Festhalten und loslassen: Warum Wurzeln und Flügel wichtig sind

»Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.«

Diesen Spruch habe ich als Teenager irgendwo aufgeschnappt und fand ihn spontan großartig. Wurzeln als Symbol für festen Halt im Leben, Heimat, Sicherheit und das Wissen, dass immer jemand für das Kind da ist. Wurzeln sind die Voraussetzung dafür, dass eine Pflanze die Nährstoffe aus dem Boden ziehen und wachsen kann. Außerdem sorgen Wurzeln dafür, dass Bäume auch bei Stürmen standhalten und nicht einfach umfallen. Flügel stehen für Freiheit, Abenteuer, für das Loslösen und Abnabeln. Irgendwann gehen auch Kinder ihren eigenen Weg, aber wenn sie Flügel haben, dann sind sie der Freiheit nicht einfach ausgeliefert, sondern haben das richtige Equipment, um sie zu nutzen.

Als Teenager fand ich das total einleuchtend. Schließlich erlebte ich genau das gerade selbst: Meine Eltern waren immer für mich da, aber nach und nach entließen sie mich auch in die Freiheit, sorgten dafür, dass ich Flügel bekam. Nicht umsonst heißt es ja etwas altmodisch, dass die Kinder in der Pubertät flügge werden. So nennt man das, wenn Vögel fliegen lernen. Ich wurde also flügge, auch weil meine Eltern meine Selbstständigkeit unterstützten. Das war schön, weil ich abends länger unterwegs sein durfte, und es war anstrengend, weil ich mir einen Ferienjob suchen sollte. Und genau das ist es: schön und anstrengend.

Jetzt, viele Jahre später, halte ich unseren Sohn in den Armen. Er ist noch kein Jahr alt, also absolvieren wir als Eltern erst mal das Wurzelprogramm: Urvertrauen aufbauen und diesem kleinen, abhängigen Wesen beistehen, egal ob ein Pups quersteckt, die Nase verstopft ist oder einfach ein Anflug von Weltschmerz sich in verzweifeltem Gebrüll entlädt. Ich merke: Es ist schön, weil man eine unglaublich große Liebe für dieses große Wunder fühlt und es ist anstrengend, weil die komplette Abhängigkeit dazu führt, dass man als Bezugsperson einfach immer, wirklich immer, da sein muss.

Gleichzeitig ist es erschreckend, wie früh das Flügelprogramm startet. Genau genommen geht es für die Mutter schon mit der Geburt los: das erste große Loslassen. Irgendwann kommt der erste Babysitter-Moment, der erste Schritt, den das Kind ohne Hilfe läuft, der erste Tag in der KiTa, das erste Mal, dass das Kind bei Oma, Opa oder Freunden übernachtet – und die Flügel wachsen! Gleichzeitig wachsen aber auch die Wurzeln. Das klingt erst mal widersprüchlich, aber in der Kindheit entstehen Wurzeln und Flügel gleichzeitig. Durch jeden Schritt, den das Kind an der Hand der Eltern geht, wächst das Vertrauen in die Menschen, die sich kümmern, aber auch das in die eigene Person – Wurzeln und Flügel!

Schließlich haben Eltern immer weniger die Kontrolle, was ihre Kinder essen, wohin sie laufen, wie sie ihr Leben gestalten. In vielen Eltern schürt das Ängste, weil vieles passieren kann, was dann nicht nur dem Kind, sondern auch den Eltern großen Schmerz bereitet. Die erste Beule, die das Kind sich beim Laufenlernen holt, tut den Eltern mindestens genauso weh wie dem Kleinen. Die Schwierigkeit liegt darin, die eigenen Eltern-Ängste zurückzustellen und das Kind machen zu lassen. Das ist das, was sogenannte Helikopter-Eltern nicht gut können, weil sie sich davor fürchten, was alles passieren kann. Sie kennen ihr Kind am besten und möchten deshalb auch sicherstellen, dass es unter den besten aller möglichen Bedingungen aufwächst. Das ist ja erst mal gut, führt aber zu ziemlich absurden Situationen: Unmittelbar vor der Schule stauen sich die Autos, Eltern organisieren Praktikumsplätze für ihre Kinder, sind sogar beim Gespräch mit dem „Prof“ an der Uni dabei. Auch in den Gruppenstunden gibt es besonders engagierte Eltern, die ihre Kinder wirklich umschwirren wie ein Helikopter, oder bei körperlicher Abwesenheit die Überwachung per Smartphone fortsetzen.

