begegnung und Austausch“ am Anfang des Treffens durchzuführen, ohne diesen Punkt offiziell als solches zu benennen? Könnte man dadurch einige Spannungen lösen?

Wie du dich mit Ukrainern treffen möchtest

  • Statt private Termine zu planen, sagen viele Ukrainer einfach: „Kommen Sie doch einmal bei uns vorbei!“.
  • Obwohl oft kein bestimmter Tag und auch keine bestimmte Uhrzeit für den Besuch genannt wird, ist das eine offizielle Einladung.
  • „Spontane Besucher werden [bei Ukrainern] ebenso herzlich willkommen geheißen. Falls der Gastgeber etwas anderes vorhat, wird er sich den veränderten Umständen anpassen und die spontanen Gäste empfangen. Dieses typische Verhaltensmuster resultiert aus der alten ukrainischen Tradition den Reisenden zu essen und zu trinken zu geben und eine Unterkunft anzubieten.“

Wie kann man einen Termin mit jemandem ausmachen, der keine Termine plant?

Viele Deutsche würden es nicht wagen, jemanden ohne eine genauer Absprache zu besuchen. Wie kann man einen Termin mit jemandem ausmachen, der keine Termine plant?
Idee:
1) Erste Einschätzung. Frage deine ukrainische Bekannten, wann es für sie am liebsten wäre, sich mit dir zu treffen. Am ehestens bekommst du so eine Antwort wie „nachmittags“ oder „am Abend“.
2) Zweite Einschätzung. Frage: „Wann genau am Abend wäre es besser dich zu besuchen?“ Wahrscheinlich bekommst du so eine Antwort wie „Nach 14 Uhr“ oder „Zwischen 16 und 20 Uhr“.
3) Termin im eigenem Kalender trotzdem vermerken.

  • Sage Ukrainern Bescheid, dass du gerne mal am Abend vorbei kommst.
  • Plane nur für dich, wann genau du das tun möchtest.
  • Schreibe gerne mit Genuss und Erleichterung in deinen Kalender auf: 27. Mai – Spaziergang mit Ukrainern – Von 18:30 bis 19:50. ☺

Du lädst Ukrainer zu dir oder zu einem Café ein

Haben Ukrainer Gäste, schlagen sie ihnen vor, Tee oder Kaffee, schön verpackte Pralinen, Kekse mit Schokolade oder andere Delikatessen zu probieren.

Es gibt in der ukrainischen Sprache kein Äquivalent für das deutsche „Ich-lade-dich-ein“.
Tipp: Einige Ukrainer können auf deine Einladung verzichten, weil sie denken, jeder muss für sich zahlen. Erkläre ihnen bitte deine Einladung auch mit anderen Worten, so wie: „Ich würde gerne … für dich zahlen. Das heißt in Deutschland: du bist eingeladen.“ oder „Das wird für dich kostenlos“ oder „Ich schenke es dir.“

Abendessen

Richtiges Abendessen in der Ukraine sieht eher wie Mittagsessen in Deutschland aus.

Tipp: Lädst du eine ukrainische Familie zum Abendbrot ein, erwarten sie auf deinem Tisch etwas Herzhaftes zu sehen (so was, wie z.B. Lasagne oder Kartoffel mit Fleisch). Sage bitte Menschen Bescheid, dass sie bei dir belegte Brötchen mit Wurst und Käse essen werden. ☺

Du besuchst Ukrainer

Tipp: Ein höflicher Gast bringt eine Kleinigkeit mit (Schokolade, Waffeln oder leckere Kekse). In der Regel
wird das sofort ausgepackt und für alle auf den Tisch gelegt.
Tipp: Haben Ukrainer was mit sich gebracht (Kekse, Wein oder so), sind sie gewohnt die Reste oder die
halbvolle Flasche bei Gastgeber*in zu lassen und sie mit nach Hause nicht zu nehmen.
Tipp: Möchtest du dein Essen mitbringen, bespreche das bitte mit dem Gastgeber oder Gastgeberin.
Würdest du so was ohne Absprache machen, könnten einige Ukrainer daraus verstehen: „Liebe Ukrainer! Esst
euer Essen selbst. Es schmeckt mir nicht.“
Tipp: Möchtest du dein Essen trotzdem mitbringen, bringe dann Essen für alle mit.

Wenn Ukrainer sich mit dir treffen möchten

  • Sind Ukrainer in der Nähe von deinem Büro oder deinem Zuhause, würden einige von ihnen auf Idee kommen, dich spontan zu besuchen und dir „Hallo!“ zu sagen.
  • So ein Besuch bedeutet: „Hey, wir mögen dich! Und wir sind gekommen, um dich zu lieben!“ Es kann sein, dass Ukrainer eine Kleinigkeit für dich mitbringen, um deinen Tag zu
    versüßen und dich ein bisschen bei deiner Arbeit zu stärken. ☺
  • Ukrainer könnten erwarten, dass du dich über sie freust, sie rein lässt und ihnen ein (heißes) Getränk anbietest.

Achtung! Es geht hier nicht um spontane Besuche, bei welchen Menschen um Hilfe bitten oder dir eine Frage stellen möchten. Es geht um beziehungsorientierte Besuche, bei welchen man mit dir aus Freundlichkeitsgründen kurz reden möchte.

Wenn Ukrainer sich mit dir treffen möchten

Idee: Falls du keine Zeit hast:
1) Biete den Besuchern erstmal an, reinzukommen.
2) Sage so herzlich, wie du es nur kannst: „Ich freue mich sehr euch zu sehen! Schön, dass ihr bei mir vorbeikamt! Ich bin momentan sehr beschäftigt, aber 5 Minuten für euch habe ich! Nehmt gerne Platz! Also wie geht‘s? …“
3) Sage nach 15 Minuten: „Schade, dass ich jetzt weiter arbeiten muss. Aber danke, dass ihr mich kurz besucht habt! Das hat mir gut getan! Wir sehen uns noch bei… Schönen Tag euch!“

Tipp: Hast du Zeit und Möglichkeit, versuche dich bitte auf diesen spontanen Besuch einzulassen. ☺

Das Fünf-Minuten-Phänomen

Einige Ukrainer sind besonders freundlich. Auch wenn du wirklich keine Zeit sogar für ein kurzes schönes Gespräch hast, könnten sie dich trotzdem herzlich einladen:

  • kurz mal rein zu kommen
  • schnell eine halbe Tasse Kaffee zu trinken
  • nur einen frisch gemachten Pfannkuchen zu kosten…
  • Sie werden dich anlächeln und zu dir sagen: „Es wird nur 5 Minuten dauern.“ Passe auf! ☺


Du musst wissen: Ukrainische fünf Minuten dauern 10-20 Min. ☺
Info: Für fünf Minuten rein zu kommen, kann auch bedeuten, bis zu einer halben Stunde im Gespräch zu bleiben. Sagt jemand zu dir: „Ich brauche noch fünf Minuten“, könnte das auch bedeuten, dass die Person in 10-20 Min kommt/ frei wird.“

Feiern

❖ So sieht ein feierlich gedeckter Tisch in der Ukraine aus.
❖ Im Zentrum steht nicht nur Gemeinschaft, sondern auch Essen.
❖ Sind Ukrainer zu einem ukrainischen Geburtstag eingeladen, essen sie davor bewusst nichts.
❖ Als Gast musst du sicher nichts außer Geschenken mitbringen

Tipp: Erwartest du, dass deine ukrainische Gäste einen Salat oder einen Kuchen mitbringen, sprich das bitte direkt an.

Tipp: Sage bitte Ukrainern Bescheid, falls dein Tisch auf Nüsse und Chips begrenzt ist. Hungrige Ukrainer – enttäuschte Ukrainer. ☺ Hungrige ukrainische Kinder – nicht schön.

Geschenke

  • Ukrainische Frauen lieben es, Blumensträuße geschenkt zu bekommen.
  • Verbreitete Art von Geschenken in der Ukraine: Geld in einer Geburtstagskarte

Tipp: Blumen müssen unbedingt in ungerader Zahl überreicht werden. Die Blumen in gerader Zahl kauft man gezielt, wenn jemand gestorben ist, um sie zum Grab zu bringen.
Tipp: Man schenkt keine gelbe Blumen. Das ist ein Zeichen für baldige zukünftige Trennung oder Verluste.

Eine Bitte an euch: Liebe deutschsprachige Menschen! Haben Geflüchtete für euch eine Torte gebacken oder gekauft, sagt bitte nicht: „Wir essen keine Süßigkeiten“. Typisch ukrainisch ist: (Geburtstags)-Geschenke immer anzunehmen. Bedankt euch bitte höflich für die Torte und verschenkt sie später geheim an mich ☺

Nachwort: Was diese Broschüre ist, und was sie nicht ist

❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, heißt nicht gleich, zwei Gegenlager zu bilden: Deutsche und Ukrainer.
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, heißt von den Kulturbesonderheiten zu sprechen (aus Respekt vor dem Entwicklungsweg der beiden Kulturen).
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, bedeutet nicht gleich, Kulturgemeinsamkeiten zu ignorieren.
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, bedeutet, die Einzigartigkeit jeder Kultur ernst zu nehmen, ihr Raum zu geben und nicht zu versuchen, sie sofort durch die eckenausgleichenden Kulturgemeinsamkeiten zu vertuschen (aus Angst, dass jemand deinen Mut, die Schönheit die Abweichungen zu sehen und sich dabei zu erlauben, davon fasziniert zu werden, als zu platt oder zu oberflächlich finden könnte).
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, bedeutet nicht, sich von dem anderen abzugrenzen.
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, bedeutet, mein Gegenüber auch in seiner Andersartigkeit sehen zu wollen. Stellt man sich darauf ein, versucht man behutsam, eine Brücke zu dem anderen zu schlagen und ihn erstmal mit eigener kulturellen Einzigartigkeit nicht zu überfordern.
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, heißt nicht gleich, nach neuen Gründen für gegenseitige Verletzungen zu suchen.
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, bedeutet, sich um Kommunikation zu kümmern und zu versuchen, die Entstehung mindestens von einigen Verletzungen, die unausweichlich auf Grund der kulturellen Missverständnisse vorkommen werden und vorkommen müssen, zu minimisieren oder ihnen vorzubeugen.
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, bedeutet nicht gleich, Menschen in Schubladen zu stecken, stereotypes Denken zu fördern oder die ganze Kultur auf eine ihrer zahlreichen Tendenzen zu reduzieren.
❖ Von den Kulturunterschieden zu sprechen, bedeutet, sich Mühe zu geben, um sich auf die Begegnung mit dem Neuen und dem wenig Greifbaren vorzubereiten, in dem Wissen, dass die Beschreibungen nur Stereotypen sind, und nicht pauschal für alle gelten.

