Glauben vs. Denken

Wie kritisches Denken dem Glauben hilft!

Einstieg

Starte mit einem Quiz: Einige Fragen sollen mithilfe von biblisch „begründeten“ Lösungen beantwortet werden, z. B.:

Dürfen Christen Alkohol trinken? 

a) Nein, wir sollen immer nüchtern sein (1. Thess 5,6). Das ist man ab dem ersten Schluck nicht mehr.

b) Ja, aber nur zu Missionszwecken! Paulus ist allen alles geworden, damit er auf alle Weise einige rette (1. Kor 9,22). Wie also wollen wir trinkende Mitschüler erreichen, wenn wir selbst in völliger Abstinenz leben?

c) Ja, denn Jesus machte aus Wasser Wein (Joh 2). Hätte er etwas gegen Alkohol, dann hätte er das Wasser Wasser sein lassen. 

Dürfen Christen bei Klassenarbeiten spicken? 

a) Nein, wir sollen unsere Mitmenschen nicht betrügen – und Lehrer sind auch Menschen (1. Thess 4,6).

b) Ja, aber nur, wenn wir statt zu lernen unsere Zeit für Gott nutzen (Teenkreis, beten …). Denn wir sollen in der Zeit, die uns noch bleibt, Gott dienen (Eph 5,15, HfA).

c) Ja, denn in einem Gleichnis Jesu (Mt 25,14-30) sollen drei Leute Geld verwalten, und der mit dem größten Erfolg wird belohnt – wie er das schafft, steht da nicht.

Offenlegen eines Problems

Eine Frage, die (junge) Christen umtreibt, ist die Frage nach Gottes Wille zu bestimmten Themen. Oft sind es moralische Alltagsfragen, wie die beim Quiz zu Beginn. Dabei wurde deutlich, dass die Bibel häufig mehrdeutig, manchmal auch gar nicht antwortet. Es scheint im Interpretationsspielraum des Lesers zu liegen, was „biblisch“ ist. Oft muss man auch den (Gesamt-) Kontext kennen, um eine Aussage der Bibel zu verstehen. Doch was, wenn man kein Theologe ist? In einem Gespräch soll deutlich werden, dass die Bibel häufig nicht einfach wörtlich zu lesen ist, sondern kritisches und selbstständiges Denken fordert. Doch kann sie jeder bibelunkundige Laie auf seine Weise interpretieren? 

Römer 12, 2 gibt dazu eine Antwort: „Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was der Wille Gottes ist: ob etwas gut ist, ob es Gott gefällt und ob es vollkommen ist.“ Den Verstand in neuer Weise zu gebrauchen bedeutet, sich nicht der Welt anzupassen, sich vielmehr von Dingen prägen zu lassen, die gut und gottgefällig sind.

Ein Experiment

Du kannst dazu ein Experiment machen. Bitte einen Teilnehmer, 20-mal „Weiß“ zu sagen. Wenn er fertig ist, fragst du ihn, was eine Kuh trinkt. Wenn er die Aufgabe nicht kennt, wird er wahrscheinlich „Milch“ sagen, obwohl er eigentlich weiß, dass „Wasser“ die richtige Antwort ist. Dadurch lässt sich zeigen, dass man leicht beeinflussbar ist und geprägt wird – der Psychologe spricht von „Priming.“ Dazu gibt es spannende Experimente aus der Wissenschaft: Beispielsweise bewegen sich Menschen, die sich mit dem Thema „Altern“ auseinandersetzen (auf „Altern“ geprimte Menschen), langsamer als eine Gruppe, die das nicht tut. 

Schlussfolgerung

Es ist demnach gut, wenn man sich von Dingen mit christlichen Inhalten prägen lässt. Denn setzt man sich biblischen Einflüssen aus, z. B. durch das Lesen christlicher Literatur oder das Hören von Predigten, so entwickelt man eine Ahnung und ein Wissen, die den Willen Gottes verständlicher werden lassen. Hierbei darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Sonntagspredigt für ausreichend biblische Weisheit genüge. Kritisches, nicht (Achtung: Fremdwort) fideistisches Denken erlaubt nicht blanke Willkür, sondern befreit zu tolerantem Denken, das immer noch biblisch begründet und nicht völlig absurd (siehe Anfangsübung) ist. Deshalb muss ein Christ versuchen, so viel wie möglich von der Bibel zu kennen, um Zusammenhänge festzustellen (häufig ist sie nämlich auch sehr klar!), aber er muss auch seine Erkenntnisse von erfahreneren Christen prüfen lassen. 

Vergleich mit der menschlichen Entwicklung

Kritisches Denken ist nicht nur gut, um die Bibel besser zu verstehen, es ist auch wichtig, um kritischen Fragen an den eigenen Glauben zu begegnen. Dies lässt sich am besten mit der Entwicklung des Menschen vergleichen.

Sammle im Vorfeld einige Zitate von Kindern (5 bis 9 Jahre), die sich auf ihre Eltern beziehen, und lege sie aus. Häufig werden Eltern in dieser Lebensphase sehr verklärt gesehen: „Mein Papa ist so stark, der kann ein Haus hochheben!“ Werden die Kinder älter, beginnen sie, die Eltern kritischer zu sehen und schließen auch negative Aspekte ein. Nun gibt es nicht nur einen schwarzen oder einen weißen Bereich, sondern schwarze und weiße und graue Bereiche. Erwachsenwerden bringt differenziertes Denken. 

Genau das sollte auch im Glauben geschehen. Das Gottesbild wird sich verändern (müssen), wenn ernste Fragen nach Leid, (scheinbaren) Widersprüchen in der Bibel oder wissenschaftlichen „Beweisen“ gegen diese kommen. Ermutige die Teilnehmer, neue Wege zu gehen und hinterfragende Gedanken zuzulassen. Wichtig ist, dass sie ihre Zweifel nicht zurückhalten, sondern ansprechen und mit der Jugendgruppe oder älteren Christen besprechen können. An dieser Stelle kannst du eine Runde machen, in der jeder (anonym) Fragen, die ihn bewegen, auf einen Zettel schreibt und diesen in eine Box wirft. Am Ende der Stunde oder in der nächsten Woche werden diese dann beantwortet.

