Tränen in der Nacht

1. Erklärungen zum Text

1.1 Zu den Psalmen allgemein

Die Psalmen der Bibel sind wirklich etwas Besonderes – eine Sammlung verschiedenster Gebete, in der sich fast jede Lebenssituation finden lässt. Von ausgelassener Fröhlichkeit, die in bunten Worten Gott als den barmherzigen Schöpfer preist, bis hin zu verzweifelten Hilferufen aus tiefster Dunkelheit und Not. Diese Gebete, die oft als Lieder überliefert wurden, haben eine lange Tradition. Das Psalmenbuch in der Zusammenstellung, wie es uns heute im Alten Testament vorliegt, ist vermutlich nach dem Exil des Volkes Israel gegen 500 v. Chr. entstanden. Die meisten der Gebete waren zu dieser Zeit aber schon länger in Gebrauch gewesen.
Die einzelnen Gebete der Psalmen haben ganz unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Einige von ihnen sind von Anfang an für den Gottesdienst gedacht gewesen. Sie dienten der gemeinschaftlichen Anbetung Gottes. Manche Lieder besingen bestimmte historische Ereignisse, in denen Gott konkret eingegriffen hat. Wieder andere sind ganz persönliche Gebete von einzelnen Menschen.
Die Verfasser der Psalmen sind sehr unterschiedlich – Männer und Frauen aus verschiedenen Bildungsschichten und Regionen. Die Psalmen dokumentieren, wie Menschen durch die Zeiten mit Gott gesprochen haben, wie sie ihm begegnet sind und wie sie ihren Glauben gelebt haben. In diesem Gebetsbuch finden Menschen seit Jahrtausenden Trost, Zuspruch und Erbauung.
Im Neuen Testament werden die Psalmen oft zitiert. Etwa ein Drittel der alttestamentlichen Zitate im Neuen Testament stammen aus den Psalmen. Das weist darauf hin, dass die Psalmen für die Christen von Anfang an eine sehr große Rolle gespielt haben.

1.2 Das Besondere an Psalm 6

Der sechste Psalm wird mit König David in Verbindung gebracht. Im ersten Vers finden wir neben dem Hinweis zum Autor auch Anweisungen für die Musiker. Traditionell gehört dieser Psalm zu den Klagepsalmen. Es finden sich in diesem Gebet verschiedene Themen: Krankheit, Zweifel, Anfeindung, die Frage nach Gottes Zorn und Strafe usw. Der konkrete Auslöser der Klage wird allerdings nicht klar benannt. Drei kurze Hinweise zum Text:

a) Perspektivwechsel

Der Beter kennt Gott und er spricht ihn gleich mit dem ersten Wort direkt an. Es ist sehr hilfreich, die Entwicklung der Anrede im Verlauf des Psalms zu beobachten:

  • V.2-4,5 f.: Am Anfang steht der Beter mit seiner Not Gott gegenüber. Er klagt Gott sein Leid.
  • V.7 f.: Gott kommt hier nicht vor – es ist der Tiefpunkt des Psalms. Im Fokus steht das eigene Leid.
  • V.9-11: Hier wird nicht mehr Gott angeredet – die Perspektive verändert sich. Der Beter weiß Gott auf seiner Seite und spricht plötzlich die Feinde an.

b) Straft Gott, lässt er das Übel nur zu oder hat er nichts damit zu tun?

„Herr, strafe mich nicht voller Zorn! Schlag mich nicht in deiner Wut!“ (Ps 6,2)

Grundsätzlich wird „Züchtigung“ (Strafe) im AT nicht nur negativ verstanden. Gott wird eine Erzieherrolle zugeschrieben. Das Thema ist allerdings äußerst komplex, da jeder Autor auch ein Kind seiner Zeit ist und jeweils den aktuellen Erziehungsstil vor Augen hat.
Es scheint aber so, dass der Psalmbeter sich vorstellen kann, dass Gott ihn zum Beispiel die Konsequenzen für falsches Handeln spüren lässt. Das Problem ist jedoch größer: Der Beter fühlt sich existenziell bedroht. Sein Leben steht auf dem Spiel. Wendet sich Gott ganz von ihm ab? Er weiß – wenn das geschieht, dann wird er sterben.