❖ Es stimmt, dass wir in Christus frei von einigen Grenzen und Schubladen geworden sind: „[…] Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau [weder Deutsche noch Ukrainer. – Aut.]. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ (Gal. 3, 27f).
❖ Frei sein bedeutet aber nicht unvorbereitet sein. Mensch braucht erstmal Schubladen, um neue Sachen einordnen zu können. Wichtig ist dabei, wie es schon der Pädagoge Paul Mecheril betont hat, das Wissen über diese oder jene Kultur nicht zu verallgemeinern und es auch nicht als festgelegtes Norma zu achten, [4] sondern es zu prüfen und das Gute zu behalten (1. Thess 5,21).
❖ Ich finde, wir brauchen beides: frei von und frei für Kulturkategorien zu sein. Würde Kommunikation mit den Ukrainern anders aussehen, als es in diesem Heft steht, gelob sei Gott der Schöpfer, der ein Geheimnis in einen Menschen hineingelegt hat. Passiert aber etwas in der Praxis ähnlich dem oder genau so, wie es unserem Wissen über eine bestimmte Kultur entspricht, sind wir dann für eine kultursensible und respektvolle Kommunikation vorbereitet

Traumatisierte Personen erleben einige oder mehrere dieser Symptome:

  • Schlafstörungen
  • Albträume
  • dauerhafte Anspannung und einen hohen Stresszustand
  • ständige Wachsamkeit und Bereitschaft zu handeln
  • körperliche Unruhe
  • erhöhte Reizbarkeit und Streitbereitschaft
  • Konzentrationsstörung
  • Niedergeschlagenheit und depressive Stimmung

Dissoziationen

Dissoziation ist ein Zustand, in welchem unsere Wahrnehmung, unser Denken, Handeln und Fühlen voneinander getrennt sind.
Jeder Mensch könnte einen leichten dissoziativen Zustand erleben. Zum Beispiel, während man sehr konzentriert arbeitet oder ein interessantes Buch liest, könnte es einem passieren, dass man die Umgebung getrübt oder gar nicht mehr wahrnimmt. Dasselbe gilt auch für den Fall, wenn man routinemäßig handelt, ohne darüber nachzudenken. So weiß man oft nicht mehr, wo man den Schlüssel gelassen hat oder wie man bei der Arbeit gelandet ist, obwohl man eigentlich einkaufen gehen wollte.
Stärkere dissoziative Symptome können auftreten, wenn jemand eine extreme psychische Belastung erlebt oder erlebt hat: zum Beispiel bei einem Autounfall, einem gewalttätigen Übergriff, einem Kriegserlebnis. In diesen Fällen tritt Dissoziation als ein Schutz- und Überlebungsmechanismus vor die erlebten traumatischen Erfahrungen, die für die Seele unerträglich sind.

Einige Symptome von Dissoziationen

Depersonalisation und Derealisation
❖ Erlebt jemand etwas Furchtbares, kann es sein, dass er in dem Moment gar nichts fühlen kann oder wie betäubt ist. Das passiert, weil der Organismus es nicht zulässt, dass die Person enorme Schmerzen oder Hilflosigkeit fühlt, damit sie fähig bleibt für ihr Überleben zu handeln.
❖ Einige Betroffene können sich sogar danach noch so fühlen, als würden sie sich wie in einem Film beobachten. So distanzieren sie sich unbewusst von der Realität, als würde man das nicht selbst, sondern jemand anderes empfinden. ❖ „Es ist so, als würde ich einen Film über mich und mein Leben schauen.“ ❖ „Es fühlt sich so an, als wäre alles nicht real, als würde ich träumen.“


Emotionale Abstumpfung oder Betäubung
❖ Einige Betroffene könnten von den belastenden und traumatisierten Erlebnissen emotionslos/ sachlich erzählen. Für Außenstehende könnten sie so wirken, als ob das Erlebte sie kalt lässt.
❖ Andere erleben sich so, als würden ihre Handlungen nicht unter ihrer Kontrolle stehen. Sie erzählen, dass es sich so anfühlt, als würde ihr Körper ohne ihre Wünsche oder Entscheidungen handeln. ❖ „Ich bin wie in Watte gepackt.“ ❖ „Ich fühle mich so, als würde mein Körper von meinem Kopf losgelöst sein.“

Flashback-Erleben
❖ Man erlebt die traumatischen Geschehnisse aus der Vergangenheit mit allen Sinnen erneut.
❖ Flashbacks werden oft durch einen Schlüsselreiz ausgelöst (bestimmte Geräusche, Gerüche, Worte, Symbole, Bilder…).
❖ So kann zum Beispiel ein platzender Luftballon dazu führen, dass eine Person sich mit allen Sinnen so fühlt, als wäre sie wieder im Krieg, obwohl sie in der Wirklichkeit in Sicherheit ist.

Die Symptome von Dissoziation sind normalerweise auf einen kurzen Zeitraum begrenzt. Von einer dissoziativen Störung spricht man erst, wenn die Symptome sehr häufig und/oder über eine längere Zeit auftreten.

Wie erkennt man eine Dissoziation?

Sie beobachten, dass eine Person
❖ ins Leere blickt,
❖ nicht mehr auf Sie reagiert;
❖ selbst beim Ansprechen abwesend ist;
❖ orientierungslos scheint?

Helfen Sie der Person dabei, dass sie zurück in die Gegenwart findet.
Achtung mit gut gemeinten Berührungen! Sie könnten ungewollt die Person verletzen.
Wichtig ist, nichts Traumabezogenes zu fragen, z.B. „Wo warst du gerade? Was hast du gerade gesehen/ erlebt?“

Erste Hilfe-Maßnahmen bei einem dissoziativen Zustand

  1. Sprechen Sie die Person laut und deutlich mit ihrem Namen an. Machen Sie das jedes Mal, wenn Sie die Person zu etwas anleiten möchten.
  2. Bleiben Sie ruhig. Das ist ansteckend. Die Dissoziation wird vorbeigehen.
  3. Suchen Sie einen Blickkontakt zu der Person auf Augenhöhe. Wenn es dafür nötig ist, setzen/ stellen Sie sich dafür hin. Versuchen Sie die Person dazu zu bringen, den Blickkontakt zu Ihnen zu halten.
  4. Stellen Sie der Person einfache Fragen, die ihr helfen könnten, sich im Hier und Jetzt zu orientieren.
    → Wie heißt du? Wie alt bist du?
    → Welcher Tag ist heute?
    → In welchem Land sind wir? Wo sind wir genau? (z.B. Wir sind in Deutschland, bei einem Familienfest).
    → Mit wem bist du hier? Helfen Sie der Person sich umzuschauen, um zu erkennen,
  5. Helfen Sie der Person sich umzuschauen, um zu erkennen, dass sie in Sicherheit ist. „Hier und jetzt ist alles in Ordnung.“
  6. Fordern Sie die Person auf, zusammen mit Ihnen Bewegungen zu machen (stampfen, laufen, ausschütteln, einen Gegenstand mit der Person hin und her werfen, sodass es nicht einfach ist, ihn zu fangen…). Wechselt dafür den Ort. Verwickeln Sie die Person dabei in ein Gespräch. Zur Info: Bewegungslosigkeit bestärkt Dissoziation.
  7. Bieten Sie der Person etwas zu trinken an.
  8. Benutzen Sie gerne starke Reize, um die Person im Hier und Jetzt zu verankern (Igelball, scharfer Kaugummi…)
  9. Wenn nichts davon hilft, rufen Sie 112 an.

Was hilft bei einem akuten Stresszustand?

Das Erste, was eine Person braucht, ist Stabilisierung.

Symptome eines akuten Stresszustandes sind:
Panikattacken, eine Unruhe über längeren Zeitraum, Wutausbrüche, enorme, superstarke Emotionen von Enttäuschung, Angst, Ärger, Verwirrtsein u.s.w. Sie treten plötzlich auf und sind von Anfang an sehr intensiv.

Egal was, bewahren Sie bitte Ruhe.
Es ist gut, dass Sie da sind und helfen möchten.

Als Helfer können wir nicht wissen, was dieser Person in ihrem jetzigen Zustand gut tun könnte. Fragen Sie gerne die Person, wie sie sich beruhigen und was ihr bei so einem Zustand helfen kann. Die Person ist der beste Psychotherapeut und die kompetenteste Helferin für sich.
Es kann aber sein, dass die Person auch nicht weiß, was bei ihr in der akuten Phase funktioniert und was nicht. Was wir als Helfer in so einer Situation tun könnten, ist: Wir könnten einen Methodenkoffer aufmachen und der Person anbieten, einige Beruhigungstechniken auszuprobieren (eine nach der anderen).

