Zerrissen zwischen Traum und Alltag – Moses Weg zur Berufung

Bausteine für eine Bibelarbeit nach 2. Mose 2-3

Endlich! Geschafft! Erschöpft steht Mose auf dem Berg Nebo und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Weit schweift sein Blick in die Ferne. Dort im Dunst liegt es: Das verheißene Land, das Land der Freiheit! Ein fruchtbares Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen – unvorstellbar nach dem zermürbenden Weg durch die Wüste. Heimlich hatte auch Mose gezweifelt, ob sie es schaffen würden, dort anzukommen. Und nun war es soweit: Der große Traum wurde Wirklichkeit!

Mose wurde zum Vorbild für Martin Luther King und Barack Obama. Seine Lebensgeschichte ermutigt und gibt Orientierung. Dabei sah es lange gar nicht so aus, als würde aus Mose überhaupt etwas werden. Fast schien es, als habe er schon als Jugendlicher seine Chance vertan und seine Zukunft verpfuscht (2. Mose 2,11-15). Im Folgenden finden sich Bausteine für eine Bibelarbeit, die den unbekannten, steinigen Weg bis zu seiner Berufung nachvollziehen und Jugendliche motiviert, sich eigene Ziele zu setzen und sich dafür zu engagieren.

1. Wer ist dein Vorbild?

Große Papierbögen werden ausgelegt oder aufgehängt und die Jugendlichen werden befragt, wen sie als Vorbild haben und warum. Jeder wird aufgefordert, zwei bis drei Vorbilder vorzustellen. Gezielt kann gefragt werden, ob es biblische Personen gibt, für die sich die Jugendlichen begeistern. Mose und sein Einsatz für ein Leben in Freiheit wird vom Gruppenleiter als mögliches Vorbild eingeführt. Im Gespräch wird dann das in der Gruppe vorhandene Wissen über Mose zusammengetragen. Mose und seine Schlüsselrolle dürften -zumindest unterschwellig – bekannt sein, als Thema der Einheit wird das Leben des jugendlichen Mose bis zu seiner Berufung vorgestellt.

2. Bibelbaustein 1 – das Verbrechen (2. Mose 2,11-25)

Bevor der erste Bibelbaustein 2. Mose 2,11-15 gemeinsam gelesen wird, ist es nötig, die Geburtsgeschichte (2. Mose 2,1-10) in groben Zügen zu kennen und aus dem Kindergottesdienstwissen zusammenzutragen. Detailliert wird sie später erschlossen: Der Pharao, der Angst vor einem Aufstand der Hebräer hat, befiehlt, alle neugeborenen Jungen gleich nach der Geburt zu töten. Die Mutter von Mose verweigert dies und setzt ihren Sohn in einem Körbchen auf dem Nil aus – wie durch ein Wunder wird Mose von der Tochter des Pharao gefunden und wächst nun am ägyptischen Königshof auf.

Historisch lässt sich nur indirekt erschließen, wann Mose lebte. Keiner der Pharaonen wird mit Namen genannt, dazu waren sie aus biblischer Sicht nicht bedeutend genug. Doch aus dem Bau der Vorratsstädte Pitom und Ramses (2. Mose 1,11) lässt sich auf die Zeit um 1290 v. Chr. schließen. In Quellen außerhalb der Bibel wurde bisher noch kein sicherer Hinweis auf Mose gefunden.

2. Mose 2,11 -15

Liest man den Text gemeinsam und charakterisiert Mose, fällt auf, dass Mose sein gewohntes Umfeld im Palast bewusst verlässt und aktiv zu seinen hebräischen Brüdern hinausgeht. Er möchte wissen, wie es ihnen geht. Mit der Ungerechtigkeit, die er mitansehen muss, kommt er jedoch nicht klar: Überlegt versichert er sich noch, keine Zeugen zu haben, um dann impulsiv und heftig zuzuschlagen, solange bis der Ägypter tot ist. Auf Gewalt reagiert Mose mit extremer Gegengewalt. Und als hätte er nichts dazu gelernt, belehrt Mose einen Tag später noch einen Hebräer und weiß alles besser. Dieses Mal endet sein Eingreifen mit einer Katastrophe nun für ihn selbst: Mose muss fliehen – vor der Verfolgung des Pharao und schlimmer noch – vor seinen eigenen Brüdern. Mose ist mehr als gescheitert: Sein Einsatz für Gerechtigkeit ging völlig daneben und machte aus Mose einen Mörder.