Ermutigung

Es ist gut, die Jugendlichen zu ermutigen, ihren Glauben auf den Prüfstand zu stellen und kritisch zu hinterfragen. Denn im Laufe ihres Lebens werden sie mehr und mehr Meinungen hören, die ihren Glauben angreifen und ihre biblischen Glaubenssätze infrage stellen. Umso besser ist es, wenn sie dann bereits darauf vorbereitet sind, gelernt haben, wie sie Spannungen aushalten, und Argumente gesammelt haben, um auf immer wieder gestellte Fragen antworten zu können.

Je nach Alter der Gruppe kann es hilfreich sein, in den nächsten Wochen gemeinsam das Buch Pardon, ich bin Christ von C.S. Lewis, einem gelehrten Christen, zu lesen. Er beschreibt viele verschiedene Themen unter einem denkenden Aspekt. Lewis wollte nicht einfach blind glauben, was in der Bibel steht, sondern die Logik verstehen, aufgrund derer es in der Bibel steht. Anhand von Lewis kann man wichtige Argumente zu kritischen Themen erhalten, aber auch kritisches Denken lernen. Weitere sehr empfehlenswerte Bücher zum Thema sind: Lee Strobel – Glaube im Kreuzverhör und Josh McDowell – Die Bibel im Test

1. Erklärungen zum Text

Paulus hatte laut Apostelgeschichte 16,9 den Ruf nach Mazedonien, Griechenland, bekommen. Und so kamen sie über Philippi nach Thessalonich, heute Saloniki. Thessalonich war eine freie Stadt im Römischen Reich und eine sehr einflussreiche und bedeutende Handelsmetropole.

Paulus hielt an seiner Missionsstrategie fest, er ging zuerst zu den Juden in die Synagoge, um dort von Jesus als dem versprochenen Retter zu reden. „Einige von Ihnen“ wurden überzeugt, doch mehr Erfolg hatte er bei den gottesfürchtigen Griechen. Eine große Menge, vor allem einflussreiche Frauen, kamen zum Glauben an Jesus Christus. Doch Erfolg schafft auch Feinde. Die jüdische Gemeinde brachte durch zwielichtige Gestalten die Stadt in Aufruhr und wollte Paulus und seine Freunde anklagen. Als Hauptanklagepunkt nannten sie den gleichen Grund wie bei der Kreuzigung von Jesus: „Jesus ist König“.

Die Christen in Thessalonich gingen der Konfrontation aus dem Weg und schickten Paulus nach Beröa, etwa 50 km entfernt. Auch dort fing Paulus sofort an, in der Synagoge über Jesus, den Christus, zu reden. In Vers 11 steht ein spannender Begriff: Die Menschen in Beröa waren „edler“ (Elberfelder Übersetzung u.a.) als die Juden in Thessalonich und sie nahmen das Wort Gottes auf. Das bedeutet nicht, dass sie besser oder anständiger waren. Dieses Wort bezieht sich einzig auf ihre geistliche Offenheit. Sie waren im Herzen bereit, an Jesus zu glauben. Dies zeigt auch ihre Reaktion. Sie nahmen das Wort nicht nur auf, sondern prüften die Worte der Missionare an den Schriften, die sie schon so lange kannten.

Neben den Juden aus der Synagoge kamen auch in Beröa viele Griechen zum Glauben. Doch die Gegenwehr aus Thessalonich hielt an. Als die Aufrührer dort von Paulus Wirken in Beröa hörten, reisten sie ihm nach und versuchten, die Stadt ebenso in Aufruhr zu bringen. Wieder vermieden sie die direkte Konfrontation mit Paulus. Die Brüder schickten Paulus in Richtung Meer, damit er per Schiff nach Athen reisen konnte. Silas und Timotheus blieben in Beröa, scheinbar wandte sich der größte Zorn nur gegen Paulus selbst.

2. Bedeutung für heute

2.1 Mut und Beharrlichkeit

Zunächst einmal sind der große Mut und die Beharrlichkeit von Paulus und seinem Team zu erwähnen. Die ganze Stadt ist in Aufruhr geraten, Freunde wurden angeklagt und Paulus verfolgt. Doch ohne Verschnaufpause machen sich die Missionare auf den Weg in die Synagoge in Beröa (V.10).

Wie schnell schrecken wir zurück, wenn es mal ein wenig Gegenwehr gibt? Es kann passieren, dass Menschen über uns reden, wenn wir von Jesus erzählen; dass Veranstaltungen oder Aktionen kritisiert oder sogar angegriffen werden. Und oft fehlt uns danach der Mut, weiterzumachen.

An den Missionsreisen von Paulus lässt sich sehen, wie individuell jede Situation ist. In dieser Geschichte geht Paulus der direkten Konfrontation aus dem Weg und macht sich auf den Weg in die nächste Stadt. Trotzdem ist er nicht entmutigt, sondern bleibt beharrlich bei seiner Tätigkeit als Missionar.

  • Wie reagieren wir, wenn es Gegenwind gibt?
  • Lohnt es sich, eine Konfrontation (lateinisch confrontatio: Gegenüberstellung) einzugehen? Oder ist es klug und sinnvoll, an anderer Stelle weiterzumachen?
  • Gibt es Erfahrungen in dieser Richtung? Habt ihr schon einmal mutig weitergemacht oder eine Konfrontation vermieden?

2.2 Erfolg und Neid

Die Reaktionen der Juden aus Thessalonich sind nicht unverständlich. Erfolg ruft überall Neid hervor. Ob in Wirtschaft, Politik oder Religion. Wo Licht ist, da fällt auch Schatten.