Beruhigungstechniken testen

  1. Bleiben Sie bitte ruhig und empathisch. Das steckt an.
  2. Fragen Sie bei der Person, was ihr helfen könnte oder was sie normalerweise bei so einem Zustand macht, um sich zu stabilisieren.
  3. Laden Sie gerne die Person ein, eine bestimmte Technik auszuprobieren.
  4. Fragen Sie bitte nach, wie die Person sich dabei fühlt und ob diese Übung ihr hilft runterzukommen. Beruhigungstechniken testen
    • Beobachten Sie und die Person selbst, dass diese oder jene Übung zu ihr nicht passt oder es sogar noch schlimmer macht, bewahren Sie bitte Ruhe und schlagen Sie der Person vor, eine andere Beruhigungstechnik auszuprobieren. Oder:
    • Habt ihr etwas gefunden, was der Person hilft, sich zu stabilisieren? Bleibt bei dieser Strategie.
  1. Kontaktaufnahme und Reorientierung
  2. Raus aus der Situation –> Wie?: Gehirn re-starten
  3. Ablenken und abkühlen –> Wie?: Im Hier und Jetzt ankern
  4. emotionale Stabilisierung –> Wie?: Helfen Sie der Person dabei, angenehme Emotionen zu spüren (mit allen Sinnen), positive Umorientierung
  5. Verabschiedung –> Was muss geklärt werden?:
    • Ist es ok, wenn die Person alleine bleibt oder muss man z.B. ihre Verwandten anrufen?
    • Haben Sie ein Gefühl, dass die Person ärztliche Hilfe braucht? (Therapie, Klinik…) Sprechen Sie dieses Thema empathisch an.
    • Vertrauen Sie im Gebet die Person Gott an, wenn es passend erscheint und die Person damit einverstanden ist.

Schritt 1: Kontaktaufnahme und Reorientierung:

  • Die Person mit ihren Namen ansprechen.
  • Blickkontakt suchen (sich dafür auf Augenhöhe des Gegenübers begeben).
  • Eigene Handlungen kommentieren (z.B. „Ich stehe auf und setze mich neben dich…“

Schritt 2: Raus aus der Situation// Wie? → ‚Gehirn re-starten‘:

  • Übung: Augenbewegungen in verschiedene Richtungen machen: je eine Sekunde nach rechts, nach links, nach oben, nach unten, nach oben rechts, nach unten links
    u.s.w. …
  • Zusammen zurückrechnen: 21, 19, 17, 15, 13…

Erklärung dazu: Unser Gehirn kann nicht gleichzeitig in zwei Zuständen sein, z.B. mathematische Aufgaben lösen und in Panik sein.

Achtung!
NICHT drängen, Gefühle zu benennen oder etwas zu erzählen, wovon die Person nicht reden möchte.

Bei akutem Stresszustand:

Schritt 3: Ablenken und abkühlen// Wie? Im Hier und Jetzt ankern:

Starke Reize für die Sinne benutzen: Schmecken: Zitrone, Wasabi-Paste, ein Stück von einer Chili-Schote.
Fühlen: Hände unter dem kalten Wasser halten, Eiswürfel unter die Zunge / T-Shirt legen, Massageroller über Körper bewegen, barfuß über Gras, Sand, Kies, Erde gehen.
Körper-Bewegung: Die Person ermutigen, zusammen zu stampfen, zu klatschen … (Mache mir nach!)

Techniken bei mittlerem Stresszustand

Schritt 3: Ablenken und abkühlen// Wie? Im Hier und Jetzt ankern:

Sie bringen die Person zurück in den gegenwärtigen Moment und aus der Angstspirale heraus.

  • Kognition: Puzzle machen; grüne / rote / gelbe Gegenstände zählen; Bild beschreiben; Malen nach Zahlen; Sudoku.
  • Progressive Muskelentspannung
  • Yoga
  • Bewusstes Atmen
  • Außenorientierte Achtsamkeitsübungen
    → Bitte, Vorsicht mit geschlossenen Augen! Es tut nicht jedem gut!

Außenorientierte 5-5-5 Übung

  • Benenne 5 Sachen, die du vor dir siehst.
  • Benenne 5 unterschiedliche Geräusche, die du gerade hörst.
  • Benenne 5 Sachen, die du jetzt spürst (z.B. wie sich deine Kleidung an deinem Körper anschmiegt; wie der Wind deine Wangen berührt; wie sich der Speichel in deinem Mund anfühlt; wie dir dein Knie juckt; wie dein Herz klopft …).
  • Wiederhohle die Übung von vorne.

Wenn die Übung für die Person zu schwer ist, bieten Sie ihr eine light-Version an: „Gemischte 5-5-5 Übung“.
Die Person darf laut und durcheinander benennen, was sie mit ihren Sinnen wahrnimmt. Zum Beispiel: Ich sehe, einen Vogel fliegen. Ich höre, ein Auto fahren. Ich höre, den Wind wehen. Ich spüre den Wind auf meinem Gesicht. Ich rieche… Ich höre… Ich höre… Ich sehe… Ich sehe… Ich sehe… Ich spüre…

Techniken, um Energie abzubauen

Bei zu viel Energie abreagieren ->

  • Ein Kissen oder einen Boxsack boxen, rennen, Fitness machen / sich bewegen. Wichtig ist es, die eigene Kraft dabei zu spüren.
  • Ein großes / langes Handtuch nehmen, einen Knoten am Ende machen und mit diesem Knoten auf das Sofa schlagen.
  • Im Wald laut schreien. Alternative für Zuhause: ins Handtuch schreien / heulen / quietschen / zischen.
  • Steine sammeln → in den Hof gehen → Steine mit voller Kraft auf den Boden werfen.
  • Papier zerreißen / zerknüllen und mit voller Kraft Bällchen an die Wand werfen

Wie lang muss man das tun?

  • Bis man keine Lust mehr hat;
  • bis man merkt, dass man ruhiger geworden ist;
  • bis sich die starken, intensiven Emotionen verkleinert oder verändert haben, z.B. Panik wird zu Unruhe, Wut wird zu Ärger/ Enttäuschung/ Traurigkeit.

Schritt 4: Emotionale Stabilisierung:

  • Wie? Helfen Sie der Person dabei, angenehme Emotionen zu spüren (mit allen Sinnen).
  • Positive Umorientierung


Schöne Emotionen sind: Trost, Dankbarkeit, heitere Gelassenheit, Faszination, Staunen, Ermutigung, Geborgenheit, Leichtigkeit, Selbstsicherheit, Geliebt-Sein, Verbundenheit, Überrascht-Werden, Entzücken, voll-Energie-Sein, Zufriedenheit, Zärtlichkeit, ruhige Freude, schöne Nostalgie, Genuss.

Tipp: Schon ein Ortswechsel könnte der Person helfen, Abstand zu ihrem Gefühlen und Gedanken zu bekommen. Helfen Sie bitte der Person dabei, einen hübschen Sessel, eine schöne Ecke oder ein anderes gemütliches und ordentliches Zimmer zu finden. Empfehlenswert ist auch in die Natur zu gehen.

Was könnte ich machen, um angenehme Emotionen zu spüren?

  • Sich vorstellen, dass man in der Hand Gottes liegt und dass Gott einen an dem Kopf streichelt (wenn die Person dafür offen ist);
  • „an schöne Erlebnisse denken / erinnern / erzählen (oder sich als Helfer erzählen lassen) und sich diese dabei wieder mit allen Sinnen vorzustellen;
  • sich seine Stärken und Fähigkeiten bewusstmachen
    → Was kann ich gut? Wobei fühle ich mich wohl und stark?
    → Kann ich etwas davon jetzt tun? (Backen, jonglieren, singen, musizieren, malen, jemandem helfen…)“

„In die Natur / den Garten gehen, sich an einen Baum lehnen und seine Kraft und den Halt im Rücken spüren.

Baumübung: Sich mit einem Baum verbinden, sich vorstellen, dass auch aus meinen Füßen starke Wurzeln tief in die Erde wachsen.
→ Alles Schwere, Belastende über die Wurzeln/ Füße in die Erde ausatmen. → Über die freien Äste (meine ausgestreckten Arme) aus dem Himmel Luft und Leichtigkeit einatmen. → Sich dieses Gefühl in Natura gut abspeichern. Dann ist es möglich, das auch nur in der Vorstellung zu erleben.“

  • „Stofftier / Helfertier oder Gestalt / Kuscheldecke nehmen und einkuscheln damit oder in der Vorstellung sich trösten, erfreuen, Mut zusprechen lassen.
  • Den Lieblingstee machen und trinken / Duftanker als Unterstützung nutzen, um besser in positive Vorstellungen / Erinnerungen / Gefühle zu kommen.
    → Lavendel beruhigt, Zitrone erfrischt, Salbei fördert ‚klärende Kraft.‘
  • Frohe Musik hören und sich evtl. dazu bewegen / tanzen. Bewusst auf das Vogelgezwitscher in der Natur / Garten / Draußen hören.“
  • Lieblingsbuch hören oder sich vorlesen lassen (Audiobuch), aus der Bibel lesen

„Unser Unterbewusstsein unterscheidet nicht zwischen einer bildhaften Vorstellung und Realität. Also das ‚innere Bild‘, das in uns entsteht (ein Bild von Befürchtung, einer schönen Erinnerung oder einer Wunschvorstellung), bewirkt entsprechende Gedanken, Emotionen und Reaktionen im Körper.“

  1. Verabschiedung
    • Besprechen Sie bitte, ob es für die Person hilfreich wäre, dass sie nicht alleine bleibt. Vielleicht müssen Sie der Person helfen, jemanden anzurufen (Eltern, Verwandte, Freunde…).
    • Versuchen Sie einzuschätzen, ob die Person eine fachliche Hilfe braucht (Psychotherapie, stationäre Behandlung in einer Klinik…). Sprechen Sie bitte dieses Thema respektvoll und sensibel an.
    • Wenn es passt und die Person dafür offen ist, fragen Sie sie, ob sie möchte, dass Sie ein Gebet für sie sprechen. Dadurch könnte der Person auch bewusst werden, dass sie nicht alleine bleibt, auch wenn Sie weggehen. Der Herr ist bei ihr.