Impuls zum Kurzgespräch in der Kleingruppe mit den Sitznachbarn

Ging es dir/euch auch schon einmal so wie Mose? Dass ihr zu Recht wütend wart, aber explodiert seid und mit dem Wutausbruch alles nur noch schlimmer wurde? Wie hätte sich Mose besser verhalten können?

In der Bibel wird das schwere Verbrechen von Mose nicht kommentiert. Es wird aber dokumentiert, wie zerrissen sich Mose in seiner Jugend gefühlt haben muss. Deshalb lohnt es sich, jetzt die Geburtsgeschichte gemeinsam mit dieser Perspektive zu lesen.

3. Bibelbaustein 2 – Zerrissene Kindheit und Jugend (2. Mose 1,22 bis 2,10)

Als Sohn einer hebräischen Familie verdankt Mose ausgerechnet der Tochter des Pharao sein Leben: Selbstbewusst und stolz macht sie Mose zum Ersatzkind und adoptiert ihn als eigenen Sohn. Von ihr erhält Mose auch seinen ägyptischen Namen, vermutlich bedeutet er sogar „Sohn von“ – die Erklärung in Vers 10 wurde erst nachträglich ergänzt und interpretiert den Namen auf hebräisch. Mose lebt als ägyptischer Prinz am Hof des Unterdrückers und gleichzeitig fühlt er sich als Hebräer. Ob Mose sich schämte, weil er ein bevorzugtes Leben führte? Ob er lieber mit seinen Brüdern gelebt und Frondienst verrichtet hätte? Das Verbrechen, das er so unvermittelt begeht, lässt es vermuten.

Impuls zum Kurzgespräch

  • Im Plenum wird erarbeitet, wie spannungsgeladen das Leben des jungen Mose war.
  • In Kleingruppen mit den Sitznachbarn wird die Situation von Mose dann übertragen:
    • Kennt ihr heute Situationen, die der von Mose vergleichbar sind?
    • Habt ihr euch auch schon so zerrissen gefühlt wie Mose? Zerrissen zwischen Ansprüchen von Eltern und Freunden und dem, was man selbst wichtig findet?

4. Bibelbaustein 3 – Zuhause und immer noch fremd (2. Mose 15b-22)

Mose flieht, er flieht in ein unbekanntes Land und in ein völlig neues Leben. Im fremden Midian baut er sich ein eigenes Zuhause und lebt nun in der Wüste, wie seine hebräischen Vorfahren. Doch obwohl Mose eine eigene Familie gründet, bleibt das Gefühl von Fremde: Seinen neugeborenen Sohn nennt er: „Gershom“: „Ich bin ein Fremdling geworden im fremden Land.“

Impuls zum Kurzgespräch in Kleingruppen mit dem Sitznachbarn

Wie fühlte sich wohl Zippora in ihrer Ehe mit Mose?

5. Bibelbaustein 4 – Die Berufung: Wendepunkt seines Lebens (3. Mose 1-10)

Der Bibeltext wird – wie bei der vorigen Bibelstelle – gemeinsam gelesen. Es ist eine der zentralen Stellen der Bibel überhaupt, weil Gott sich Mose selbst vorstellt und seinen Namen offenbart (Vers 14):

Oft ist Mose tagelang allein unterwegs und genießt es, weit draußen in der Wüste zu sein. Frei fühlt er sich hier und lässt den Blick weit schweifen. Vor ihm flaches, trockenes Land, dahinter der Berg Horeb. Die Luft flimmert vor Hitze – ein Dornbusch steht sogar lodernd in Flammen! Doch warum verbrennt er nicht? Mose hört seinen Namen, gleich zweimal wird er gerufen. Und Mose stellt sich: „Hier bin ich“! Sein ganzes Leben lief auf diesen Augenblick zu, ehrfürchtig verhüllt Mose sein Gesicht, der Boden auf dem er steht, ist heilig. Die lange Flucht ist nun vorbei.