  • Wo habt ihr Erfolg und Neid in eurer Gemeinde / eurer Jugendarbeit erlebt und wie seid ihr damit umgegangen?
  • Neid und Eifersucht kann eine große Gefahr für die EC- oder Gemeindearbeit sein. Welche Strategien sind sinnvoll, um Neid zu begegnen? Sowohl außerhalb als auch  innerhalb der Gemeindegrenze.

2.3 Prüft alles

Die Art der Menschen aus Beröa ist bewundernswert: Sie schlucken nicht einfach die „neue Lehre“, sondern prüfen die Worte der Missionare. „Sagen sie die Wahrheit, ist ihr Vorgehen und Reden von Gott richtig?“

Bezeichnend schreibt Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessalonich: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (1. Thess 5,21). Dieses Prüfen sollte für unser ganzes Leben als Christen ausschlaggebend sein. Was wir hören von anderen und auch wie wir selbst handeln und leben. Die Fragen, um etwas zu prüfen, könnten diese sein: „Folgen wir (damit) Christus nach?“ oder „Bauen wir (damit) Gottes Reich?“

  • Wie oft habt ihr schon die Aussagen z. B. einer Predigt nachgeprüft?

2.4 Weitergehende Fragen

Die Menschen aus Beröa werden als „edler/geistlich offener“ bezeichnet.

  • Wie finden wir die Menschen, die genauso aufnahmebereit sind und unser Reden von Gott für ihr Leben prüfen?
  • Ist es ein „trial & error“-Prinzip (Versuch und Irrtum), wenn man von Gott erzählt und ist Paulus bei seinen Missionsreisen so vorgegangen?

3. Methodik für die Gruppe

3.1 Konfrontationsspiel

Zwei Mannschaften treten gegeneinander an. Eine Mannschaft hat einen Gefangenen der anderen Mannschaft und muss diesen gefangen halten. Der Gefangene darf sich nicht selbst befreien oder aktiv in die Befreiungsaktion eingreifen. Die andere Mannschaft darf bei ihrem Befreiungsversuch keine Gewalt anwenden!

Jede Mannschaft hat in einem separaten Raum drei bis fünf Minuten Zeit, sich abzusprechen und eine Strategie für den gewaltfreien Angriff und die gewaltfreie Verteidigung zu überlegen. Während der Befreiung darf nicht geredet werden!

Anschließend sollte mit der Gruppe darüber gesprochen werden, ob wirklich gewaltfrei vorgegangen wurde.

Zum Bibeltext hin stellen sich die Fragen: Gibt es gewaltfreie Konfrontation? Welche Alternativen zu einer Konfrontation gibt es?

3.2 Neid

In der Bibel finden wir an zentraler Stelle das Thema Neid: im 9. und 10. Gebot aus 2. Mose 20. Dazu eine kleine Geschichte:

Hr. Stark und Mr. Schlau

Beide Männer ziehen in eine Stadt. Mr. Schlau fängt an, Bonbons zu verkaufen, dann Getränke und viele andere Waren. Er wird immer reicher, besitzt mehrere Häuser, hat großen Einfluss in der Stadt und ist sehr angesehen.

Hr. Stark arbeitet körperlich, zwar hat er keine großen Aufstiegschancen, aber er bekommt viele Muskeln. Und er findet eine Frau und heiratet sie. Mit der Frau bekommt er acht Kinder. Mr. Schlau und Hr. Stark sind in ihrer Welt und ihrem Leben glücklich!

Dann begegnen sie sich und durch Zufall beginnt ein kleiner Streit. Beide wissen nun voneinander und fangen an, über den anderen nachzudenken. Neid entsteht. Hr. Stark wird neidisch auf das Geld und den Einfluss von Mr. Schlau. Mr. Schlau wird neidisch auf die Muskeln und die Familie von Hr. Stark. Keiner von beiden kann sein eigenes Leben glücklich weiterleben. Beide begehren etwas vom anderen und fühlen sich in ihrem Leben unvollständig.

  • Wieso entsteht Neid in der Geschichte und in unserem Leben?
  • Wie können wir mit Neid in beide Richtungen umgehen? (Neid, den wir empfinden und der uns entgegengebracht wird).
  • Welche Rolle kann Gott beim Neid spielen?

3.3 Prüfen

Legt verschiedene Aussagen / Zitate aus Politik, Wissenschaft, Religion aus und versucht sie gemeinsam oder in kleinen Gruppen „geistlich“ zu prüfen, z. B.:

  • „Der Weg ist das Ziel.“ Konfuzius
  • „Was mich nicht umbringt, macht mich härter.“ Friedrich Nietzsche
  • „Bist du wütend, zähle bis vier, bist du sehr wütend, fluche.“ Mark Twain
  • „Das Leben ist kurz und seine Zeit zu verlieren ist eine Sünde.“ Albert Camus
  • Der Wissende weiß, dass er glauben muss.“ Friedrich Dürrenmatt
  • „Du kannst Dein Leben nicht verlängern und Du kannst es auch nicht verbreitern. Aber Du kannst es vertiefen!“ Gorch Fock
  • „Gott würfelt nicht.“ Albert Einstein
  • „Man hilft den Menschen nicht, wenn man etwas für sie tut, was sie selbst tun könnten.“ Abraham Lincoln
  • „Niemand kennt den Tod, es weiß auch keiner, ob er nicht das größte Geschenk für den Menschen ist. Dennoch wird er gefürchtet, als wäre es gewiss, dass er das schlimmste aller Übel sei.“ Sokrates
  • „Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“ Wilhelm Busch

Natürlich könnt ihr auch Sprüche zu einem bestimmten Thema heraussuchen. Eine Möglichkeit ist es, die Aussagen nach „biblisch falsch“, „biblisch korrekt“ und „nicht definierbar“ zu sortieren. Am Ende kann die treffendste Aussage ausgewählt und für eine Woche in eurem Jugendraum aufgehängt werden.