Was sind unsere eigenen Wurzel- und Flügelerfahrungen? Haltet euch eine konkrete Situation vor Augen, die euch in besonderem Maße Wurzeln oder Flügel verliehen hat. Es lohnt sich, diese Gedanken kurz schriftlich festzuhalten. So können wir unseren eigenen Prägungen auf die Spur kommen. Sind wir in großer Freiheit großgeworden? Hätten wir uns manchmal mehr Halt gewünscht? Erwächst unser Selbstbewusstsein genau aus der richtigen Wurzel-Flügel-Mischung, die uns unsere Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen mitgegeben haben?

Genau diese Gedanken können wir uns auch über unsere Teilnehmerinnen machen: Wie erleben wir sie? Wo vermuten wir, dass sie mit viel Freiraum groß werden, wo fehlt dieser vielleicht? Viele Eltern kennen wir auch persönlich, sodass sich schon ein größeres Bild zusammenfügt. Natürlich werden wir auch Mütter und Väter erleben, die übervorsichtig sind, aber auch solche, die ihren Kindern keine festen Wurzeln geben können. Jugendarbeit deckt oft eine große Bandbreite an ganz unterschiedlichen sozialen Milieus ab. Das ist eine riesengroße Chance, allerdings eine, die uns auch oft einen großen Spagat abverlangt. Während die einen schon die Radtour mit Freibad- Besuch mit einer langen Frageliste torpedieren, vergessen die anderen, ihren Kindern Schwimmsachen mitzugeben.

Hier ein paar Tipps, um den verschiedenen Eltern zu begegnen:

Grundsätzliches:

Ihr seid Anbieter einer Freizeitaktivität. Dazu gehört auch, dass ihr verlässlich und transparent seid. So zerstreut ihr schon mal die Bedenken im Vorfeld, ob das Kind im CVJM tatsächlich gut aufgehoben ist. Dazu gehört:

  • Auf jede neue Teilnehmerin gezielt zugehen, sie schnell einbinden und mit grundlegenden Informationen versorgen, denn nicht alle Eltern wissen, wie der CVJM in eurem Ort funktioniert und wer die Ansprechpartner sind. Fragt, wenn eine neue Teilnehmerin da ist, ob sie gerne wiederkommen möchte. Wenn ja, gebt ihr ein Starterkit in die Hand, in dem Folgendes enthalten sein sollte:
  • Ein kleines Werbeschreiben eurer Gruppe: Wer seid ihr, warum seid ihr toll, was macht euch aus? Die Gruppe vermittelt christliche Werte, hilft den Mädchen, soziale Kompetenzen weiterzuentwickeln, stärkt das Selbstbewusstsein, ist ein spielerischer Ausgleich zum leistungsorientierten Schulalltag… Seid selbstbewusst und zählt eure Stärken auf.
    • Kontaktdaten der Gruppenleiterin: Wie können euch die Eltern erreichen? Handynummer und eine Mailadresse, die auch regelmäßig abgerufen wird.
    • Einen schriftlichen Anmeldebogen, den das Mädchen beim nächsten Mal ausgefüllt mitbringen soll. So habt ihr auch Kontaktdaten der Eltern und könnt euch bei ihnen melden, wenn etwas sein sollte.
    • Informationen über den CVJM mit Kontaktdaten der Vorsitzenden.
    • Kurze, aber solide Informationen über euer Kinderschutzkonzept.
  • Jugendarbeit ist immer auch Elternarbeit. Gebt frühzeitig Informationen über ein besonderes Programm und Ausflüge heraus und ladet auch die ganze Familie zu CVJM-Aktionen ein. Vielleicht feiert ihr mal ein Fest, zu dem ihr bewusst die Mädchen und die Mütter einladet?

Helikoptereltern:

Wenn sich Eltern schwer damit tun, anderen Menschen ihre Kinder anzuvertrauen, bedenkt zuerst, dass das daran liegt, dass sie ihre Kinder sehr lieben. Habt Verständnis dafür, dass es ihnen schwerfällt, die Mädchen loszulassen. Macht ihnen aber gleichzeitig Mut und erklärt immer, wofür das, was ihr tut, gut ist. Es hilft schon, wenn die Eltern wissen, mit wem sie es zu tun haben und dass ihr wisst, was ihr tut. Natürlich lebt Jugendarbeit auch vom lebendigen Chaos, aber ein Mindestmaß an Organisation und Verlässlichkeit ist unentbehrlich. Dabei geht es nicht nur darum, den Eltern zu gefallen, sondern darum, eine gute Jugendarbeit zu machen. Eltern, die nur Chaos und Unbeholfenheit wittern, werden Schwierigkeiten haben, euch ihre Kinder anzuvertrauen.