Eine wirklich zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach dem Leid und seinem Ursprung habe ich noch nicht gehört. Was wir von dem Psalmbeter aber lernen können ist, dass er keine wissenschaftliche Abhandlung darüber beginnt, sondern seine Not vor Gott ausbreitet.

c) Was geschieht nach dem Tod (AT-Theologie)?

Im AT finden sich zu diesem Thema verschiedene theologische Stränge. Das Jenseits spielt aber im Wesentlichen keine tragende Rolle. Der Gerechte stirbt alt und lebenssatt (Abraham in 1. Mo 25,8; Isaak in 1. Mo 35,29; Hiob in Hi 42,17; …) – das ist das Lebensziel.

Das Totenreich (hebräisch „Scheol“), das in Vers 6 genannt wird, ist der Ort, an den die Seelen aller Gestorbener kommen. Die Vorstellungen darüber sind sehr vielfältig, in der Regel aber nicht mit der Idee eines Lebens nach dem Tod (wie es in der christlichen Tradition zu finden ist) verknüpft.
Klar ist: Der Psalmbeter will am Leben bleiben! Außerdem können in seiner Vorstellung diejenigen, die tot sind, Gott nicht mehr loben und ihm auch nicht danken.

2. Bedeutung für heute

Vielleicht geht es dir so, dass du mit dem Psalm nicht direkt etwas anfangen kannst. Der Psalmbeter ist sehr emotional. Er ist erschöpft, am Ende seiner Kräfte und während er das Leid trägt, fragt er sich, ob es nicht sogar Gott ist, der ihn straft. Das ist wohl seine größte Not – meint Gott es noch gut mit ihm?!
Der konkrete Grund für die Klage bleibt offen, vielleicht auch, damit du mit deinem Leben, mit deinen Anliegen in diese Lücken hineinkommen kannst.

Ich gebe zu, dieser Psalm überfordert mich in meinem konkreten Gebetsleben. Das liegt vermutlich an meinem kulturellen Kontext, der insgesamt eher gemäßigt ist. Ein weiterer Grund ist bestimmt auch die eher gemütliche Gesamtsituation, in der ich leben darf.
Im Nachdenken über diesen Psalm werde ich dankbar dafür, dass ich im Moment keinen konkreten Anlass für solch eine intensive Klage habe. Es macht mich aber auch betroffen, weil ich weiß, dass diese Worte genau in diesem Moment vielen meiner christlichen Geschwister aus dem Herzen sprechen. Darum bete ich den Psalm auch dann, wenn er gerade nicht in meine persönliche Situation passt. Ich bete ihn für diejenigen Menschen, die auf der Flucht sind, die verfolgt werden, die unter schwerer Krankheit leiden und mit ihren Kräften am Ende sind.

Es lohnt sich, mit den Worten der Psalmen zu beten, zu singen und über Gott nachzudenken. Dabei ist es wichtig, dass man die verschiedenen Gotteserfahrungen, die hier verarbeitet werden, erst einmal für sich stehen lässt und wahrnimmt. Wer die schwierigen Aussagen über Gott sofort relativieren will, beraubt sich einer Glaubenstiefe, von der man auch in schwierigen Zeiten zehren kann.

3. Methodik für die Gruppe

3.1 Ankommen

Emotionen

Wie geht es dir heute? Gut? Geht so? Schlecht? Es ist zunehmend so, dass viele Menschen nur sehr wenige Vokabeln haben, mit denen sie ihre Gefühle beschreiben können. Es ist hilfreich, wenn wir für das, was wir empfinden, wieder Worte finden.

Als Einstieg könntet ihr in einer kurzen, spontane Runde ins Gespräch darüber kommen, wie es euch gerade geht. Als Hilfestellung sind Karten mit verschiedenen Gefühlsadjektiven hilfreich. Manchmal helfen auch die dazugehörigen Emoticons.