1. Erklärungen zum Text

1.1 Zum Kontext

Dieser Text von Paulus entstand nicht in Vorbereitung auf eine Traupredigt, sondern ist an Christen gerichtet, die gerade mächtig miteinander verstritten sind. In den Wettstreit darüber, was wohl die bedeutendsten Gaben und Erkenntnisse unter ihnen sind, macht Paulus deutlich: Was zählt ist Liebe. Liebe macht den entscheidenden Unterschied.

1.2 Was ist Liebe?

Die Worte von Paulus lassen schnell klar werden, hier geht es nicht um Schmetterlinge im Bauch, sondern um eine alles verändernde Kraft, die sämtliches Tun und Lassen beeinflusst, wertvoll und relevant macht. Das griechische Wort, dass hier für Liebe gebraucht wird (agape), kommt fast ausschließlich in der Bibel und anderer christlicher Literatur vor. Diese Liebe ist in erster Linie ein Wesensmerkmal von Gott (vgl. 1. Johannes 4,16). Gott ist „ein glühender Backofen voller Liebe“ (Luther). Die agape zeigt sich dabei nicht in überschwänglichen Gefühlen oder berauschenden Worten sondern in der Tat, in Hingabe, in mutigen Entscheidungen und in Treue. Sie wird sichtbar und in Ansätzen verständlich durch das Leben und Sterben von Jesus (siehe dazu Baustein Jesus <-> Liebe unter Punkt 3.2). Paulus legt im Text keine theoretische Begriffsbestimmung dieser Liebe dar. Er zeigt an einigen Eigenschaften, wie sie sich im Miteinander von den Menschen auswirkt, die von ihr ergriffen sind.

Um den Text richtig einzuordnen, ist wichtig zu verstehen: Diese Art von Liebe ist keine „menschliche Möglichkeit“ (de Boor). Kein Mensch kann von sich aus so lieben wie in den Versen 4-7 beschrieben. Der Weg zu dieser Liebe führt über die Verbindung mit Jesus. Wer mit ihm lebt (vgl. Joh. 15,5), in dem kann etwas von dieser Liebe heranwachsen (vgl. Gal. 5,22). Sie entsteht als Frucht im Leben der Menschen, die sich von Jesus prägen und umgestalten lassen. Paulus fordert uns heraus, die Notwendigkeit der Liebe neu zu entdecken und sich danach auszustrecken. Damals wie heute brauchen wir dringend diese Kraft in unserem Leben, damit Segen entsteht im Umgang mit anderen Menschen und ein glaubwürdiges Zeugnis der Liebe Gottes in unserem Umfeld.

2. Bedeutung für den heutigen Hörer

Mensch, das wäre doch was: Reden wie ein Prophet, Glaube, der Berge versetzt, immer den vollen Durchblick haben. Alles sicher erstrebenswert, doch für Paulus ohne das Entscheidende nutzlos. „All you need ist love“ haben schon die Beatles vor Zeiten gesungen und die meisten Menschen würden dem in gewisser Weise zustimmen, die Sehnsucht nach Liebe steckt tief in jedem von uns. Die Herausforderung: Wohl kaum ein anderer Begriff muss für so viel herhalten und wird so unterschiedlich gefüllt. Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen und sein eigenes Verständnis von Liebe zu hinterfragen.

Liebe ist ein Beziehungsbegriff. Gott möchte, dass die Beziehungen gelingen, die wir leben – die zu uns selbst, die zu anderen und auch die zu ihm. Die wichtigste Fähigkeit, die wir dazu brauchen, ist zu lieben (vgl. Mk. 12,29-31). Zu lieben, so wie er es erfunden und in Jesus vorgelebt hat. Der Text macht deutlich: Die agape-Liebe hat weniger etwas mit Gefühlsausbrüchen als mit konkreten Entscheidungen und Verhaltensweisen zu tun. Zu dieser Art zu lieben möchte Gott uns Stück für Stück befähigen, wenn wir ihn verändernd an unser Leben ranlassen. Auf diesem Weg brauchen wir Selbsterkenntnis. Dabei hilft uns dieser Text. Jede einzelne Aussage ab Vers 4 lädt uns ein zur ehrlichen Bestandsaufnahme:

  • Wo fehlt mir die Geduld („langmütig“) im Umgang mit anderen Menschen?
  • Welche Rolle spielen Neid und Eifersucht („eifert nicht“)?
  • Wo versuche ich groß dazustehen („bläht sich nicht auf“)?
  • Wo steht im Vordergrund, was für mich heraus springt („sucht nicht das Ihre“)?
  • Wie gehe ich mit Fehlern anderer um („rechnet das Böse nicht zu“)? 
  • Wieviel Mut habe ich zur Wahrheit, auch dort, wo sie herausfordernd ist („freut sich an der Wahrheit“)?

Diese und ähnliche Fragen können uns helfen zu entdecken, wo wir Veränderung brauchen. Was mit Ehrlichkeit vor mir selber und anderen beginnt, darf sich mit der Bitte um Veränderung und mutigen Entscheidungen fortsetzen. Wo kann ich in den kommenden Tagen mit kleinen Schritten agape-Liebe einüben?

  • Welchen Gedanken möchte ich in der kommenden Woche keinen Raum mehr geben?
  • Wo möchte ich mich noch heute zum Vergeben entscheiden, um nicht zu verbittern und das Böse nicht aufzurechnen?
  • Was möchte ich tun, ohne dass etwas für mich dabei herausspringt?

Wer sich auf diesen Text einlässt, entdeckt, wie dringend wir die Power von Jesus brauchen, damit unsere Beziehungen gelingen.

3. Methodik für die Gruppe

3.1 Einstieg

Baustein: Liebe ist …

In Anlehnung an die bekannten „Liebe ist …“-Zeichnungen sollen die Teilnehmer eigene kleine Zeichnungen entwerfen oder den Satz auf einem A4-Blatt durch eigene Worte vervollständigen. Die Ergebnisse werden ausgestellt und die Teilnehmer dürfen zu den Aussagen der anderen Stellung beziehen.