Auch wenn ihr vielleicht ein junges Mitarbeiterteam seid: Tretet selbstbewusst auf. Erzählt den Eltern auch von den Jugendleiter-Schulungen (Juleica), die ihr absolviert habt. Macht den Eltern deutlich, dass die Gruppenzeit unter eurer Regie steht: Sie ist der Raum, in dem sich die Mädchen frei entfalten sollen. Deshalb besteht drauf, dass die Eltern sich da raushalten. Erklärt ihnen, was geplant ist und wie euer Notfallplan aussieht, dann sind sie oft schon beruhigt. Eltern, die während der Gruppenzeit die Kinder anrufen oder sich beschweren, dass sie die Nachrichten nicht beantworten, was es zum Abendessen geben soll, müssen darauf verwiesen werden, dass während der Gruppenstunde handyfreie Zeit ist.

Eltern, die sich wenig um ihre Kinder kümmern:

Es gibt auch das genaue Gegenteil von Helikoptereltern: Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, sie anschreien, weil sie mit sich und/oder ihren Kinder überfordert sind. Oft werden solche Eltern kritisch beäugt und auch in die Schule einbestellt. Die meisten von ihnen fallen durch soziale Raster und haben mit sich selbst eigentlich genug zu kämpfen. Ursachen hierfür können eine chronische Krankheit, Arbeitslosigkeit, Sorgen, Sucht, Beziehungsprobleme oder etwas anderes sein. Natürlich ist es nicht in Ordnung, deshalb die Kinder zu vernachlässigen, aber die Eltern dieser Kinder sind vielleicht am Rande ihrer Kräfte oder haben als Schutzmechanismus eine beängstigende Gleichgültigkeit entwickelt. Sie schaffen es nicht, ihren Kindern Wurzeln zu geben, sodass die Kinder oft sehr schnell selbst Flügel entwickeln und die Freiheit suchen. Diese Freiheit ist dann aber nicht unbedingt heilsam, sondern führt zu Problemen und Ärger.

Hier seid ihr als Mitarbeiterinnen ganz besonders mit eurem Fingerspitzengefühl gefragt. Erst einmal ist es wichtig, dass die Mädchen sich bei euch willkommen fühlen, auch mit ihren Problemen und Schwierigkeiten. Im Umgang mit den Eltern könnt ihr vermutlich nicht viel machen, außer vielleicht vor dem Ausflug noch einmal daran zu erinnern, was alles eingepackt werden soll. Wenn die Eltern wenig Geld haben, könnt ihr ehrlich aber diskret finanzielle Zuschüsse bei Freizeiten anbieten.

Wirklich wichtig ist, dass Mädchen aus Elternhäusern, in denen ihnen keiner Wurzeln geben konnte, bei euch erahnen, wie das gehen könnte. Ihr könnt nicht alles ausgleichen, was im Elternhaus schief läuft, aber ihr könnt zeigen, dass es auch anders geht und dass es immer Hoffnung und Veränderung gibt. Genau das ist die Kernbotschaft des Evangeliums. Wenn ihr das Gefühl habt, die Mädchen sind Gewalt ausgesetzt, dann handelt nach dem Kinderschutzkonzept eures CVJM. Hier habt ihr natürlich eine Verantwortung, die ihr aber auf keinen Fall allein tragen könnt. Auch hier hilft es den Mädchen, wenn sie in eurer Gruppe einen Ort haben, an dem sie sich geborgen fühlen und wenn sie euch als Mitarbeiterinnen und Menschen erleben, denen sie vertrauen können.

Für beide Eltern gilt:

Ehrliche Wertschätzung ist für die Eltern wichtig. Das heißt: Ihr müsst ihnen keine falschen Komplimente machen und auch nichts schönreden, was ihr eigentlich eher kritisch seht. Den Eltern gegenüber Respekt bezeugen für das, was sie leisten, ist in erster Linie eine Haltungsfrage, die sich dann auch konkret im Kontakt äußert. Sagt den Helikoptereltern, dass ihr es grundsätzlich schätzt, dass sie für ihre Kinder das Beste wollen. Den Eltern, die mit ihren Kindern überfordert sind, tut es gut zu hören, dass ihre Kinder bei euch willkommen sind, so wie sie sind.

Inspiration für die Gruppenstunde

Wir sollen unseren Kindern Wurzeln und Flügel schenken. Das gilt nicht nur für die eigenen Kinder, sondern auch für unsere Teilnehmerinnen. Hierfür bietet sich eine kreative Gesprächsrunde mit den Gedanken aus dem Themenartikel an. Jede Teilnehmerin malt auf, was für sie Wurzeln und Flügel im Leben bedeuten. Die Mädchen können ihre Bilder ausstellen und in einer Gesprächsrunde noch mal erklären, was sie mit dem Bild ausdrücken möchten.

Eine Artikelsammlung mit dem Thema »beflügelt«. Themenartikel, Biblisches, Stundenentwürfe und Kreatives entfalten das Thema für Mitarbeiterinnen und ihre Mädchengruppen (Zielgruppe 12–17 Jahre). Vieles davon ist natürlich auch in gemischten Teen-Gruppen verwendbar 😉

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