3.2 Text wahrnehmen

Der vorliegende Bibeltext beinhaltet starke Emotionen. Hier einige Vorschläge, wie man sich dem Psalm mit der Gruppe nähern kann, um den Inhalt erst einmal wahrzunehmen.

Psalmenschnipsel

Drucke den Psalm mehrmals auf festem Papier in großen Schriftart aus und zerschneide die einzelnen Verse. Jeder darf sich 1-2 Verse nehmen. Legt eure Verse vor euch hin und tauscht euch darüber aus, warum ihr welche Verse gewählt habt. Anschließend könnt ihr darüber sprechen, warum manche Verse nur selten oder gar nicht gewählt wurden.

Im Text markieren

Jeder markiert für sich folgende Inhalte im Psalm: Bitten, Aussagen über den Beter, Aussagen über Gott. Was spricht dich an, was löst Widerstand aus?

Farbe bekennen

Besorgt euch das Spiel „Farbe bekennen“ (lohnt sich auf jeden Fall!)

Eine mögliche Spielvariante:

Geht den Psalm Vers für Vers durch. Nach jedem Vers legt jeder verdeckt eine der Karten mit einer Reaktion auf das Gehörte ab. Auf Kommando drehen alle um. Kommt darüber ins Gespräch, warum ihr gerade diese Karte gelegt habt. Der Vorteil dieser Methode ist, dass sich jeder äußern kann und zwar bevor er von den vorhergehenden Äußerungen beeinflusst wurde.

3.3 Mit Gott im Gespräch

Wenn man sich mit Psalmen beschäftigt, ist es wichtig, dass man nicht nur über die Psalmen spricht, sondern auch gemeinsam einübt, die Psalmen zu nutzen. Hier einige Beispiele:

Sich Worte leihen – Fürbitte

Manchmal weiß man nicht, was man in einer bestimmten Situation sagen oder beten soll. So geht es mir, wenn Menschen, die mir nahe stehen in große Not geraten (Krankheit, Todesfall, …).
Die Psalmen sind voller Worte und Formulierungen, die ich mir in solchen Situationen zueigen machen kann.

Für andere Beten

Besorge im Vorfeld eine Übersicht der Nachrichten der letzten Woche. Lest sie vor und betet dazwischen immer wieder den Psalm. Vielleicht kennt ihr auch jemanden persönlich, dem es gerade genauso geht wie dem Psalmbeter . Nennt den Namen vor Gott und betet den Psalm oder einen Teil des Psalms.

Eigenen Psalm verfassen

Wie würde denn dein ganz persönlicher Psalm heute lauten? Versuch doch mal, selbst ein Gebet aufzuschreiben. Schreiben hilft, sich zu fokussieren und auf den Punkt zu kommen. Es dauert manchmal, bis eine Formulierung das trifft, was ich gerade empfinde und ausdrücken will, aber genau diese Zeit ist besonders wertvoll. Ich bin schon häufig von meinem eigenen geschriebenen Gebet überrascht worden.

Psalm singen

Es ist gar nicht einfach, Lieder zu finden, die Klagepsalmen verarbeiten. Dabei würden ein paar modernere Klagelieder unseren Gemeinden und Kreisen wirklich guttun, weil sie uns Worte leihen könnten, die uns helfen, unsere Traurigkeit auszudrücken und zu verarbeiten.

Wie dieser Psalm wohl geklungen hat, als er im Tempel in Jerusalem gesungen wurde?
Welches Lied (z. B. aus den Charts) fällt dir dazu ein?

  • Wie soll ein Mensch das ertragen – Philipp Poisel
  • Wenn das Liebe ist – Glashaus
  • Symphonie – Silbermond
  • Abschied nehmen – Xavier Naidoo

Lieder zum Thema:

  • „Herrgott, wie lang (Du suchst mein Herz heim bei Nacht)“ (Matthias Stempfle)
  • „How long, oh Lord“ (FJ! 3, Nr 108)
  • „Herr, erbarme dich“ (FJ! 4, Nr. 24)
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