Anmerkungen

Je stärker ein Stresszustand ist, desto stärkere Reize müssen fürs Abkühlen verwendet werden (Schritt 3).
Zum Beispiel: Ein Puzzle zu machen, könnte jemandem helfen, sich abzulenken, wenn er eine starke Unruhe hat. Hat aber jemand eine Panikattacke, müssen in diesem Zustand stärkere Reize eingesetzt werden (z.B. Igelball oder Eiswürfel unter die Zunge). Wenn der Stresslevel gesunken ist, könnte man der Person wieder anbieten, ein Puzzle zu machen.

Menschen, die wenig Erfahrung mit Angststörungen oder akuten Stresszuständen haben, verstehen oft nicht, was mit ihnen passiert. Deswegen brauchen sie eine Begleitung von außen

Wenn Sie der Person anbieten, körperliche Übungen zu machen (stampfen, klatschen, atmen…), ist es wichtig, sie nicht nur anzuleiten, sondern diese Übungen gemeinsam mit der Person zu machen.

Bei einem akuten Stresszustand: Achten Sie bitte darauf, dass Ihre Stimme angenehm langsam, ruhig, beruhigend und selbstsicher klingt.

Bei einem dissoziativen Zustand: Sprechen Sie die Person mehrmals mit ihrem Namen auf Augenhöhe an.

Die oben beschriebenen Stabilisierungstechniken haben sich in meinem Leben und bei meiner Arbeit bewährt. Ich würde mich freuen, falls etwas davon Ihnen oder Menschen, die Sie begleiten, gut tun könnte. ☺

Emotions- und Stimmungsregulation bei einem dauerhaften Stresszustand

Auch wenn sie den Kriegssituation verlassen haben und sich und ihre Kinder in die Sicherheit gebracht haben, fühlen mehrere von ihnen sich immer noch belastet und hoch angespannt.

Lebt jemand in einem dauerhaften Stresszustand und spürt große Unruhe über längeren Zeitraum? Dann könnte ihm helfen, den gesamten körperlichen und psychischen Zustand zu verbessern, wenn er einige der Beruhigungstechniken (siehe Schritte 1 bis 4) bewusst in seinen Alltag integrieren und nach ihnen übungsmäßig über längeren Zeitraum greifen würde.

Niederschwellige Angebote zur Emotions- und Stimmungsregulation

Sportpatenschaft für einen Monat
❖ Man organisiert so was wie einen Sponsorenlauf
❖ Man darf eine Sportart für sich aussuchen: Sponsorenlauf, Sponsorenyoga, Sponsoren nordic walking…
❖ Am Anfang: Aufwärmung und Atemübungen (5-10 Min)
❖ Sport zwei Mal pro Woche
❖ Das gewonnene Geld könnte für die Ukraine gespendet werden.

Gemeinschaftsspiele (z.B. Volleyball)
❖ Am Anfang Aufwärmung und Atemübungen (5-10 Min)
❖ Im Anschluss: Kaffee trinken

Solidaritätschor Deutsche und Ukrainer singen zusammen unter dem Motto: „Wie wollen Frieden in der Ukraine!“

Angebote für ukrainische Kinder:
„Wie wir im Sturm zur Ruhe finden“ oder so
❖ Eltern helfen Kindern zu lernen, mit Ängsten und Panik umzugehen. Dabei lernen Erwachsene selbst, wie man sich in der akuten Phase beruhigt und wieder zur Mitte findet.

❖ Bewusstsein-Bildung und Ermutigung (Karte auf Ukrainisch schreiben)
❖ Gemeinschaft trotz Sprachbarriere: 23 komische Aufgaben in der Natur
❖ Stabilisierung: Ukrainische Lieder singen

Sensibilisierung: Trigger beachten / vermeiden (nach L. Freier)

„Besprechen oder beobachten Sie, welche Dinge bei den Traumatisierten negative Gefühle und Reaktionen hervorrufen:

  • bestimmte Gerüche und Düfte
    • Nicht nur Rauch oder unangenehme Düfte könnten den Geflüchteten schlecht tun, sondern auch schöne Gerüche. Das sind Düfte, die vielleicht an frühere Erlebnisse erinnern und jetzt melancholische / traurige Gefühle provozieren.
  • bestimmte Musik / Lieder oder Geräusche
  • bestimmte Sprache
    • Fragen Sie Ihren Gast, ob z.B. Russisch bei ihm negativ ankommt?
  • Zu viele negative Nachrichten / Medien anschauen / anhören / besprechen
  • enge Räume
  • Berührungen / Umarmungen
    • Fragen Sie ihre Gäste, ob sie umarmt werden möchten.
  • Selber zu emotional reagieren / überreagieren – besser ruhig, geduldig zuhören, ohne zu urteilen oder zu beurteilen, auch die Gelegenheit nutzen, um auf Stärkendes überzugehen (siehe Schritt 4).
  • eigene Ängste / Frust / Wut auf Ukrainer projizieren und unbewusst versuchen, sie bei ihnen aufzulösen.
  • bestimmte Gerichte
    • Fragen Sie Ihren Gast, ob bestimmte Gerichte (z.B. russischen Küche) bei ihm negativ ankommen.“

Minenfeld: Ukrainisch und Russisch

Was versteht man unter der “Ersten Hilfe”? Frage: Was soll, was kann ich tun?

Nicht: Was soll, was kann ich tun? Sondern: Wie ist, wie tickt mein Gegenüber? Welche Hilfe braucht er, erwartet er?

Die Hermeneutik des Fremden von Theo Sundermeier – Vier Stufen des Verstehens von dem Differenten:

Voraussetzung:

  • eine nicht -wissende Haltung


Wie geht das?

  • Stufe I: Distanz sowohl zur fremden als auch zur eigenen Identität und Vorprägung bewahren
  • neugierig und respektvoll bleiben
  • wertneutrale Analyse
  • Stufe II: Das Fremde freundlich anschauen und seine beste Seiten wertschätzen


Kernsätze:

  • „Wieso tickst du so? Ich möchte dich verstehen“
  • „Es ist weder gut noch schlecht, weder richtig noch falsch. Es ist einfach so“
  • Wir können aber das Fremde in seinem Anders-Sein nicht wirklich verstehen. Deswegen sind wir auf das Wirken des Heiligen Geistes angewiesen.

Wichtige Momente bei der Kontaktaufnahme

Ein paar Worte können das Herz öffnen.
Ein paar Worte können das Herz schließen

Ein Blick in die Geschichte der Ukraine

  • 9. Jh. – Gründung von Kyjewer Rus
  • 11-12 Jh. – Zerfall der Kyjewer Rus; Ukraine unter der Herrschaft von Mongolen.
  • 14 Jh. – Ukraine unter der Herrschaft von Polen und Litauen.
  • 17 Jh. (1648) – Volksaufstand, bald aber die neue Abhängigkeit von Russland und Polen.
  • 18 Jh. – Ukraine unter der Herrschaft von Russland und Österreich.
  • 1917 – Oktoberrevolution, Ukraine erklärt sich zuerst zu einer Volksrepublik und später zu einem unabhängigen Staat (zum ersten Mal!). Russland erobert aber bald Ukraine wieder zurück.
  • 1919 – Fast die ganze Ukraine unter der sowjetischen Herrschaft (Union von 15 Ländern unter russischer Dominanz). Der Rest blieb unter Polen, Tschechoslowakei und Rumänien.
  • 1943/45 – Ukraine unter der Besatzung vom nationalsozialistischen Deutschland.
  • 1991 – Zusammenbruch der Sowjetunion; Unabhängigkeit der Ukraine.
  • 2004 – Majdan, die orange Revolution (die Volksstimme gegen den prorussischen Kandidat Viktor Janukowitsch).
  • 2010 – kremltreuer Präsident Viktor Janukowitsch führt Ukraine in die von Russland ins Leben gerufene Zollunion.
  • 2013/2014 – Volksaufstand (Euromajdan): Mehr als eine Million Menschen gehen auf die Straßen. Bedeutung des Geschehens: ein weiterer Schritt der Ukraine in die Richtung EU und NATO.
  • 2014 – Russland erobert die Krim.
  • 2014 – Krieg im Osten. Die Separatisten wurden von Russland mit Waffen unterstützt.
  • 2022 – Brutaler Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Ukrainer widerstehen dem Aggressor über drei Monate.

Ukrainisch & Russisch

1867 – 1905: Fast 40 Jahre der Unterdrückung und des Verbotes der ukrainischen Sprache in der Ukraine.

  • Das Emsker Dekret und das Valuyevsky Dekret zielten darauf ab, die Versuche der national – kulturellen Wiedergeburt der Ukraine zu unterdrücken, die ukrainische Bevölkerung zu russifizieren
  • Ukrainisch wurde nicht als Ukrainisch, sondern als ‚Kleinrussisch‘ bezeichnet.
  • Damalige russische Regierung: ‚Ukrainisch ist eigentlich dasselbe Russisch, das durch den Einfluss der polnischen Sprache verdorben wurde. Also es muss als Dialekt der russischen Sprache gelten.‘

1867 – 1905: Fast 40 Jahre der Unterdrückung und des Verbotes der ukrainischen Sprache in der Ukraine.