Mose hat seine Lebensaufgabe gefunden. Dabei ist er nicht mehr allein unterwegs, sondern geführt und getragen vom Gott seiner Väter. Sein großer Traum, Israel zu befreien, sein Kampf für mehr Gerechtigkeit beginnt wirklich zu werden.

Impuls zum Kurzgespräch mit Blitzlicht-Einstieg

  • Mose wird erst dann erfolgreich, als er sich von Gott getragen und geführt weiß. Macht es deiner Meinung nach einen Unterschied, ob man an Gott glaubt oder nicht?
  • Wie kann man jeweils mit Krisen umgehen? Woher kommt die Motivation, durchzuhalten oder weiterzumachen?

Praxisimpuls zum Schluss: Einen Brief an sich selbst schreiben

Die Jugendlichen schreiben an sich selbst einen kurzen Brief, in dem sie ihren Lebenstraum für sich festhalten. Wie möchten sie in 10 Jahren leben? Welchen Beruf möchten sie haben und wofür möchten sie sich engagieren? Was könnte in einem Zeitungsartikel stehen, der über sie erscheint? Der Brief wird in ein Kuvert gesteckt und eingesammelt. Nach Ablauf einer vorher festgelegten Frist (halbes Jahr oder Jahr) wird der Brief den Jugendlichen zugeschickt, so dass sie dann an ihre Vorhaben erinnert werden.

Abschließendes Gebet: Die Einheit kann mit einem Gebet/Segenswunsch schließen, in dem um Gottes Beistand für die Jugendlichen und ihre Träume gebeten wird.

Hintergundwissen: Der Gottesname JHWH / Jahwe

„Ich werde sein, der ich sein werde“ bzw. „Ich bin der ich bin da“, die Übersetzung des Gottesnamens JHWH lässt sich im Deutschen nicht mit einem einzelnen Wort wiedergeben. Er bedeutet das aktive Dasein Gottes für den Menschen in der Gegenwart und Zukunft. Gott setzt sich machtvoll für sein unterdrücktes Volk ein, er ist dabei nicht manipulierbar wie die ägyptischen Götter. Nannte man diese bei ihren richtigen Namen, konnte man sie in ihren Taten beeinflussen. So abhängig macht sich der biblische Gott nicht von den Menschen. Aber er begegnet ihnen dort, wo sie ihn dringend benötigen, in einem unscheinbaren, dornigen Busch und im Leid der Unterdrückung. Er führt sein Volk in die Freiheit, zusammen mit Mose.

Wie der Name Gottes ausgesprochen wurde, lässt sich nur vermuten, denn geschrieben wurden im Hebräischen ursprünglich nur die Konsonanten, die Vokale sparte man aus. Später ergänzte man das sogenannte „Tetragramm“ JHWH mit den Vokalen von „Adonaj“ / „mein Herr“, weil man nun auf diese Anrede zurückgriff, um den heiligen Gottesnamen nicht zu missbrauchen. Daraus entwickelte sich dann fälschlicherweise „Jehova“ – richtig ist aller Wahrscheinlichkeit nach Jahwe.

Einen Menschen zu verlieren, der uns viel bedeutet, tut unendlich weh. Auch Jugendliche tragen schmerzliche Erfahrungen von Tod und Traurigkeit mit sich. Und zugleich bewegt viele die Frage, was nach dem Sterben kommt. Diese Bibelarbeit denkt darüber nach, wie wir mit Trauer und Schmerz umgehen können und welche Hoffnung Christen hält. Die Erfahrungen von Jugendlichen mit Tod und Sterben und ihre Fragen werden wahr- und ernstgenommen und mit einer eindrücklichen Ostererzählung aus dem Johannesevangelium in Beziehung gesetzt: Maria Magdalena begegnet dem auferstandenen Jesus (Joh. 20,11-19) und findet einen Weg aus Trauer und Verzweiflung.