Baustein: Skaling Zitate

Google einige Zitate zum Thema Liebe und drucke sie jeweils auf ein A4-Blatt. Versehe sie außerdem mit einer Skala von 0-10 und hänge sie im Raum auf. Dann können die Teilnehmer auf der Skala bewerten, wie sehr sie dieser Aussage zustimmen. Spannend wird es, wenn sehr unterschiedliche Bewertungen vorgenommen werden. Dann lohnt sich natürlich die Frage nach den Gründen. Alternativ kann jeder Teilnehmer sich zu dem Zitat stellen, dem er am meisten zustimmt, dass ihn am meisten interessiert oder irritiert. Auch hier kann sich ein interessantes Gespräch über das Verständnis von Liebe ergeben.

3.2 Erarbeitung

Lest gemeinsam den Bibeltext. Folgende Fragen können euch helfen, darüber ins Gespräch zu kommen:

  • Wie redet Paulus von Liebe? Welche Aussagen finden sich in dem wieder, was ihr in der Anfangsphase erarbeitet habt? Was ist anders?
  • Was meint Paulus mit der Formulierung „nichts nütze“ (Vers 3)? Wie sehr könnt ihr dieser Aussage zustimmen, warum?
  • Wie sieht Liebe aus, die „Mutwillen“ treibt?
  • Liebe ist langmütig – wo braucht ihr im Alltag „langen Mut“?
  • Lieben heißt geben und nehmen, oder? Wie verhält sich diese Aussage zu den Worten von Paulus „sie sucht nicht das ihre“?
  • Welche Gedanken löst Vers 7 in euch aus? Was hat Paulus wohl bewogen, so absolut zu formulieren? Kann Liebe grenzenlos sein?

Baustein: Jesus <-> Liebe

Um zu verstehen, dass Jesus wie kein anderer mit seinem Leben und Sterben Ausdruck der agape-Liebe ist, wird in den Versen 4-7 das Wort „Liebe“ durch „Jesus“ ersetzt. Wenn der veränderte Text den Teilnehmern schriftlich zur Verfügung gestellt wird, kann sich eine folgende Gesprächsrunde anschließen:

  • Welche Erlebnisse im Leben von Jesus bestätigen diese Aussagen?
  • Was möchtest du spontan von Jesus lernen?
  • Wie könnte eine Umsetzung in der nächsten Woche konkret aussehen?

Baustein: agape ist …

Um herauszufinden, wie im NT der Begriff Liebe gefüllt wird, lohnt sich ein Blick auf verschiedene biblische Aussagen. Gebt der Gruppe Raum, mit Hilfe einer Konkordanz beschreibende Aussagen der Bibel zur agape zu finden. Die Ergebnisse werden stichwortartig mit Moderationskarten gesammelt und für alle sichtbar gemacht. Was wird über diese Liebe gesagt und was dazu, wie sie in unser Leben kommt? Welche Gedanken fordern am meisten heraus, warum?

3.3 Abschluss

Baustein: Ich nehme eine Frucht

In Galater 5,22-23 wird die agape-Liebe als Frucht bezeichnet, die Gott in unserem Leben wachsen lassen möchte. Eine Lesart des griechischen Textes lässt zu, die Liebe nicht als eine von vielen Früchten zu verstehen sondern als die eine Frucht, die durch die folgenden Wörter näher beschrieben wird. Nehmt für diesen Baustein verschiedene Früchte und beschriftet sie mit einem Aufkleber mit den Worten dieses Verses (Friede, Geduld, Sanftmut,…). Die Frage für die Gruppe: Welche Teilfrucht würdet ihr heute am liebsten sofort ergreifen, warum? Betet gemeinsam füreinander, dass Gott die Liebe in diesem Bereich spürbar wachsen lässt. Überlegt, was ihr selbst tun oder lassen könnt, damit die Liebe so erlebbar wird für andere in eurem Umfeld. Zum Schluss gibt’s natürlich leckeren selbstgemachten Obstsalat.

1. Erklärungen zum Text

Kapitel 8 des Sprüche-Buches steht innerhalb der Weisheitsreden (Spr 1,8-9,18). Hier tritt die Weisheit selbst auf, sie spricht und ermahnt. Zu Beginn des Kapitels lädt die Weisheit die Menschen ein, ihr zu folgen und gibt auch gute Gründe dafür an (V.1-21). In unserem Abschnitt wird die Autorität der Weisheit damit begründet, dass sie schon von Anfang an bei Gott war, noch bevor die Erde war. Somit ist sie das allererste Geschöpf. Interessant ist, wie die folgenden Verse dem Schöpfungsbericht in 1. Mose 1 entsprechen. Die Erde (V.23) wurde am ersten Tag erschaffen, die Wasser (V.24) am zweiten Tag und das Land (V.25.26) am dritten Tag.
Die Weisheit ist bei der Erschaffung der Welt, sowie bei der Erschaffung der Menschen, anwesend (V.27-31). Sie wird als Liebling Gottes, als sein Kind bezeichnet. Die Weisheit steht also in enger Beziehung zum Schöpfer. Ebenso hat die Weisheit aber auch eine Nähe zu den Menschen, sie freut sich über sie. Als ein Geschöpf Gottes spiegelt die Weisheit wohl Gottes Liebe zu den Menschen wider. Im letzten Abschnitt (V.32-36) fordert die Weisheit dazu auf, ihr Wort zu hören und ihrem Rat zu folgen. Der Mensch soll eine Entscheidung treffen. Wer sich für die Weisheit entscheidet, erwartet Lebensglück. Die Weisheit führt zum Leben. Doch wer sich gegen die Weisheit entscheidet, entscheidet sich auch gegen das Leben. Zwischen Heil und Unheil kann der Mensch wählen. Der Weg entscheidet sich in seinem gelebten Verhältnis zur Weisheit.