Es war in der Ukraine verboten:
• die Bibel auf Ukrainisch zu übersetzen
• wissenschaftliche Publikationen, Lesungen, Ausstellungen und Konzerte durchzuführen
• Theaterstücke auf Ukrainisch zu gestalten (20 Jahre)
• Bücher auf Ukrainisch zu drucken
• Ukrainisch bei den Grundschülern zu unterrichten
• Der Grund dafür war: Anerkennung der Selbständigkeit der ukrainischen Sprache könnte zum Wunsch des Volkes führen, die Ukraine unabhängig von Russland zu erklären

1905 – Ukrainische Sprache wurde als selbständige und unabhängige slawische Sprache anerkannt.

Der Erste Weltkrieg:

  • Abschaffung der ukrainischen Zeitungen, Publikationen, Bücher und Theater.
  • Ukrainisch ist verboten.

Die Zeit der Sowjetunion (1922 – 1991):

  • Russisch galt 70 Jahre als offizielle Sprache für alle 15 Länder (Republiken) der Sowjetunion.
  • Ukrainisch ist nicht verboten. Russische galt aber als Verkehrssprache für alle wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten sowie die Medien.
  • Abschaffung der ukrainischen Zeitungen und Publikationen.

„Die Epoche der hingerichteten Wiedergeburt“ (1917 – 1933):
Verfolgung und Ermordung der ukrainischen Intelligenz (Kunst-, Philosophie-, Musik-, Kino & Literaturschaffende), die die Entwicklung der ukrainischen Sprache, nationalen Identität und Unabhängigkeit gefördert haben.
30 000 Menschen wurden innerhalb 15 Jahren verfolgt und hingerichtet.
Über 150 ukrainische Schriftsteller sind in den Konzentrationslagern ‚verschwunden‘.

Wenn wir wissen, dass viele Ukrainer mehrere Jahre um ihre Existenz und Orientierung kämpfen mussten, können wir ein Verständnis dafür gewinnen, dass sich einige Geflüchtete an einigen Stellen verletzt/ irritiert fühlen oder sogar aggressiv verhalten können, wenn man versucht mit ihnen Russisch zu sprechen oder meint: „Ukrainisch und Russisch ist fast das Gleiche“

Tabu:
Es ist unangemessen, die ganze Kultur auf ein Wort oder ein paar Stereotypen zu reduzieren.
Deswegen ist es unangemessen, zu jemandem „Dawaj, dawaj“ oder „Wodka“ zu sagen, nachdem man erfahren hat, dass ein Ukrainer. eine Ukrainerin vor ihm steht.

  • „Aufgrund dieser historischen Entwicklung ist das Thema Sprache für viele gebildete Ukrainer – zumindest im Westen des Landes – bis heute ein hochpolitisches Thema.“
  • Russisch und Ukrainisch haben dieselben Wurzeln, die altostslawische Sprache. So wie sich das Englische und das Deutsche vor Hunderten von Jahren voneinander abgezweigt haben, so haben sich auch das Russische und das Ukrainische voneinander abgezweigt.
  • Der Verwandtschaftsgrad dieser Sprachen ist vergleichbar mit Deutsch und Holländisch.
  • „Russisch hat die Buchstaben „Ёё“, „ъ“, „ы“ und „Ээ“, die im Ukrainischen nicht verwendet werden. Stattdessen hat Ukrainisch „Ґґ“, „Єє“, „Іі“ und „Її“.“
  • „Wie sieht es mit Wörtern aus, die in beiden Sprachen gleich geschrieben werden? Du hast es schon geahnt: Auch hier warten einige falsche Freunde auf dich: Zum Beispiel: das russische Wort приклад bedeutet „Gewehrkolben“. Auf Ukrainisch bedeutet приклад hingegen „Beispiel“.“

Tabu ist zu sagen: „Ukrainisch und Russisch ist fast das Gleiche!“

Möchtest du Ukrainer ansprechen?

  • Dann frage gerne, welche Sprache Ukrainer lieber sprechen möchten: Ukrainisch oder Russisch.
  • Benutze lieber nicht russische, sondern ukrainische Begrüßungsformel.

Ukrainische Begrüßungsformel

Authentische altukrainische Grüße aus Westen:

  • „Hallo, wie geht es dir?“ (für junge Leute)
    Здоров! Як ся маєш?
    [Sdoròw! Jak sja màjesch?]
  • Hallo, wie geht es Ihnen? (für alle)
    Здоровенькі були!
    Як ся маєте?
    [Sdorowén‘ki buly! Jak sja màjete?]


Anrede

  • Deutsch: Frau Petrenko
    Frau + Nachname
  • Ukrainisch: Pàni Oleno
    Pàni + Vorname

Natürlich verstehen ukrainische Geflüchtete, dass es nur wenige Menschen in Deutschland gibt, die Ukrainisch sprechen können. Viele sind auch dankbar, wenn jemand für sie deutsch-russische Übersetzung macht. Gleichzeitig ist es aus seelsorgerlichen Gründen wichtig, mit Ukrainern nicht so umzugehen, als wäre es selbstverständlich, dass man mit ihnen Russisch sprechen darf. Seit dem Anfang des Krieges haben einige Ukrainer, die ihr ganzes Leben lang Russisch gesprochen haben, die Entscheidung getroffen, kein Russisch mehr zu sprechen. Würde jemand mit ihnen Russisch sprechen, ohne sie zu fragen, welche Sprache sie sprechen möchten, könnten sie sich dabei nicht ernst genommen und sogar verletzt fühlen.

Ein paar Tipps für Helfer.
Fragen sie gerne, fragen Sie Ihre Gäste, ob z.B. Russisch bei ihnen negativ ankommt. Es könnte helfen, wenn russischsprachige Helfer ihre Empathie und Sensibilität in einer direkten Kommunikation zum Ausdruck bringen: „Hey, Leute, ich würde sehr gerne für euch eine ukrainische Übersetzung machen. Ich kann leider kein Ukrainisch. Ich komme aus…
(Georgien/ Belarus/ Russland…). Aber ich möchte euch gerne helfen! Und ich hoffe, dass meine Übersetzung auf Russisch euch hilft, zu verstehen, was da oder da passiert oder was in
diesem Dokument steht.“ So eine kleine Frage oder eine kurze aufrichtige und freundliche Ansage am Anfang der Begegnung könnte Spannung im Blick auf den Sprachengebrauch (wenn sie da ist) entschärfen und für eine herzliche Kommunikation zwischen Ukrainern und russisch- und deutschsprachigen Helfern sorgen.

An den ukrainischen Geflüchteten nicht vorbeireden: 13 Fragen und Impulse für Selbstreflexion und Weiterdenken

Parallele Realität

Das Leben in Deutschland fühlt sich für viele ukrainische Geflüchtete wie eine parallele Realität an.

❖ Wie könnte ich auch ukrainische Geflüchtete bei meiner Predigt ins Boot hohlen?
❖ Gibt es etwas am Ort, was Ukrainer re-traumatisieren könnte? Beispiele: Der Raum ist zu eng, Luftballons, die den Raum schön schmücken und beim Platzen bei einigen wieder Kriegserinnerungen auslösen könnten.
❖ Wie möchte ich damit umgehen?

Ukrainisch und Russisch

Obwohl Ukrainisch und Russisch eine gemeinsame Wurzel haben (alt-ost-slawische Sprache), geht es hier um zwei unterschiedliche und selbstständige Sprachen.
So wie sich das Englische und das Deutsche vor Hunderten von Jahren voneinander abgezweigt haben, so haben sich auch das Russische und das Ukrainische voneinander abgezweigt.
Der Verwandtschaftsgrad dieser Sprachen ist vergleichbar mit Deutsch und Holländisch

❖ Was bedeuten diese Gedanken im Blick auf geistliche Angebote / Verkündigung und Beziehung mit den ukrainischen Geflüchteten?
❖ Worauf möchte ich bewusst achten?

Freundlichkeit und Misstrauen

Viele ukrainische Menschen sind misstrauisch. Mehrere haben in ihrem Leben erlebt: „Käse umsonst gibt es nur in der Mausefalle.“ Einige Ukrainer fragen sich: „Wieso sind Deutsche zu uns so nett, und was möchten sie dafür?“

❖ Wie könnte ich den Ukrainern mein echtes Interesse an ihnen und ihrem Leben zeigen, sodass sie sich bei mir nicht als Missionsobjekte fühlen?

Impuls von Michael Herbst:

„Die meisten Erwachsenen in England kamen zu Jesus durch die Beziehungen mit einigen Christen. Sie erzählten „[…] von Menschen, bei denen sie sich nicht als Missionsobjekte vorkamen, die aber etwas ausstrahlten von der Freude des Glaubens. Von Menschen, die nicht aus missionstaktischen Gründen Beziehungen pflegten, die aber mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit auch von dem redeten, was ihr Leben im Innersten zusammenhält. Von Menschen, die nicht beim Pizzaessen unruhig hin- und her rutschen, ungeduldig, wann sie endlich ihr Glaubenswissen loswerden könnten, sondern Menschen, die zu reden begannen, als sich die natürliche Gelegenheit ergab, auch von Gott und von seiner Gemeinde zu sprechen.“
(Herbst, Michael. Wachsende Kirche. Wie Gemeinde den Weg zu postmodernen Menschen finden kann, Brunnen Verlag Gießen 2008, 2.Aufl 2010, 28f.)

Ein anderer (?) Glaube

Viele Ukrainer und Ukrainerinnen, die nach Deutschland kamen, sind unsere orthodoxen Geschwister im Glauben.
Gleichzeitig gibt es unter Geflüchteten auch mehrere, die kirchenfern und glaubenskritisch sind.
Nicht wenige sagen zu evangelischen Christen: „Was glaubt ihr? Euer Glaube ist anders.“

❖ Was bedeutet dieser Gedanke im Blick auf meine Verkündigung und Beziehung mit den ukrainischen Geflüchteten?
❖ Worauf möchte ich bewusst achten?