Gedanken zur Ostergeschichte

„Maria weint“

Maria Magdalena steht vor dem leeren Grab von Jesus und weint. Aller Schmerz bricht aus ihr heraus. Der Schmerz, dass dieser Jesus, den sie so geliebt hat, nun nicht mehr da ist. Maria steht vor den Scherben ihres Lebens, weil der, der ihr Leben festhielt, der ihr Halt gab, nicht mehr da ist. Sie war Jesus gefolgt, seit er sie aus einer tiefen Dunkelheit befreit hatte (vgl. Lukas 8,2). Und nun bricht alles aus Maria heraus. Und nicht einmal ein Ort zum Trauern bleibt ihr, weil sie ein leeres Grab findet. Was soll sie auch anderes annehmen, als dass jemand den Leichnam von Jesus weggenommen hat? Vielleicht können wir gut mit Maria mitfühlen. Vielleicht werden wir an Momente unseres Lebens erinnert, wie wir selber am Grab eines geliebten Menschen standen. Da ziehen dann die Erinnerungen an diesen Menschen vor dem inneren Auge vorbei. Nichts ist mehr, wie es war. Weil dieser Mensch so fehlt! Die Geschichte von Maria ist keine Erzählung, die wir gemütlich zurückgelehnt im Sofa lesen. Sie ist unsere Geschichte. Weil sie von unserer Traurigkeit erzählt und von dem, was uns halten kann in dieser Traurigkeit. Von den Gräbern unseres Lebens erzählt diese Geschichte. Auch im übertragenen Sinn: Weil wir im Laufe eines Lebens immer wieder vor einem Grab stehen. Nicht nur am Grab eines Menschen, sondern am Grab von Hoffnungen und Herzenswünschen, die wir begraben müssen. Wenn etwas gestorben ist, in das wir Kraft und Herzblut hineingelegt haben. Dann mag es uns ähnlich gehen wie Maria: Dass wir uns mutterseelenallein fühlen und die Traurigkeit wie eine Welle uns überrollt.
In der Geschichte von Maria Magdalena wird erzählt: Maria steht am offenen Grab, sieht sogar zwei Engel, die mit ihr reden. Dann wendet sie sich um und sieht Jesus stehen, aber sie erkennt ihn nicht, sondern meint, es ist der Gärtner. Mit tränenerstickter Stimme und verweintem Gesicht fragt sie ihn: „Hast du ihn weggetragen?“ Dieser Gärtner ist ihre einzige Hoffnung. Vielleicht hat er eine Ahnung, wo der tote Jesus ist. Beeindruckend finde ich, wie ehrlich hier die Bibel erzählt. Typisch Bibel eben, dass sie die Dinge beim Namen nennt und nichts unter den frommen Teppich kehrt. Die Bibel erzählt Geschichten von Menschen, die sich und ihr Leben nicht immer im Griff haben, die verzweifelt sind und manchmal nicht mehr weiterwissen. Maria ist unendlich verzweifelt. So verzweifelt ist sie, dass ihr sogar die zwei Engel völlig egal sind, die am leeren Grab mit ihr reden. Das muss man sich einmal vorstellen: Zwei Engel erscheinen Maria, und das lässt sie völlig kalt und ändert an ihrer Traurigkeit überhaupt nichts.
Ganz ehrlich ist hier die Bibel: Manche Traurigkeit ist so stark, dass auch Glaubenserfahrungen sie zunächst nicht aufbrechen können. Hier hat die Bibel mehr vom Leben verstanden als manche frommen Zeitgenossen, die trauernde und leidende Menschen mit Bibelsprüchen eindecken und dann meinen, damit wäre alles gut. Die Ostergeschichte im Johannesevangelium (Kapitel 20) zeigt uns, wie Jesus mit der Traurigkeit der Maria umgegangen ist. Er hat diese tiefe Traurigkeit ganz ernst genommen und zugleich hat er Maria einen Weg aus der Verzweiflung gezeigt.