Die Weisheit und Jesus

In der Kirchengeschichte wurde die Weisheit in Sprüche 8 immer wieder auf Jesus angewandt. Johannes 1 erzählt, wer im Anfang bei Gott war, nämlich Jesus selbst. Außerdem wird Jesus im NT mehrmals als die Weisheit bezeichnet (siehe Lk 11,49 und 1. Kor 1,24). Wendet man die letzten beiden Verse aus Sprüche 8 auf Jesus an, so empfängt jeder, der ihn findet, ewiges Leben und erlangt das Wohlgefallen Gottes (vgl. Joh 8,51; 1. Joh 5,12). Aber die, die Jesus verfehlen, zerstören ihr Leben und die, die ihn hassen, lieben den Tod (vgl. Joh 3,36b). Zur Zeit der Sprüche rief die Weisheit Gottes den Menschen und lud ihn dazu ein, an ihren Segnungen teilzuhaben. Heute ist es der Sohn Gottes selbst, der jeden Menschen einlädt, durch ihn wahres Leben zu finden.

2. Bedeutung für heute

Die Menschen strebten schon immer nach Weisheit. Der Mensch braucht Weisheit, um zu wissen, wie er handeln soll. Weisheit gibt Gewissheit, dass man auf dem richtigen Weg ist. Die Weisheit hängt eng zusammen mit der Wahrheit. Denn: Was wahr ist, ist richtig. Was wahr ist, dem folgen wir. In Zeitungen, im Fernsehen, in der Wissenschaft: Überall begegnen uns sogenannte Weisheiten und Wahrheiten. In Horoskopen können wir nachlesen, wie wir uns verhalten sollen. Sie geben uns scheinbar Antworten für unser Liebes- und Arbeitsleben und sagen, was wir für unser Glück tun können. In den Nachrichten sehen wir immer wieder neue Meldungen über Kriege, die im Namen der Wahrheit, im Namen der Religion, geführt werden. Die verschiedenen Religionen beanspruchen die Wahrheit für sich. Wissenschaftler sind auf der Suche nach der Wahrheit über den Ursprung der Welt und des Lebens. Immer wieder werden neue Wahrheiten und Weisheiten entdeckt und der Welt mitgeteilt. Sogar die Werbung arbeitet mit Weisheiten: Kaufe dieses Produkt, dann geht es dir gut. Hast du diesen Artikel, so lebst du glücklich. Werbesprüche sind voll von Scheinweisheiten, die zum Kauf anregen sollen.

Doch was ist nun wirklich war? Auf welche Weisheit können wir uns verlassen? Welcher Rat hilft uns im Leben? Worauf sollten wir lieber nicht hören? Liest man den Bibeltext aus Sprüche 8 wird klar: Die Weisheit war von Anfang an bei Gott. Somit ist Gott der Ursprung der Weisheit. Gott ist die Quelle der Weisheit. Er beansprucht für sich, die Weisheit zu haben. Nur wenn wir auf seine Weisheit vertrauen und ihr nachfolgen, können wir ein gelungenes Leben führen. Gott möchte unsere Quelle der Weisheit sein. Menschliche Weisheit basiert immer auf Meinungen, Überzeugungen, Ratschlägen. Je nachdem, wen man fragt, in welcher Zeitung man liest und womit man sich beschäftigt, erhält man andere Antworten, einen anderen Ratschlag und eine andere Weisheit. Göttliche Weisheit hingegen gründet sich schlussendlich in einer Person: Jesus Christus. ER, als Teil der göttlichen Trinität, wird im Neuen Testament immer wieder als die Weisheit beschrieben. Wer IHM vertraut, findet das Leben. Wer seinem Beispiel folgt und seinen Rat annimmt, der kann ein glückliches Leben führen. Gott selbst und sein Wort möchten uns ein Ratgeber und ein Helfer in unseren Fragen des Lebens sein.

3. Methodik für die Gruppe

3.1 Einstieg

Zu Beginn werden ausgedruckte Zitate zum Thema Weisheit in der Mitte ausgelegt. (Zahlreiche Zitate findet man auf: http://www.aphorismen.de). Jede Person sucht sich einen Spruch aus, der sie anspricht. Nun sprecht ihr in der Runde über eure ausgewählten Zitate. Jeder erklärt, warum er diesen Spruch gewählt hat und was Weisheit für ihn bedeutet.

Tauscht euch über folgende Fragen aus:

  • Wo begegnet euch in eurem Leben Weisheit?
  • Wen fragt ihr, wenn ihr einen Ratschlag und Hilfe benötigt?
  • Gibt es einen besonders weise Menschen in eurem Umfeld? Was macht ihn/sie weise?
  • Fallen euch Situationen ein, in denen ihr besonders weise oder unweise gehandelt habt? Was waren die Auswirkungen der Entscheidungen?

3.2 Erarbeitung des Bibeltextes

Lest den Text gemeinsam laut vor. Danach darf jeder einzelne Wörter, Verse oder Versteile, die ihm wichtig geworden sind, laut in den Raum sprechen. Wichtig ist, dass das Gesagte und der Text dabei nicht kommentiert werden. Nun wird der Text nochmals von einer Person vorgelesen. Lasst den Text für einige Minuten in der Stille auf euch wirken. Danach darf jeder etwas zu den Worten sagen, die ihm wichtig geworden sind. Es sollen auch Fragen und Unklarheiten zum Text zur Sprache kommen, diskutiert und geklärt werden.

Mögliche Fragen zum Text:

  • Wie beschreibt sich die Weisheit im Text selbst und welche Rolle spielt sie bei der Schöpfung?
  • In welchem Verhältnis steht die Weisheit zu Gott, in welchem steht sie zu den Menschen?
  • Warum ist es für den Menschen wichtig auf die Weisheit zu hören? Was sind die Folgen, wenn man die Weisheit nicht beachtet?

3.3 Vertiefung

Teilt euch in zwei Gruppen auf. Eine Gruppe beschäftigt sich mit menschlichen Weisheiten, die andere Gruppe beschäftigt sich mit göttlicher Weisheit. Fertigt zu eurem Thema jeweils ein Plakat an.