Besonderheiten der Predigten in Deutschland

Viele ukrainische orthodoxe Geschwister haben schon einen Priester predigen gesehen.
Es gibt aber auch mehrere Ukrainer, die nie in ihrem Leben eine Predigt gehört haben. Sie haben traditionell nur denjenigen Teil der Weihnachts- oder Osterliturgie besucht, während dem Körper und Geist mit Weihrauch und Weihwasser gereinigt werden konnten.

❖ Was könnte ich tun, damit auch meine orthodoxen Geschwister bei der Predigt mitkommen könnten?

Scham- und Schuldgefühle

Menschen könnten durch Scham- und Schuldgefühle ansprechbar sein. Mehrere haben Gesetz gepredigt gehört.
Einige ukrainische (genau so wie auch deutsche) Skeptiker hören einer Predigt sehr aufmerksam zu und sind von Anfang an bereit, sich zu verteidigen. Sie denken: „Religion ist das Mittel zur Knechtung der Andersdenkenden. Deshalb versucht die Kirche Menschen durch Schuldgefühle zu manipulieren.“
Man unterscheidet in der Ukraine selten zwischen „etwas Schlechtes tun“ und „schlecht sein“.

❖ Worauf möchte ich achten, wenn ich in meiner Predigt über Sünde rede?
❖ Welche Bilder finde ich hilfreich, um Sünde als Trennung zwischen Menschen und Gott zu erklären?

Impuls von Rainer Knieling:

„[…] Wir müssen heute den Begriff Umkehr neu durchdenken. Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass wir von etwas weg umkehren, dass wir uns von der Sünde abkehren. Das steht im Neuen Testament keineswegs im Vorfeld.
Jesus spricht: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“. Da geht es nicht um Umkehr von etwas. Da geht es um Umkehr hin zu etwas, zum Reich Gottes, zum Evangelium, zu Jesus als Person.
[…] Jesus beruft die Jünger: „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!“ Da steht nicht im Vordergrund, wovon sich die Jünger abwenden (Sünde oder so), sondern wem sie sich zuwenden. Jesus beruft zu sich und zu dem Dienst.
Menschen wollen beteiligt werden an etwas, das größer ist als das eigene Leben. Diese Sehnsucht wird in der Berufung zur Nachfolge angesprochen. Wenn wir den Begriff Umkehr auf diese Weise neu durchdenken, können Menschen nicht nur als Schuldige angesprochen werden, sondern auch als Menschen, die etwas können, die sich einbringen können, die begabt sind und ihre Stärken haben.“
(Knieling, Rainer: Unsicher – und doch gewiss. Christsein in der Postmoderne, Grevenbroich 1999, 58f.)

Theodize-Frage

Der Gott, zu dem wir ukrainische Geflüchtete einladen, ist der gleiche Gott, der es zulässt, dass Kinder in Mariupol‘ sterben.
Der Gott, dem wir bei unseren Gottesdiensten danken, ist der gleiche Gott, der die Gebete der Ukrainer um Frieden und Errettung nicht erhört.

• Für viele ukrainische Christen und Skeptiker ist momentan der Jesus Vorbild, der am Kreuz Gott den Vater anschreit: „Mein Gott, mein Gott, wieso hast du mich verlassen?!“ #Kreuztheologie #Theologie der Auferstehung #Sensibilisierung

Eine Bitte

Römer 12,15: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“.

❖ Liebe Geschwister im Glauben! Schön, dass sie um die Gnade Gottes und die Umkehr für das russische Volk bittet. Schön, dass ihr für Versöhnung zwischen Ukrainern und Russen
betet.
❖ Davon muss man aber traumatisierten und leidenden ukrainischen Geflüchteten nicht unbedingt erzählen.
❖#Seelsorge #Nächstenliebe

„…Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.“ (Mt 6:6)

Appellhafte Verkündigung

Ukrainische Menschen lassen sich nicht belehren.

❖ Was bedeutet diese Information im Blick auf meine Verkündigung, geistliche Angebote und Beziehung mit den ukrainischen Geflüchteten?
❖ Worauf möchte ich bewusst achten?

Freiheit

Einige Ukrainer haben Erfahrungen mit leidenschaftlichen Christen gemacht, die, wenn man ihnen nicht zuhören möchte, ihnen hinterher laufen, um das komplette Evangelium zu erzählen.
Einige Menschen in der Ukraine verwechseln „überzeugen“ mit „aufdrängen“.

❖ Was bedeutet diese Information im Blick auf meine Verkündigung, geistliche Angebote und Beziehung mit den ukrainischen Geflüchteten?
❖ Worauf möchte ich bewusst achten?
❖ Wie schaffe ich Räume für Freiheit, sowohl in der Kommunikation als auch in der Predigt?

Umkehr zu …

Wenn ein orthodox geprägter Mensch neue Erfahrungen mit dem Glauben macht, wird er nicht sagen: „Jetzt bin ich Christ geworden,“ sondern: „Ich habe jetzt Erfahrungen mit Gott gemacht, an den ich schon immer geglaubt habe.“

❖ Was bedeutet dieser Gedanke im Blick auf Verkündigung, geistliche Angebote und Beziehung mit den ukrainischen Geflüchteten?
❖ Worauf möchte ich bewusst achten?

Machtverhältnisse

Ukrainer sind auf Hilfe von den deutschsprachigen Menschen angewiesen.
Sie lassen aktuell mehr mit sich machen als zu einer friedlichen Zeit in ihrem eigenem Land.

❖ Wie könnte ich Räume schaffen, wo Geflüchtete auch nein sagen könnten, ohne Angst zu haben, unser gutes Miteinander oder auch meine Hilfe zu verlieren?
❖ Wie könnte ich Machtverhältnisse brechen?
❖ Worauf möchte ich bewusst achten, um die Notsituation der Geflüchteten (unbemerkbar für mich) nicht auszunutzen, während ich gute Sachen erreichen möchte?

Zugehörigkeit und Verbindung

Viele Ukrainer durften in letzter Zeit einen evangelisch-lutherischen Gottesdienst erleben.

❖ Was denkst du: Wie haben Ukrainer Gemeinschaft in deiner Gemeinde erlebt?
❖ Was könnten wir tun, damit ukrainische Geflüchtete sich bei uns wohl/ wohler fühlen?

Impuls von Heinzpeter Hempelmann:

„[…] Die Kirche in der Postmoderne muss nicht stark, professionell, eindrucksvoll sein. Viel lieber will sie sich ihrer Schwachheit rühmen, damit die Kraft Gottes bei ihr beheimatet (2 Kor 12, 9)… Sie ist menschlich, authentisch. Sie zeigt sich nicht als ein glatt funktionierendes Subjekt in dieser schweren Welt. Sie zeigt Risse an ihrer Persönlichkeit. Ihr Leben zeigt Brüche. Ihr Selbstbewusstsein ist angebrochen.
[…] Sie definiert sich nicht als spirituell, fromm, korrekt, gerecht. Sie meint, sie ist genau das eine: mühselig, beladen, belastet und verloren. Bei so einer Kirche können sich die anderen besser einfinden als bei der Kirche der Frommen und der Starken.“

(Hempelmann, Heinzpeter: Der menschliche Faktor. Milieusensible Kommunikation des Evangeliums als Arbeit und Mühe, in:
Hempelmann, Heinzpeter (Hg.): Handbuch Milieusensible Kommunikation des Evangeliums. Reflexionen, Dimensionen, praktische Umsetzungen, Bd. 4, Göttingen 2020, 58-73)

In dieser Mitarbeiterschulung geht es um den ersten Kontakt mit ukrainischen Geflüchteten. Wie können wir ihnen helfen und welche Aspekte sind besonders wichtig im Umgang mit ihnen? Im Anhang befinden sich einige Materialien mit Tipps und wichtigen Hinweisen wie beispielsweise eine Übersetzung wichtiger Alltagsvokabeln oder ein kleiner Einsteiger-Kurs zum Deutsch lernen. Außerdem werden kulturelle Hintergründe wie der Aberglaube in der Ukraine erklärt, die man vor dem ersten Kontakt wissen sollte.

Teil 1: Erster Eindruck:

verschiedene Situationen:

  • Toilette in dem Einkaufszentrum NaRa in Japan –> „Wieso gibt es da kein Klopapier? Wie funktioniert die Spülung bei der Toilette?
  • Restaurant „Sketch“ in London –> Wie würdest du auf das Klo gehen? Wo darf ich Hände waschen?

–> Erstens: Alles ist neu und ich bin mir unsicher/dumm!

Wie fühlt man sich?

  • Als Forscher/Forscherin: „Hm, wie interessant!“
  • Als Optimist/Optimistin: „Hey du, Alice im Wunderland, lach mal drüber!“
  • Als Verängstigter/Verängstigte: „Oh, Gott! Ich bin 34 Jahre und kriege es nicht hin, meine Hände auf der Toilette zu waschen! Ich bin dumm!“

–> Alles erklären, was für mich selbstverständlich scheint!

Zum Weiterdenken:

  • Was soll ich einer Migrantin / einem Migranten unbedingt über das Leben in Deutschland erklären?
  • Welche Materialien über das Leben in Deutschland könnte ich (ukrainischen) Geflüchteten zum Weiterlesen mitgeben?
  • Bei wem kann ich fragen, wo solche Materialien zu bekommen sind?
  • Mit wem kann ich mich zusammen tun und selbst so eine Broschüre mit den notwendigsten Informationen über das Leben in Deutschland entwickeln?
  • Der Yandex-Übersetzer übersetzt diese Broschüre auf Ukrainisch. Wer könnte Korrektur lesen?