„Jesus ist schon längst da!“

Schon als Maria am leeren Grab steht und weint, ist Jesus da. Im Bibeltext wird erzählt, dass sich Maria umwendet und dann Jesus vor ihr stehen sieht. Er war also die ganze Zeit in ihrem Rücken. Er war da, ohne dass sie etwas davon bemerkt hatte. Maria hatte gemeint, völlig allein zu sein. Und dann steht der, den sie so sehnlich vermisst, die ganze Zeit hinter ihr. Für mich ist diese Szene von Maria, in deren Rücken Jesus ist, ein Bild für unser Leben. Da stehen wir vielleicht im Leben immer wieder vor Gräbern. Weil wir Menschen hergeben müssen oder weil wir Abschied nehmen müssen von Hoffnungen und Wünschen. Es mag sein, dass wir meinen, völlig allein zu sein. Vielleicht scheint sogar Gott weit weg zu sein. Wir spüren ihn nicht mehr, haben nicht mehr das Gefühl, dass er für uns sorgt. Die ganze Zeit steht Jesus hinter uns. Die ganze Zeit ist er da – in unserem Rücken. In den „Maria-Momenten“ unseres Lebens, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird, dann ist noch einer da – hinter uns: Jesus. Das macht den Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen nicht geringer. Das wischt auch nicht alle Traurigkeit und Enttäuschung beiseite, die wir mit uns tragen. Aber in allem können wir wissen: Es ist einer da, der uns sieht. Einer, der uns wahrnimmt und zugleich auch ernst nimmt mit dem, was uns das Herz schwermacht.

„Maria“

Die Ostergeschichte beschreibt, wie Jesus dann nur ein Wort sagt: „Maria“. Dieses eine Wort, dieser Name, muss bei Maria innerlich einen Erdrutsch ausgelöst haben. In der Bibel heißt es: „da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch „Rabbuni“, das heißt: Meister. Maria muss schlagartig erkannt haben, wer dieser vermeintliche Gärtner ist: Jesus. Ich stelle mir vor, dass Jesus Marias Namen liebevoll, vielleicht sogar zärtlich ausgesprochen hat. Dieses eine Wort „Maria“ ist der trauernden Frau durch alle Traurigkeit und Schmerz hindurch ins Herz gegangen. Dass es viel auslösen kann, wenn jemand unseren Namen nennt, haben wir vielleicht auch schon erfahren. Wenn jemand unseren Namen abschätzig ausspricht oder ihn veräppelt, kann das ziemlich weh tun. Wenn aber jemand unseren Namen liebevoll ausspricht, voller Zuneigung, dann kann es einem warm ums Herz werden oder es kann einem ein wohliger Schauer über den Rücken laufen. Es ist zwar total übertrieben, wenn in jedem zweiten Kinofilm sich das Traumpaar kurz vor dem ersten Kuss schmachtend in die Augen sieht und mit verliebter Stimme den Namen des andern säuselt – aber zugleich spielt ein solcher Film damit auf Gefühle an, die wir auch kennen oder nach denen wir uns zumindest sehnen. Als Maria ihren Namen hört, geht es ihr ins Herz. Es ist total spannend, wie das Johannesevangelium dies beschreibt: Maria hatte sich ja umgewandt zu dem vermeintlichen Gärtner hin (Joh. 20,14). Und dann lesen wir im Johannesevangelium noch einmal „sie wandte sich um“ (Joh. 20,16). Eigentlich doch seltsam: Wenn Maria sich zweimal umdrehen würde, dann würde sie ja wieder ins leere Grab starren. Sie schaut den Gärtner doch schon an. Wie soll sie sich dann noch einmal umdrehen? Die Bibel beschreibt hier in bildlichen Worten, was in Marias Innerem geschieht, als Jesus ihren Namen sagt. Da wendet sich etwas in ihrem Herzen um. Da verwandelt sich die Traurigkeit in Freude, die Verzweiflung in Hoffnung.
In diesem einen Wort „Maria“ steckt so viel. Damit sagt Jesus: „Ich kenne dich doch durch und durch. Du gehörst zu mir. Niemand kann uns beide auseinander reißen.“ Jesus spricht mit Namen an. Dies ist es, was uns halten kann in der Trauer: Hier bei Jesus sind wir wahr genommen als die Menschen, die wir sind. Wenn Jesus tröstet, dann tröstet er immer persönlich. Nicht mit allgemeinen Floskeln und Aufmunterungen, sondern indem er uns persönlich beim Namen nennt. Was uns halten kann an den Gräbern unseres Lebensweges ist dies: Dass Jesus uns mit Namen kennt. So wie es auch in Jesaja 43,1 heißt: „Fürchte dich nicht. Denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Dass wir mit Namen angesprochen sind, das ist es, was uns selbst über unser Sterben hinaus trägt. Wenn Gott uns mit Namen kennt und beim Namen nennt, dann sind wir für immer bei ihm geborgen. Da mag unser Name in dieser Welt sogar irgendwann vergessen sein, Gott kennt ihn. Unser Name steht für unsere Person: Gott kennt uns bis in alle Ewigkeit.