Gruppe 1 – menschliche Weisheiten:

Wo begegnen euch im Alltag und in den Medien Ratschläge und Weisheiten (z.B. Werbung, Wissenschaft, Horoskope)?
Sucht in Prospekten und Zeitungen nach Bildern, Zitaten, Sprüchen, Artikeln, usw. zum Thema Weisheit.

Gruppe 2 – göttliche Weisheit:

Was macht göttliche Weisheit aus?
Kennt ihr Bibelstellen, in denen Gott Ratschläge und Regeln gibt, die uns helfen weise zu handeln?
Sucht nach Bibelstellen, in denen etwas über Weisheit ausgesagt wird. Beachtet auch die Verbindung der Weisheit mit der Person Jesus. Für Nachforschungen sind eine Bibelkonkordanz, ein Bibellexikon oder/und eine Studienbibel hilfreich.
Bringt die Bibelstellen oder Themen zur Weisheit aus der Bibel auf euer Plakat. Ihr könnt auch passende Bilder aus Zeitschriften dazu ausschneiden.

Stellt euch dann die Plakate vor und diskutiert über die Unterschiede zwischen menschlicher und göttlicher Weisheit.

3.4 Konkretion für den Alltag

Folgende Fragen können im Stillen oder in der Runde noch bedacht oder besprochen werden:
1. Was hilft dir dabei, dich nach der göttlichen Weisheit zu richten und ihrem Weg zu folgen, was hindert dich?
2. Welche Schritte möchtest du konkret tun, um weise zu handeln?
 
Alternativ dazu kann ein Zettel mit den beiden Fragen ausgeteilt werden – mit der Aufgabe, sich darüber in der nächsten Woche Gedanken zu machen.

1. Erklärungen zum Text

Intrige (6,1-4)

Nehemia vermutet hinter dem Gesprächsangebot den Versuch, ihn in einen Hinterhalt zu locken und zu ermorden, um in seiner Abwesenheit die führungslose Stadt angreifen zu können. Das Tol Ono galt als „neutral“, lag aber ca. 30 km von Jerusalem weg. Nehemias Feinde fürchteten um ihren Einfluss in der Region.

Erpressung (6,5-9)

Ein „offener Brief“ hatte damals die gleiche Funktion wie heute: Möglichst viele sollten ihn lesen, damit sich der Inhalt herumspricht und der Empfänger unter Druck gerät. Der erhobene Vorwurf war geschickt gewählt: Judäa galt schon immer als aufrührerisch. Dass hier wieder mal ein Aufstand beginnt, war aus Sicht der persischen Machthaber nicht unwahrscheinlich. Zwei Dinge retteten Nehemia vermutlich: Sein Gottvertrauen und das Vertrauen, das er sich als Mundschenk des Königs erworben hatte. Beides ermöglichte ihm, gelassen auf diese Anschuldigungen zu reagieren.

Versuchung (6,10-14)

Auch diese Aktion war geschickt initiiert: Nur Priester durften den Innenraum des Tempels betreten (4. Mose 18,7). Wäre Nehemia der Aufforderung gefolgt, hätte er zwei Dinge deutlich gemacht: 1. Er traut seinen Gegnern zu, selbst in Jerusalem handeln zu können. 2. Er traut Gott nicht zu, ihn zu beschützen, missachtet deshalb sogar Gottes Gebot. Nehemia tappt nicht in diese Falle.

Fertigstellung der Mauer (6,15-19)

Die Mauer ist in unglaublich kurzer Zeit fertiggestellt worden. Diese Tatsache verdeutlicht: Hier waren nicht nur motivierte und geschickte Menschen am Werk, sondern auch Gott, der Kraft, Mut und Weisheit geschenkt hat. Das bemerken auch die Feinde – und werden sehr nervös. Dieser Gott scheint stärker zu sein als ihre Götter, kein gutes Gefühl … Meschullam war einer der führenden Mauerbauer (Neh 3,4.30). Das bedeutet: Nehemias Feinde waren gut vernetzt, bis in die Stadt hinein. Meschullam war vermutlich hin- und hergerissen, versuchte vielleicht erfolglos zu vermitteln.

Sicherheitsvorkehrungen (7,1-3)

Nehemia lehnt sich auch nach Fertigstellung der Mauer nicht zurück, sondern kümmert sich weiter um die Sicherheit der Stadt. Genug Wachen zu finden, war vermutlich nicht leicht (vgl. Neh 7,4).

2. Bedeutung für den heutigen Hörer

Vorbemerkung: Es ist gut, Bibeltexte mit dem eigenen Leben ins Gespräch zu bringen. Dann entfalten sie ihre Kraft, fordern uns heraus – und oft macht Gott uns durch diese alten Texte Dinge klar, die für uns heute wichtig sind. Die Gefahr ist aber, dass wir uns mit den Personen im Text auf eine Stufe stellen, hier z.B. mit Nehemia. Dann vermuten wir hinter jeder kritischen Anfrage außerhalb unserer Gemeinde einen Angriff, der uns von unserer Berufung wegbringen soll. Mir ist deshalb wichtig: Auch wenn wir uns in manchen Aspekten der Nehemia-Geschichte vielleicht wiederfinden – wir sind nicht Nehemia! Wir leben in einer völlig anderen Situation.

Zwei Fragen bewegen mich bei Nehemia:

Wie finde ich meine Berufung? Und wie lebe ich sie dann?

Die erste Frage kommt am Anfang des Buchs zum Tragen. Einige kurze Gedanken: Nicht jeder Christ braucht permanent eine besondere Berufung! Nehemias Jerusalem-Einsatz dauerte z.B. nur ca. zwölf Jahre. Paulus sagt außerdem: „Jeder Christ ist berufen!“ (vgl. z.B. 1. Kor 1,1.2.9). Wozu wir berufen sind bzw. welche Aufgaben sich mit dieser Berufung verbinden, findet ihr z.B. in diesen Bibelstellen: Matthäus 28,19.20; Micha 6,8; Markus 12,28-34; Römer 8,29-39; Galater 5,13; Kolosser 3,15; 1. Timotheus 6,12; 2. Korinther 5,18-20.