Teil 2: Die Gefühlswelt der Geflüchteten

Situation 1:

Dein Partner /Deine Partnerin und du habt das Geld für euren Traumurlaub geliehen. Nach Absprache kommst du zuerst nach Italien. Deine Frau/ dein Mann kommt nach. Im Flughafen wurde dir dein Koffer mit allen Dokumenten, Konto-Karten und Bargeld geklaut. Polizisten meinen, du musst drei Tage warten. Sie sagen dazu auch ehrlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass du deine Sachen zurückbekommst, liegt bei 10%. Eine nette Polizistin schlägt dir vor, bei ihr unterzukommen. Sie hat oben in ihrem Haus eine freie Wohnung für dich. Du musst dafür nichts bezahlen. In drei Tagen wird es weitergehen.

Wie fühlst du dich? Kannst du den Sonnenuntergang in Italien in diesen drei Tagen bewundern? Wie sehr kannst du das genießen, was du von dem sprudelnden Leben auf dem authentischen italienischen Markt mitkriegst? Händler, Delikatessen, lachende Touristen, …

Situation 2:

Leider haben die Polizisten den Koffer von dir nicht gefunden. Du hast mit deinem Mann/ deiner Frau die Entscheidung getroffen, dass du bis zum Ende des Urlaubs bei deiner bekannten Polizistin wohnen bleibst. Dein Mann/ deine Frau bleibt in Deutschland. Es ist Abend. Du sitzt auf deinem Platz mit zwei Tickets in der Hand. Du hast sie noch vor einem halben Jahr bestellt, um zusammen mit deinem Partner / deiner Partnerin den größten tanzenden Springbrunnen der Welt zu besuchen. Wasserfontänen tanzen im Takt der Musik! „Wie schön!“ – möchtest du sagen. Du drehst dich nach links um. Der Platz neben dir ist leer.

–> Wie fühlst du dich?

Zweitens: Niedergeschlagenheit

Impuls:

Wir wissen eigentlich nicht, wie diese Ukrainerinnen wirklich sind. Wir haben sie in einer akuten Lebensphase kennengelernt, wo alles in ihrem Leben furchtbar und stressig ist.
Wer weiß, vielleicht ist diese Olena, die die ganze Zeit schweigt, eine sehr fröhliche Person. Hätten wir sie vielleicht zur Zeit des Friedens kennengelernt, hätten wir eine andere Olena kennengelernt. Was steckt dahinter? Menschen, die eigentlich in ihrem Alltag anders sind, als wir sie kennengelernt haben. Menschen, die jemanden jeden Tag vermissen. Was können wir tun?

  • Vorsichtig: Viel Schönes (Neues) könnte auch überfordern!
  • Lieber: Schöne und ruhige Angebote schaffen.
  • Idee: Postkarte für Männer nach Hause schicken –> Briefmarken (1,10 Euro) und Briefumschläge schenken. Die Geflüchteten suchen sich selbst eine Postkarte aus und kaufen sie.
  • Idee: „Was-Vermisst-Du-Abend“
  • Idee: „Gemeinsam-trauern-Abend: ein Abend zum Gedenken“
  • Idee: Ukrainische Volkslieder singen

Zum Weiterdenken:

  • Was könnte ich persönlich tun/ sagen, damit Geflüchtete sich nicht so dumm/ ein bisschen weniger gestresst fühlen, während sie das Leben in Deutschland kennenlernen?
  • Mit wem könnte ich mich darüber austauschen?
  • Wer könnte mich mit meinen Ideen unterstützen? Zu wem könnte ich gehen, um gemeinsam daran zu arbeiten?
  • Was haben wir bei der Vorbereitung unserer Angeboten zu bedenken, wenn wir Ukrainer in ihrer jetzigen Gefühlswelt ernst nehmen möchten?

Teil 3: Die Gefühlswelt der Geflüchteten:

Situation 3:

Du hast um 14 Uhr einen Arzttermin. Es ist schon 14:25. Du sitzt immer noch im Warteraum. Es ist 14:35. Du hast schon zwei Mal gefragt, wann der Arzt dich drannehmen wird. Du hörst schon das zweite Mal: „Warten Sie bitte! Der Arzt ruft Sie bald auf!“ Nach dem Arzt gehst du zur Apotheke. Du möchtest die Medikamente mit Karte zahlen. Es klappt aber nicht. Mit einer anderen Karte kannst du die Medikamente auch nicht bezahlen. Du weiß nicht, wieso die Transaktion ständig abgebrochen wird. Kleingeld hast du auch nicht bei dir. Die Apothekerin schaut dich fragend an. Wie fühlst du dich?

Drittens: Es ist mir peinlich. Ich komme mir komisch vor.

Das sind Erwachsene, die in Deutschland kein Einkommen haben und ständig auf Hilfe angewiesen sind. Stellt euch vor: So fühlen sich (ukrainische) Geflüchtete jeden Tag. Das ist keine einmalige Situation, Das ist für sie ein Dauerzustand.

  • „Mein Mann und ich hatten ein eigenes Business in der Ukraine. Und jetzt muss ich ein paar Stunden in der Schlange stehen, um z.B. Salat abzuholen. Es ist so beschämend und erniedrigend für mich. Aber für meine Tochter mache ich alles!“
  • „O mein Gott, Leute! Wieso verhaltet ihr euch so, als ob ihr noch nie im Leben Essen gesehen habt? Was würden Deutsche über uns denken? O Mann! Ich schäme mich so sehr für das, was ich sehe! Würde meine Gastfamilie mir anbieten, etwas aus ihrem Gemüsegarten zu nehmen, würde ich lieber nichts nehmen. Ich möchte, dass sie sehen, dass nicht alle Ukrainer wild und frech sind!“
  • „Interessant, darf ich später noch einmal kommen? Sie werden bestimmt nicht bemerken, dass ich schon das zweite Mal pro Tag Lebensmittel abhole.“
  • „Wow, Gutscheine! … Eigentlich habe ich schon genug Shampoo und Zahnpasta… Aber man kann nie genug Hygieneartikel haben! Wenn es etwas zu verschenken gibt, muss man sich das bestimmt nehmen!“

Zum Weiterdenken:

  • Was könnte ich persönlich tun, um es ukrainischen Geflüchteten zu erleichtern, weiter Hilfe von mir anzunehmen?
  • Was könnte ich sagen, damit sie beim Hilfe annehmen ein bisschen entspannter werden ?

Was könnten wir tun?

  • Wertschätzung zeigen/ aussprechen
  • Bewusstseins-Bildung: Menschen darauf aufmerksam machen, was sie alles leisten.
  • Idee: Wertschätzende Worte mit Yandex-Übersetzer übersetzen und versuchen sie auszusprechen.
  • Idee: Wertschätzende Worte übersetzen und sie auf einer Karte aufschreiben.

Wertschätzung: Bewusstseins-Bildung

Karten schreiben:

Beispiel 1:

Es fasziniert mich, wie gut du es schaffst, dein Leben jetzt auf die Reihe zu kriegen. Es kann einem nicht gut gehen, wenn der Krieg im eigenen Land ist. Und du schaffst es trotzdem, Sachen gut zu klären, obwohl du in einem fremden Land und so gestresst bist. So sieht es von außen. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen würde. Respekt!


Ukrainisch:

Мене вражає, наскільки добре тобі зараз вдається впоруватись зі своїм життям. Ніхто не може почувати себе добре, коли в його країні іде війна. І хоча ти у чужій країні і переживаєш великий стрес, ти добре cправляєшся з важкостями. Це я бачу зі сторони. Я не знаю, чи змогла б я так. Я тебе дуже поважаю.

Beispiel 2:

Meine Liebe, ist es dir bewusst, was du alles jetzt leistest? Ist dir bewusst, dass du allein in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse und ohne Verwandte schaffst, dich um dich selbst
und dein Kind zu kümmern?

Oder: Ist dir bewusst, dass du auf die Reihe kriegst, allein in Deutschland einkaufen zu gehen? Es ist dein kleiner Sieg! Ich bin stolz auf dich! Oder: Ist dir bewusst, dass du vor kurzem allein ohne Dolmetscher zu einem schwierigen Termin gegangen bist und alles da geklärt hast? Ich bewundere dich, wie gut du mit Herausforderungen umgehst! Du bist eine Power-Frau!

Ukrainisch:

Мила, ти хоч розумієш що ти зуміла зробити? Ти хоч розумієш, що ти одна, в чужій країні, без знання мови і без родичів змогла подбати і про себе, і про
свою дитину? Ти хоч розумієш, що ти змогла одна скупитися в магазині в Німеччині і без перекладача? Це твоя маленька перемога!
Я пишаюся тобою! Ти хоч розумієш, що ти недавно пішла сама на страшну зустріч без перекладача і все там порішала?
Я в шоці, наскільки класно ти впоруєшся з проблемами! Ти – шикарна і сильна жінка!

Beispiel 3:

Ich bewundere dich, wie gut du mit Herausforderungen umgehst! Du bist eine ukrainische Power-Frau!

Ukrainisch:

Я в шоці, як ти класно все порішала! Ти – шикарна і сильна українська молодиця!

Achtung! Das ist keine wortwörtliche Übersetzung! Das ist ukrainische Volkssprache, Slang. Angemessene Reaktion auf diese Sprüche wäre: lächeln, lachen, wundern, überrascht sein.
Reagieren Ukrainer anders, nimm deine Beine in Hände und renne weg. ☺

Beispiel 4:

Ich danke Gott, dass er mir die Möglichkeit geschenkt hat, jemandem aus der Ukraine in dieser schweren und furchtbaren Zeit zu helfen. Ich danke dir, dass du meine Hilfe annimmst und nicht verwirfst. Ich bewundere dich, dass du so stark bist, dass du dir helfen lässt.