Die Lebenswelt der Jugendlichen und die Ostergeschichte in Johannes 20,11-19

Jugendliche bringen ganz unterschiedliche Vorerfahrungen mit dem Thema „Tod und Sterben“ mit. Wahrscheinlich waren viele schon bei einer Beerdigung dabei. Ob sie die Frage nach dem Tod emotional tief bewegt, hängt von diesen Vorerfahrungen ab. Ein Mädchen, das seine Mutter durch den Tod verloren hat, wird viel stärker innerlich bewegt sein als das Mädchen, das traurig ist über den Verlust des Opas. Der Junge, der sich noch daran erinnert, wie sein Hamster gestorben ist, wird vielleicht auch von traurigen Gefühlen berichten können. Aber für ihn hat das Thema „Tod“ nicht diese Tiefe, wie für das Mädchen, das die Mutter verloren hat. Auf je eigene Art und Weise werden die meisten Jugendlichen von der Erfahrung von Tod und Leiden berührt sein. Dies bietet zum einen Anknüpfungspunkte, um ins Gespräch zu kommen. Zugleich aber ist es entscheidend wichtig für ein gelingendes Gespräch, feinfühlig und taktvoll mit den Erfahrungen der Jugendlichen umzugehen. Meistens tragen Jugendliche ihr Herz nicht auf der Zunge und es bedarf eines geschützten Rahmens, um persönliche Dinge preiszugeben. Die Bibelarbeit über die Begegnung von Maria und Jesus kann ein Angebot an Jugendliche sein, ihre Gefühle zu äußern. Ob dies im Gespräch in der Gruppe geschehen kann oder eher in einem Einzelgespräch zwischen Mitarbeitenden und Gruppenteilnehmenden hängt von der Gruppe und der Atmosphäre der Gruppenstunde ab.

Drei Aspekte der Ostergeschichte scheinen mir im Blick auf die Erfahrungen und die Lebenswelt von Jugendlichen wichtig zu sein:
– Jesus kennt meine Traurigkeit
– Jesus ist da – auch wenn ich das nie für möglich halte
– Jesus nennt mich bei meinem Namen. Ich bin ihm wichtig.

Die konkrete Umsetzung

Einstieg

Als Annäherung an das Thema „Sterben und Tod“ könnte ich mir das Lied „Nur zu Besuch“ von den Toten Hosen vorstellen. Hier erzählt der Sänger Campino, wie er immer wieder das Grab einer Freundin besucht. Gut beschrieben werden in diesem Lied die Gefühle, die der Verlust eines Menschen auslöst. Offen bleibt für mich die Frage, was denn wirklich tröstet. Offen bleibt auch, was nach dem Sterben kommt. Zwar spricht das Lied von einem Wiedersehen nach dem Tod. Aber letztlich bleibt das eine unsichere Hoffnung. Vielleicht könnten das die beiden Grundfragen sein, die sich durch die gesamte Bibelarbeit wie ein roter Faden ziehen: Was tröstet wirklich? Und was gibt wirklich Hoffnung? Je nachdem, wie gut sich eine Gruppe kennt, kann schon hier Gelegenheit sein, dass Jugendliche ihre Gefühle oder ihre eigenen Erfahrungen benennen, die sie bei dem Lied „Nur zu Besuch“ bewegen. Wenn die Gruppenleiterin oder der Gruppenleiter sich traut, wäre es sicher gut, wenn von eigenen Gefühlen und Erfahrungen berichtet wird.

Begegnung mit der Ostergeschichte

An das Lied der Toten Hosen und das Gespräch könnte sich eine Erzählung der Ostergeschichte aus Joh 20,11-19 anschließen. Es bietet sich an, die Geschichte nicht vorzulesen, sondern zu erzählen, um den Jugendlichen einen emotionalen Zugang zur Geschichte zu ermöglichen. Gut wäre es, die Gefühle der Maria mit einfließen zu lassen (vgl. Gedanken zum Bibeltext: „Maria weint“).