Besondere Berufungen finden meist uns, nicht umgekehrt. Wir können nur versuchen, offen für sie zu sein (vgl. Kap. 1 und 2). Mögliche Schritte dazu:

1. Interesse zeigen für das, was in der Welt vor sich geht (Neh 1,1-3)

2. Die Not an mich heranlassen (1,4)

3. Gott die Not klagen (1,5-11)

4. Die Not nicht verstecken (2,1-3)

5. Meine Möglichkeiten nutzen (2,4-10).

Die zweite Frage wird in „unserem“ Text aufgenommen.

Wer seiner Berufung folgen möchte, wird oft Nein sagen müssen (6,1-4)

Vier Einladungen bekommt Nehemia, viermal sagt er ab. Es hätte bestimmt gute Gründe gegeben, zu den Verhandlungen zu erscheinen. Doch er sagt: „Ich habe ein großes Werk auszurichten. Ich kann nicht kommen!“ Für uns kann das heißen, dass wir Aufgaben (auch in der Gemeinde oder im EC!) auch mal nicht übernehmen. Eine hilfreiche Frage kann sein: „Ist dies oder jenes so wichtig, dass ich dafür meine Berufung hinten anstelle?“ (Das ist aber kein Freibrief, sich um unangenehme Aufgaben zu drücken!).

Wer seiner Berufung folgt, wird Gegenwind bekommen (6,5-9)

Wer einer Berufung folgt, möchte meistens etwas verändern. Es gibt immer Menschen, die gerne alles so lassen möchten, wie es ist. Gegenwind ist also normal und nicht ein Zeichen dafür, auf dem Holzweg zu sein.

Wer seiner Berufung folgt, wird sich manchen Ängsten stellen müssen (6,10-14)

Wenn wir unserer Berufung folgen, werden wir an Grenzen stoßen. Grenzen, die uns von anderen gesetzt werden (sollen), aber auch Grenzen in uns selbst, die häufig von Ängsten markiert werden. Auch hier gilt: Es ist normal, dass solche Phasen kommen! Wir können dann nur hoffen, dass wir wie Nehemia erkennen, wenn die Ängste nicht von Gott kommen und dann Menschen um uns haben, die uns zuhören, uns Mut machen, uns unterstützen und für uns beten. Meine Erfahrung: Gerade in solchen Phasen hilft ein Mentor oder ein Seelsorger sehr!

Wer seiner Berufung folgen möchte, braucht gute Ratgeber und Mitarbeiter (7,1-3)

Wir brauchen Menschen, die uns wohlgesonnen sind, uns begleiten, beraten und kritisch hinterfragen dürfen – auch und gerade dann, wenn wir uns absolut auf dem „richtigen Weg“ fühlen. Und die uns den Rücken stärken, wenn wir von vielen Seiten angegriffen werden.

Wer seiner Berufung folgen möchte, kann Segen erleben (6,15-19)

In diesem Text sehe ich auch eine Verheißung: Wer Gottes Berufung folgt, kann Segen erleben. Selbst dort, wo es vorher nie für möglich gehalten wurde! Dann gilt es, die Balance zu halten: Menschen ehren, die sich eingesetzt haben; stolz sein, auf das, was ich mit Gottes Hilfe geschafft habe; und deutlich machen: Letztlich ist dieser Erfolg vor allem eines: ein Geschenk Gottes!

3. Methodik für die Gruppe

3.1 Einstieg

Zitate zum Thema „Berufung“ werden ausgedruckt und auf den Boden ausgelegt (via Google findet ihr schnell brauchbare Zitate).

Zunächst gehen alle durch den Raum und lesen die Zitate. Anschließend stellt sich jeder zu einem Zitat, das er seltsam findet. Reihum werden die gewählten Zitate kommentarlos vorgelesen. In einer zweiten Runde stellt sich jeder zu einem Zitat, das er gut findet. Wieder werden die gewählten Zitate kommentarlos vorgelesen.

Anschließend wird der Bibeltext vorgelesen und z.B. mit den Worten eingeleitet: „Heute geht es um Nehemia. Er hatte die Berufung, die Mauer in Jerusalem wieder aufzubauen. Das hat er dabei erlebt:“

3.2 Gruppenphase

Es werden drei Gruppen gebildet. Jede Gruppe beschäftigt sich mit einem Bibelabschnitt: 6,1-4 | 6,5-9 | 6,10-14.

Fragen für die Gruppen

  • Wie versuchen die Gegner Nehemias in eurem Textabschnitt, ihn zu „besiegen“?
  • Wie reagiert Nehemia darauf?
  • Kennt ihr ähnliche Situationen aus eurem Leben/in eurem Umfeld?
  • Was könnt ihr von Nehemia lernen, bei den Situationen, die ihr gerade beschrieben habt?

Ergebnisse zusammentragen

Jede Gruppe stellt ihr Ergebnis vor.

3.3 Vertiefung

Mit den Gedanken der beiden oberen Abschnitte könnt ihr einen kleinen Impuls zum Thema „Berufung“ geben und mit Nehemias Erlebnissen verknüpfen. Ausgehen könnt ihr von dem Gedanken, dass jeder Christ berufen ist (s.o.) und dann die fünf Sätze vorstellen, erklären und zur Diskussion stellen.

Endet mit einer Gebetsrunde, in der ihr füreinander und für eure Berufungen betet.

Wähle dein Team!

Wähle das Team, für das du jetzt Materialien suchst, oder auf dessen Materialien du zugreifen möchtest.

Du kannst jederzeit oben rechts über das Team-Menü ein anderes Team auswählen.

Wechsel zu deinem Konto