Ukrainisch:

Я дякую Богові за те, що він дав мені можливість у цей важкий і злий час допомогти комусь із України. Пасибі, що ти приймаєш мою допомогу і не відкидаєш її. Ти маєш бути
сильною жінкою, якщо, хоч і відчуваєш себе незручно, але маєш силу прийняти допомогу зі сторони.

Je komischer deine Übersetzung für die Karte/ deine Aussprache ist, desto besser!
Es ist süß und bewegend, wenn Deutsche mit Fehlern Ukrainisch sprechen/ schreiben. ☺
Nun Mut! Es ist die Zeit, in der Fehler mehr als das Perfekte und das Korrekte bewirken können.

Der Herr schenke uns Weisheit, welche Worte ‚unseren‘ Ukrainern gut täten

Sensibilisierung:

Das Anliegen von so einer Karte ist, Menschen zu stärken und sie zu ermutigen, sich helfen zu lassen.
Es gibt aber Menschen, die locker um Hilfe bitten und vielleicht bei dir jeden Tag klopfen.

Zum Weiterdenken:

  • Sie brauchen vielleicht nicht so eine Dankbarkeitskarte, sondern was anderes.
  • Was könnte ich tun, damit ukrainische Geflüchtete mit diesem Gefühl „es ist mir peinlich“ besser umgehen könnten?

Menschen, die jetzt aus der Ukraine zu uns kommen, befinden sich in einer schwierigen Situation. Vor allem gilt das auch für die vielen Frauen und Kinder. Sie haben sich in Sicherheit
bringen können, während ihre Männer, Väter und Brüder in der Ukraine bleiben mussten und ihr Land gegen die russische Invasion verteidigen. Dies ist für die Frauen und Kinder jetzt
weder eine direkte traumatische Bedrohung, noch eine posttraumatische Sicherheit.

Was benötigen sie in einer solchen Situation? Neben den Grundbedürfnissen von Unterkunft, angemessener Kleidung und ausreichender Ernährung können Maßnahmen unterstützt werden, die Müttern und Kindern aus einer unmittelbaren Schockreaktion heraus helfen.


Psychoedukation: Informationen über die Normalität von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen, die alle haben, die sich nach Kriegserlebnissen und Flucht in einer massiv
anderen Lebenssituation befinden (siehe beigefügte Auflistung).


Gemeinschaft: Wer sich aus der gewohnten menschlichen Gemeinschaft durch Krieg und Flucht „herauskatapultiert“ fühlt, benötigt in der Erstversorgung eine Gemeinschaft mit
anderen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen. Über Sorgen und Trauer zu sprechen gelingt besser in der eigenen Sprache und mit Menschen, die etwas Ähnliches erlebt haben.
Kinder benötigen die Anwesenheit von ihren Bindungspersonen für ihre emotionale Sicherheit. Ebenso wirken bei gemeinsamen Kinder-Gruppenaktivitäten anwesende Erwachsene, die in derselben Sprache sprechen, beruhigend.


Selbstwirksamkeit: Im Krieg und auf der Flucht waren die Menschen Opfer der Umstände ohne oder mit äußerst geringer Selbstwirksamkeit. Das sollte sich nicht wiederholen.
Rundumversorgung kann in den ersten Tage willkommen sein, führt aber längerfristig zu eher schlechten Gefühlen. Anteile von Selbstversorgung beim Kochen, bei Aktivitäten mit den
Kindern, aber auch bei anderen Alltagstätigkeiten wie Saubermachen, verhelfen zu dem Gefühl, das eigene Leben meistern zu können. Untätigkeit verstärkt die Gefahr von depressiven Entwicklungen oder auch aggressiven Reaktionen.


Vorhersehbarkeit: Krieg und Flucht waren eine Reihe von unvorhersehbaren Ereignissen, das Schicksal der Angehörigen in der Ukraine bleibt es weiterhin. Um die anhaltende Angst
nicht den gesamten Tagesablauf bestimmen zu lassen, sollte der Alltag hier von wiederkehrenden Abläufen und Ritualen gekennzeichnet sein. Es sollte tatsächlich das passieren, was
angekündigt wurde, also feste Zeitstrukturen (Mahlzeiten, Ruhezeiten, Aktivitäten) schaffen ein Mindestmaß an äußerer Sicherheit. Solche Strukturen helfen auch den Kindern, ihre
Ängste um die eigene Unversehrtheit zu verlieren.


Körperliche Bewegung: Menschen, die Traumatisches erlebt haben, neigen dazu, auch in ungefährlichen Situationen, durch Erinnerungsfetzen angeregt, in Erstarrung oder in einen Totstell-Reflex (Dissoziation) zu verfallen, ohne dies steuern zu können. Je intensiver sie sich regelmäßig körperlich bewegen, trainieren sie den eigenen Körper in seiner Lebendigkeit. Gute
Möglichkeiten bieten Sport, Gymnastik, Spaziergänge, Schwimmen, Fahrrad fahren und Ähnliches.


Ukraine-Karte: Bewusst zu vermeiden, an die bedrohliche Situation in der Ukraine zu denken oder darüber zu sprechen, bringt sie erst recht ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein
Aufhängen einer Ukraine-Karte in einer Gemeinschaftsunterkunft mit Punkten, die kennzeichnen, woher die einzelnen Familien kommen, schafft einen Platz für Erinnerungen, Traurigkeit und die Gefühle den abwesenden Männern, Vätern und weiteren Bezugspersonen gegenüber.


Ein Hinweis:
Denken Sie daran, dass die Situation für die Menschen aus der Ukraine mindestens genauso neu ist, wie für Sie. Wenn es bei den Flüchtlingen aus der Ukraine Ihnen gegenüber zu aggressiven Impulsen kommen sollte, können dies natürliche Reaktionen auf das sein, was sie erlebt haben. Die Vergangenheit wirkt in die Gegenwart. Sie sind nur zufällig diejenigen, die es dann trifft,
und sind eigentlich vermutlich nicht gemeint. Nehmen Sie sich eine Auszeit – es wird dann wieder zu einem anderen Umgang miteinander kommen.

Liste möglicher Symptome

Gedanken:

  • Wiederholte Träume oder Alpträume vom Ereignis und seinen Folgen
  • Wiederholtes Nachdenken über das Ereignis oder die Folgen
  • Konzentrationsschwierigkeiten oder Erinnerungslücken
  • Das bisherige Weltbild in Frage stellen
  • Wiederkehrende Erinnerungen an Angehörige im Kriegsgebiet, an Verstorbene, an den Krieg oder den Schaden – Gedanken, die nicht gestoppt werden können

Gefühle:

  • emotionale Taubheit, innerer Rückzug oder sich mit niemandem „verbunden“ fühlen
  • Angst oder Furcht, wenn ein Geräusch oder ein Geruch an das Ereignis erinnert
  • keine Freude an Alltagsaktivitäten
  • ein permanentes Gefühl von Depression, Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit
  • plötzliche Ausbrüche von Ärger und schnell irritierbar sein
  • ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit bezogen auf die Zukunft

Verhalten:

  • sich selbst und die Familie übermäßig beschützen wollen
  • sich selbst von anderen Menschen isolieren
  • übermäßige Wachsamkeit
  • Einschlaf- oder Durchschlafprobleme
  • Vermeiden von Aktivitäten, die an das Ereignis oder den Verlust erinnern könnten; Orte und Menschen meiden, die Erinnerungen zurückbringen könnten
  • vermehrte Konflikte zwischen Familienmitgliedern
  • außergewöhnlich aktiv bleiben, um nicht an das Ereignis und was einem persönlich passiert ist zu denken
  • weinen oder Tränen zu entwickeln, ohne einen offensichtlichen Grund dafür zu habe

Dankbarkeit

Idee: Den Raum schaffen, wo ukrainische Geflüchtete ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen können. Sie könnten eine selbstgemachte Karte basteln (a la hand lettering). So eine
Karte könnten sie zum Beispiel zum Rathaus, Sozialamt, zur Tafel oder zum Roten Kreuz mitnehmen, da am Ort einer Helferin/ einem Mitarbeiter als Dankeschön-Karte
überreichen. So eine Geste könnte auch Mitarbeitern guttun, welche eine Dankbarkeitskarte geschenkt bekommen.
Im Anhang gibt es ein paar Beispiele, wie man eine Dankbarkeitskarte schnell, dafür auch schön gestalten könnte: schlicht und ergreifend. Es hat gut getan, verschieden Schreibarten
auszuprobieren. Viele Ukrainerinnen fanden interessanter zweisprachige Karte zu gestalten. Links haben sie ein paar Sätze mit Danksagung auf Ukrainisch geschrieben. Rechts haben sie dasselbe auf deutsch geschrieben (mit der Hilfe von dem Yuandex-Übersetzer). https://translate.yandex.ru/?lang=uk-de&text=%D0%86%D1%81%D1%83%D1%81
Tipp: Man könnte so eine Aktion mit den Dankbarkeitskarten bei einem Sprach- oder Kontakt-Café durchführen. Vielleicht wäre es für einige Menschen einfacher dadurch (beim
Karte basteln) ins Gespräch zu kommen und einander kennenzulernen.

In dieser Mitarbeiterschulung geht es um den ersten Kontakt mit ukrainischen Geflüchteten. Wie können wir ihnen helfen und welche Aspekte sind besonders wichtig im Umgang mit ihnen? Im Anhang befinden sich einige Materialien mit Tipps und wichtigen Hinweisen wie beispielsweise eine Übersetzung wichtiger Alltagsvokabeln oder ein kleiner Einsteiger-Kurs zum Deutsch lernen. Außerdem werden kulturelle Hintergründe wie der Aberglaube in der Ukraine erklärt, die man vor dem ersten Kontakt wissen sollte.

Abba (Keine Worte) – Poetry von Marco Michalzik & Manuel Steinhoff

Link zum offiziellen YouTube Video

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