Bildbetrachtung zur Ostergeschichte

Mit Hilfe eines Bildes kann die Geschichte von Maria und Jesus noch einmal gemeinsam mit den Jugendlichen rekonstruiert und nacherzählt werden. Es bietet sich dafür ein Bild des Künstlers „Sieger Köder“ an (Reihe „Bilder zur Bibel“, Folge I. Neues Testament). Dieses Bild zeigt, wie Maria sich zu Jesus umwendet. Man sieht das traurige Gesicht von Maria. Zugleich zeigt dieses Gesicht schon, wie verwundert Maria ist, dass da jemand hinter ihr steht.

Die Ostergeschichte und die Jugendlichen

Der Bibeltext aus Joh. 20,11-19 wird in einzelnen Textstreifen auf dem Boden ausgelegt (immer ein Bibelvers pro DIN-A4-Blatt). Je nach Gruppengröße und Anzahl der Mitarbeitenden wäre es gut, Kleingruppen zu bilden. Die Jugendlichen erhalten drei aus Papier ausgeschnittene Gegenstände: Ein rotes Herz, eine schwarze Träne, einen grünen Kreis mit Smiley. Sie haben nun die Aufgabe, das Herz an die Textstelle zu legen, die sie an eigene Gefühle erinnert. Die Träne können sie zu dem Bibelvers legen, bei dem sie an eigene traurige Erfahrungen denken. Den grünen Kreis mit Smiley legen sie an die Textstelle, die ihnen am besten in der Geschichte gefällt. Im Gespräch haben die Jugendlichen die Möglichkeit, etwas dazu zu sagen, warum sie ihre Papiergegenstände gerade zu diesen Textstellen gelegt haben. Einige weitere Fragen können helfen, über den Bibeltext ins Gespräch zu komen:
• Was mag Maria wohl empfunden haben, als sie vor dem leeren Grab stand?
• Seltsam, dass sie Jesus nicht erkannt hat …
• Dann aber erkennt sie ihn …
• Was hat diese Geschichte mit unserem Leben zu tun?
Zum Abschluss dieser Gesprächsphase erhalten die Jugendlichen noch einen grünen Kreis mit Smiley. Wieder können sie diesen an die Stelle des Bibeltextes legen, die ihnen am besten gefällt bzw. die ihnen etwas für ihr Leben sagt. Sie können sie an dieselbe Stelle legen, wo schon der erste Kreis liegt. Vielleicht ist ihnen aber inzwischen auch etwas anderes wichtig geworden. Dann können sie dies mit dem zweiten Smiley zeigen.

Die Jugendlichen und Jesus

Damit die Geschichte von Maria und Jesus für die Jugendlichen konkret werden kann, haben die Jugendlichen die Möglichkeit, einen Brief an Jesus zu schreiben. Sie können für sich allein aufschreiben, was sie Jesus gerne sagen möchten: Ihre Traurigkeit, ihre Bitten, ihre Hoffnung. Dieser Brief wird in einen Umschlag gegeben, der dann verschlossen wird. Die Jugendlichen notieren ihren eigenen Namen und ihre Adresse. Die Mitarbeitenden nehmen die verschlossenen Briefe an sich und bewahren sie ein halbes Jahr auf. Dann schicken sie die Briefe den Jugendlichen zu. So haben diese die Möglichkeit, zu entdecken, ob sich an ihrer Situation in diesem halben Jahr etwas geändert hat. Dieser Brief ermöglicht es den Jugendlichen, ehrlich über ihre Gefühle nachzudenken.

Impuls

Eine Kurzandacht könnte die Gruppenstunde abschließen. Es wäre schön, wenn die Andacht in eine kurze Stille (vielleicht mit einer brennenden Kerze im Raum) münden würde. Das bietet die Chance für die Jugendlichen, evtl. Gefühle und Gedanken zu einem gewissen Abschluss zu bringen, bevor die Gruppenstunde mit Action und Spielen etc. weitergeht. Ob eine solche kurze Stille gelingt, hängt natürlich von der Atmosphäre in der Gruppe und deren „Chaospegel“ ab.

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